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Full text of "Die Sections-Technik im Leichenhause des Charité-Krankenhauses, mit besonderer Rücksicht auf ..."

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Die 



SECTIONS-TECHNIK 

im Leichenhause des Charitö - Krankenhauses, 

mit besonderer Küeksieht 

auf 

gerichtsärztliche Praxis 



erörtert von 



Itndolf Tircliow. 



Im Anhange 

Das Regrulatiy flir das Yerfahreii der Gerichtslirzte bei den f^erichlHclieii 

Uiitersachnugreii mouscliHcher Leichen 



6. Januar ^^__ 

vom -rrr-^-i 1875. 

18. Februar 



Dritte Auflage. 

Mit einer lithographirtcn Tafel. 



Berlin 1884. 
Verlag von August Hirscliwald. 



N.W. Unter den Linden GS. 



Alle Rechte vorbehalten. 






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im 



Inhalts - Verzeichuiss. 



Seite 

Historische Einleitung 1 

Das Regulativ von 1875 3 

Die klinische und die forensische Section 3 

Constante Methode und individuelle Abweichung 7 

Verhalten des Schädeldaches zur harten Hirnhaut ... 7 

Reihenfolge der Untersuchungen und Plan der Section .... 8 

Stand des Zwerchfells 9 

Eröffnung der Brust- und Bauchhöhle 9 

Farbe der Theile, besonders des Blutes 12 

Gefässfüllung 14 

Ungehöriger Inhalt der Körperhöhlen 18 

Untersuchung der Brusthöhle 18 

Untersuchung der Bauchhöhle 20 

Darm, Leber, Zwölffingerdarm 21 

Magen, Pancreas, Harn- und Geschlechtsorgane . 23 

Art des pathologischen Schneidens 25 

Instrumente 27 

Zahl der Schnitte 31 

Erhaltung des Zusammenhanges der Schnittstücke ... 32 

Dissection des Gehirns 34 

Dissection des Herzens 37 

Musterfälle: 46 

I. Unbekannter Mann. Tod durch Erstickung in Folge von 

Lungenblutung und Lungenödem 46 

II. Bekannter Mann. Schuss in den Kopf (Selbstmord). Tod 

durch Lungenödem 54 

III. Bekannter Mann. Schuss durch die Brust (Selbstmord). 
Tod durch Pleuritis duplex, Peri- und Myocarditis, Media- 
stinitis phlegmonodes und Peritonitis 66 

IV. Todtgeborenes Zwillingskind aus der Mitte des 10. Monats. 
Zeichen der Unreife. Erysipelas scroti, pharyngis et ce- 
rebri. Beginnende weisse Hepatisation der Lungen . , 79 



590.S7 



Seite 

Methode der Eröffnung der Brusthöhle 89 

Schnitt durch das Sternoclavicular-Gelenk, den ersten und 
die folgenden Rippenknorpel. 

Flüssigkeit des Capillarblutes 91 

Regulativ für das Vorfahren der Gerichtsärzte bei den gericht- 
lichen Untersuchungen menschlicher Leichen vom 6. Januar, 

bestätigt am 13. Februar 1875 92 

I. Allgemeine Bestimmungen §§. 1 — 8 92 

IL Verfahren bei der Obduction §§. 9—26 94 

Aeussere Besichtigung §.13 95 

Innere Besichtigung §§. 14 — 22 96 

Kopf §§. 15—16 96 

Wirbelsäule §.17 98 

Hals, Brust- und Bauchhöhle §§. 18—22. 

Allgemeines §.18 98 

Brusthöhle §.19 " 99 

Hals §. 20 101 

Bauchhöhle §.21 101 

Vergiftung §.22 103 

Neugeborne §§. 23—24 105 

Sonstige Untersuchungen §.25. ...... 106 

Schliessung der Leiche §.26 107 

III. Abfassung des Obductions-Protokolls und des Obductions- 

Berichts §§. 27—31 107 



Als ich im Jahre 1844 mit der Assistenz des Prosectors 
der Charite, Robert Froriep beauftragt wurde, fand ich 
ein ziemlich ungeordnetes Verfahren in dem damaligen 
Leichenhause vor. Nur wenige Sectionen, und diese nur 
auf besondere Requisition, wurden von dem Prosector selbst 
vorgenommen; die grosse Mehrzahl wurde von den Charite- 
Chirurgen (den nachmals mit dem Namen der Unterärzte 
bezeichneten, noch nicht durch das Staatsexamen durchge- 
gangenen jungen Doctoren) ohne alle technische Vorbildung 
ausgeführt. Protokollirt wurde überhaupt gar nicht und 
die betreffenden Notizen wurden erst nach der Section aus 
der Erinnerung zusammengestellt. Froriep selbst gab nur 
sehr selten einen Sections-Cursus: ich habe dies nur ein 
einziges Mal erlebt. Seine Methode war, trotz seiner her- 
vorragenden wissenschaftlichen und manuellen Befähigung, 
vielleicht sogar wegen dieser Befähigung, jedenfalls wegen 
ihrer beschränkten praktischen Anwendung, wenig durchge- 
bildet, ja in manchen Beziehungen so ungünstig, dass es 
schwierig war, dabei etwas zu finden. 

So, um nur ein Beispiel anzuführen, hatte er die Ge- 
'wohnheit, das Rückenmark von vorne oder von hinten her 
der Länge nach durch einen grossen Sagittalschnitt zu spalten 
und es in zwei gleiche seitliche Hälften zu zerlegen. Dies 
war freilich ein sehr eleganter Schnitt, und ihn gut auszu- 
führen, erforderte üebung und Vorsicht; aber, wenn er auch 
noch so gut ausgeführt war, so gab es doch nur sehr sel- 
ten Fälle, in denen dabei etwas herauskam. Die natür- 
liche Folge davon war, dass sich Froriep's Aufmerksamkeit 
mehr auf die Häute und auf die Nervenwurzeln richtete, 

Virchow, Sections-Teehnik. 3. Aufl. -i 



2 Methodische Untersuchung. 

dass aber gerade die häufigsten und wichtigsten Verände- 
rungen der weissen Substanz unerkannt blieben. 

Meine Aufgabe, namentlich seitdem ich im Jahre 1846 
das Amt des Prosectors erhalten hatte, war daher eine 
doppelte. Einerseits handelte es sich darum, die Sectionen 
in eine einzige Hand zu bringen, geordnete Protokolle ein- 
zuführen und diese zu sammeln, um brauchbare Summen 
zu gewinnen. Dies gelang ohne grosse Schwierigkeit, nach- 
dem eine Reihe auffälliger Vorkommnisse gezeigt hatte, 
dass ohne eine technische Hand geradezu irrthümliche Er- 
gebnisse gewonnen wurden. Sehr bald interessirte sich 
jeder klinische Lehrer und Abtheilungsdirigent dafür, dass 
ich die Sectionen machte. Als ich im Jahre 1849 dem 
Rufe nach Würzburg folgte, hinterliess ich eine grosse 
Sammlung zuverlässiger Protokolle. Leider fand ich davon 
nur wenige Bruchstücke wieder vor, als ich im Jahre 1856 
zurückgerufen wurde. 

Andererseits war es nothwendig, eine geordnete Me- 
thode der pathologisch-anatomischen Untersuchung zu finden 
und eine bestimmte Technik einzuführen, welche als Regel 
für die gewöhnlichen Fälle festgehalten werden könne. Eine 
solche Methode habe ich im Laufe der Jahre ausgebildet; 
sie ist nun lange genug im Gebrauch, um als erprobt gelten 
zu können. Sie ist von einem doppelten Gesichtspunkte 
aus gestaltet worden. Erstens musste sie die möglich 
vollständigste Einsicht in die Ausdehnung und Natur der 
Veränderungen aller Organe gestatten. Zweitens musste 
sie, um die Möglichkeit einer auch für die Unterrichtszwecke 
brauchbaren übersichtlichen Demonstration zu gewähren, so 
eingerichtet werden, dass der Zusammenhang der betreffenden 
Theile möglichst wenig aufgehoben wurde. Es sind dies 
zwei, bis zu einem gewissen Maasse einander widersprechende 
Aufgaben. Nichtsdestoweniger haben sie sich in befriedigen- 
der Weise lösen lassen. 

Es ist hier nicht meine Absicht, diese Methode in allen 
ihren Einzelheiten auseinanderzusetzen. Bis zu einem ge- 
wissen Maasse ist dies geschehen in dem von der König- 



Das Regulativ von 1875. 3 

liehen wissensehaftliehen Deputation für das Medicinalwesen 
unter dem 6. Januar 1875 aufgestellten, von dem Herrn 
Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegen- 
heiten unter dem 13. Februar desselben Jahres bestätigten 
Regulativ für das Verfahren- der Gerichtsärzte bei den ge- 
richtlichen Untersuchungen menschlicher Leichen, welches 
hier Anhang abgedruckt ist. 

Freilich entspricht dieses Regulativ nicht in allen Ein- 
zelheiten unserer Technik. Es liegt dies zum Theil in der 
verschiedenen Natur der Aufgaben, welche z. B. in der 
ganzen äusseren Besichtigung hervortritt; letztere ist für 
den Gerichtsarzt weit wichtiger, als für den pathologischen 
Anatomen. Auch hat man es in den Berathungen der De- 
putation für zweckmässig gehalten, gewisse Veränderungen 
vorzunehmen, welche eine einfachere und schnellere Hand- 
habung bei den für den gerichtlichen Zweck weniger wich- 
tigen Organen gestatten. Immerhin ist im Ganzen und 
Grossen das Regulativ ein Ausdruck der durch lange Er- 
fahrung gewonnenen Kenntniss von der zweckmässigsten 
Einrichtung des Sectionsverfahrens. 

Das Bedürfaiss, das alte Reglement vom IB. November 
1858 zu beseitigen, war nachgerade sehr dringlich geworden. 
Genau genommen, war dasselbe schon antiquirt, als es er- 
lassen wurde. Ich habe gleich nach dem Erscheinen des- 
selben seine Mängel dargelegt und ganz besonders die Noth- 
wendigkeit betont, dass man, wie überall jetzt, so auch bei 
der gerichtsärztlichen Section Vollständigkeit der Unter- 
suchung und Genauigkeit in der Methode sowohl 
der Forschung als auch der Protokollirung verlange, 
sowie dass man hinterher, aber nicht zum Voraus ent- 
scheide, ob etwas zur Sache gehört und als wesentlich an- 
gesehen werden muss, oder ob es zufällig und nebensächlich 
ist (Deutsche Klinik 1859 Nr. 2. Gesammelte Abhandlungen 
aus dem Gebiete der öflfentl. Med. und der Seuchenlehre. 
Berlin. 1879. Bd. H. S. 533). üeber diese Punkte liess 
sich schon damals eigentlich nicht streiten. Wenn trotzdem 
das Regulativ 15 Jahre lang in Kraft geblieben ist, sp 



4 Klinische und anatomische Untersuchung. 

erklärt sich dies nicht blos aus der berechtigten Nei- 
' gung der Behörden, nicht zu häufig zu ändern, sondern 
noch mehr aus der Erkenntniss, dass es nothwendig sein 
würde, erst eine grössere Zahl gut geschulter Gerichtsärzte 
heranzubilden, ehe man Anforderungen stellte, welche nicht 
unerheblich über die Grenzen dessen hinausgingen, was man 
ehedem als genügendes Maass technischer ärztlicher Bil- 
dung betrachtete. Dies galt nicht bloss in Bezug auf die 
für viele Fälle nothwendige mikroskopische Untersuchung, 
sondern selbst in Bezug auf die gewöhnliche anatomische 
Technik bei den Sectionen. 

Schon in meinen Erörterungen von 1859 habe ich daraut 
hingewiesen, wo die Neuerung liege. Ich sagte damals: 
„Noch die lebende Generation kannte die pathologische Ana- 
tomie nur als einen Anhang der Klinik. Der Kliniker stellte 
in der Regel schon bei Lebzeiten fest, welches Organ Gegen- 
stand der Untersuchung sein sollte, und die Autopsie be- 
schränkte sich ebenfalls in der Regel auf dieses Organ, oder 
behandelte wenigstens alle anderen nur nebenher. Die 
klinische Anamnese entschied also über die ana- 
tomische Untersuchung. Was dabei herausgekommen 
ist, wissen wir Alle. Der wesentlichste Fortschritt des me- 
dicinischen Wissens beruht gerade darauf, dass man sich 
daran gewöhnte, auch die übrigen Organe genauer zu unter- 
suchen. Denn man sieht ein, dass man bei der anatomischen 
Untersuchung nicht weniger thun kann, als bei der klini- 
schen.'* Ich hätte vielleicht sagen sollen, dass man bei 
der anatomischen Untersuchung mehr thun müsse, als bei 
der klinischen, schon aus dem einen Grunde, weil man 
bei der klinischen in der Regel mehrmals, nicht selten viel- 
mals auf denselben Fall zurückkommen und, was man bei 
der einen Untersuchung unterlassen hat, bei der nächsten 
oder einer der folgenden nachholen kann, während die ana- 
tomische Untersuchung Alles auf einmal abmachen muss und 
eine Wiederholung unmöglich ist. Aber auch abgesehen 
davon, ist es ein grosser Unterschied, ob ich überhaupt 
einem inneren Theile direct beikommen und ihn in allen 



Gerichtsärztliche Untersuchung. 5 

Einzelheiten prüfen kann, oder ob ich mich damit begnügen 
muss, gewisse „Symptome'^ zu verfolgen und zu verwerthen. 

Die gerichtsärztliche Technik, alle Achtung vor der 
Unabhängigkeit der gerichtlichen Medicin vorausgeschickt, 
wird sich doch stets der pathologisch -anatomischen an- 
schliessen müssen, denn die letztere ist die allgemeinere, 
welche mit Fällen aller Art zu thun hat und welche des- 
halb mehr vor jener Einseitigkeit schützt, durch welche die 
gerichtsärztliche Praxis nur zu leicht belastet wird. That- 
sächlich muss zugestanden werden, dass die gerichtsärzt- 
lichen Protokolle in ihrer überwiegenden Mehrzahl eine so 
auffällige Uebereinstimmung, selbst in der Phraseologie, eine 
so ganz besondere, nur in ihnen geläufige Sprache, einen 
solchen Mangel an wirklicher Objectivität gezeigt haben, 
dass es etwas überaus Ermüdendes hatte, eine grössere Zahl 
davon hintereinander durchzulesen. Viele sahen sich unter 
einander so ähnlich, dass man hätte glauben können, sie 
beträfen denselben Fall. 

Allmählich ist die Zahl der besser vorgebildeten Aerzte 
gewachsen. Das Examen für den Norddeutschen Bund und 
später für das Deutsche Reich hat die pathologische Ana- 
tomie als einen besonderen Prüfungsgegenstand anerkannt 
und mit demselben auch eine Prüfung in der pathologischen 
Histologie verbunden. Eine mehr eingehende Kenntniss der 
pathologisch -anatomischen Technik und der Handhabung 
des Mikroskops ist damit angebahnt, und es konnte daher, 
nachdem das Prüfungs-Reglement vom 25. September 1869 
6 Jahre in Kraft war, wohl an der Zeit sein, auch für das 
gerichtsärztliche Examen (Physikatsprüfung) ähnliche Be- 
stimmungen vorzuschreiben und darnach auch das Regula- 
tiv für die gerichtsärztlichen Obductionsvcrhandlungen ein- 
zurichten. 

Dies ist seitdem geschehen, und die Neuerung wird 
hoffentlich immer mehr segensreich auf die Thätigkeit der 
Gerichte zurückwirken. Denn ein nicht geringer Theil der 
Strafrechtspflege beruht ja eben auf einer correoten und ob- 
jectiven Untersuchung Seitens der Gericbtsärzte. 



6 Schädlichkeit ungenauer Erhebungen. 

In der That lehrt die Erfahrung, dass die grosse Mehr- 
zahl der Fälle, in denen die Gerichte sich genöthigt sehen, 
Obergutachten der MedicinalcoUegien und der wissenschaft- 
lichen Deputation für das Medicinalwesen einzuholen, solche 
Obductionsverhandlungen betreflfen, in welchen die Obducenten 
durch Ungenauigkeit der Untersuchung oder der ProtokoUi- 
rung den Thatbestand unsicher gemacht haben. Ja, es wäre 
nicht schwierig, eine grössere Zahl von Beispielen zu sam- 
meln, in denen durch die Mangelhaftigkeit der Obductions- 
verhandlung ein an sich klarer und einfacher Fall verdun- 
kelt, ein dunkler gänzlich unverständlich gemacht wurde. 
Aus dieser Wahrnehmung erklärt sich die zunehmende Menge 
der Revisionsbemerkungen, über welche manche Physici 
sich beklagen ; daraus auch die Nothwendigkeit, in das Re- 
gulativ für die Leichenuntersuchungen manche Einzelbestim- 
mung aufzunehmen, welche an sich selbstveretändlich ist, 
welche aber doch nicht immer ausgeführt wird. Ist es doch 
schon vorgekommen, dass erst in Folge der dem Staats- 
anwalt oder dem Gerichte bekannt gewordenen Revisions- 
bemerkungen die Verfolgung eines Angeklagten wieder auf- 
genommen werden konnte, die wegen der mangelhaften 
Obduction und des sehr willkürlichen Gutachtens der Obdu- 
centen längere Zeit hindurch unmöglich gewesen war. Der 
hinreichend bekannt gewordene Fall Harbaum, wo trotz der 
tadelnden und bestimmt widerlegenden Revisionsbemerkun- 
gen der Wissenschaftlichen Deputation auf Grund eines sol- 
chen willkürlichen Gutachtens der Obducenten ein Unschul- 
diger zu Zuchthausstrafe verurtheilt und erst nach Sjähriger 
Haft im Zuchthause bei Wiederaufnahme des Verfahrens 
freigesprochen wurde, mag hier nur kurz erwähnt werden 
(Vierteljahrschrift für gerichtl. Medicin und öflFentl. Sanitäts- 
wesen. 1882. Neue Folge. Bd. XXXVI. S. 193). 

Wenn nach solchen Erfahrungen *), die sich aus der bei 
den Physikats- Prüfungen gewonnenen Kenntniss von der 

^) Man vergleiche auch meine Bemerkungen über den Penge-Fall 
(Ges. Abh. aus dem Geb. der öff. Med. Bd. II. S. 538), sowie die Ver- 
handlungen von Tisza-Eszlar. 



Bedeutung der Regel. Schädeldach. 7 

üblichen Art der Untersuchung und Betrachtung noch nach 
verschiedenen anderen Richtungen leicht weiter ausführen 
Hessen, das practische Bedürfniss, stricte Vorschriften zu 
geben, sich als ein unabweisliches darstellte, so lässt sich 
für den Unterricht und für die Menge der gewöhnlichen 
Fälle nicht bezweifeln, dass die Feststellung einer con- 
stanten Methode die erste Voraussetzung eines geordne- 
ten Verfahrens für die Leichenuntersuchung ist. 

Es bedarf keines Nachweises, dass es eine gewisse 
Zahl von Fällen giebt, in welchen Abweichungen von die- 
ser Methode nicht nur zulässig, sondern geradezu geboten 
sind. Die Individualität des Falles muss oft die 
Methode der Untersuchung bestimmen. Aber man 
muss nicht mit der Individualisirung anfangen und nicht die 
Abweichungen von der Regel zum Gesetz erheben. Der 
Geübte mag sich eine Abweichung gestatten, wenn er sie 
begründen kann. Nur muss er sich dann auch der Mo- 
tive voll bewusst sein und sie angeben können. 

Dazu gehört nun aber eine volle und bewusste 
Kenntniss der Gründe, weshalb die Methode oder 
die Regel aufgestellt ist. Die Methode soll nicht 
mechanisch, sondern planmässig geübt werden, wie sie nicht 
zufällig, sondern auf Grund wohl erwogener Erfahrung auf- 
gestellt ist. Wer diese Gründe kennt, der wird auch beur- 
theilen können, wann sie nicht zutreffen und wann eine 
Abweichung von der Regel angezeigt ist. So wird es als 
Regel festzuhalten sein, dass bei Eröffnung der Kopf höhle 
zuerst die vorliegenden Theile: harte Hirnhaut, Länsgblut- 
leiter, weiche Hirnhaut, Oberfläche der Grosshirnhalbkugeln 
der Reihe nach untersucht und beschrieben werden. Aber 
wenn sich Verwachsungen der harten Hirnhaut mit dem 
Schädel finden, so ist es zweckmässig, die harte Hirnhaut 
sofort zu durchschneiden, ehe man noch das Schädeldach 
abreisst, und dann Schädeldach und daranhaftende Hirn- 
haut auf einmal abzuheben. Denn wenn man lange und 
gewaltsame Versuche macht, den Schädel von der noch ge- 
schlossenen, adhärenten harten Haut abzulösen, so zerreisst 



8 Reihenfolge. Stand des Zwerchfells. 

man gewohDlich die letztere, quetscht das Hirn selbst and 
erhalt so künstlich reränderte Theile, deren orsprüngliche 
Beschaffenheit zuweilen gar nicht mehr zu ermitteln ist. 
Da bei Neugeborenen und Kindern dies Verhältniss der 
Adhärenz das regelmässige ist, so wird man für Neuge- 
borne und Kinder eine regelmässige Abweichung 
von der bei Erwachsenen richtigen Methode eintreten lassen, 
wenn man sich nicht der Gefahr aussetzen will, statt des 
Gehirns einen Brei zu erhalten. Findet sich bei Envachse- 
nen ausnahmsweise dieselbe Adhärenz als eine indiW- 
dnelle Erscheinung, so wird auch bei ihnen die abweichende 
Methode in Anwendung zu bringen sein. 

Nichts ist bei einer geordneten, wissenschaftlichen 
Leichenuntersuchung schwieriger und bedeutungsvoller, als 
die Einsicht in die Gründe, weshalb eine bestimmte Reihen- 
folge der einzelnen üntersuchungsacte festgehalten 
wird. Betrachten wir daher diesen Punkt etwas genauer. 
Von der Reihenfolge ist der Gang der Untersuchung 
überhaupt abhängig. Wenn man für die gewöhnlichen Fälle 
einen bestimmten Gang, eine vorgezeichnete Reihenfolge ver- 
langt, so geschieht dies nicht blos deshalb, weil eine solche 
Ordnung am sichersten die Vollständigkeit der Unter- 
suchung verbürgt und vor dem Vergessen wichtiger Theile 
schützt, sondern noch mehr deshalb, weil eine ungeordnete 
Reihenfolge nur zu leicht die spätere Erhebung bedeutender 
Befunde unmöglich macht. Eine planlose Untersuchung 
zerstört künstlich und vorzeitig die vorhandenen 
Körperzustände. 

Nehmen wir einige Beispiele. Der Stand des Zwerch- 
fells ist für viele Untersuchungen von hervorragender Wich- 
tigkeit. Eröffnet man die Brusthöhle vor der 'Bauchhöhle 
oder auch nur gleichzeitig mit der Bauchhöhle, oder stellt 
man nach primärer Eröffnung der Bauchhöhle den Stand des 
Zwerchfells nicht fest, bevor man die Brusthöhle eröffnet, 
so ist es nachher überhaupt nicht mehr möglich. In der 
älteren Zeit, als die Kliniker durch ihre Assistenten oder 
Unterärzte die Sectionen machen Hessen, war der Gebrauch 



Brust- und Bauchhöhle. 9 

fast allgemein, dass man schon vor dem Hinzutritt des ärzt- 
lichen Personals Brust- und Bauchhöhle durch einen Ana- 
tomiediener öffnen Hess. Man wollte eben Zeit und Mühe 
ersparen. In der gerichtsärztlichen Praxis zeigte sich bald, 
dass man bei dieser Behandlung den Zustand des Thorax 
und seiner Organe nicht correct bestimmen konnte. Na- 
mentlich bei Neugeborenen, bei denen sich das erste In- 
teresse in der Frage nach der stattgehabten Athmung, und 
nicht blos nach der Athmung überhaupt, sondern auch nach 
der Grösse derselben concentrirt, musste nothwendig der Stand 
des Zwerchfells ermittelt werden. Daher kam die Vorschrift, 
zuerst die Bauchhöhle zu eröffnen; das Regulativ von 1858 
war in dieser Beziehung ganz correct. Es bestimmte in 
§ 17 sub a.: 

„Es ist schon nach Eröffnung der Bauchhöhle der 
Stand des Zwerchfells nach der entsprechenden 
Rippe zu beachten, zu dessen richtiger Ermittelung 
bei Neugeborenen überall die Bauchhöhle zuerst und 
dann erst die Brust- und Kopf höhle zu eröffnen sind." 
Unglücklicherweise wurde aber diese so richtige Be- 
stimmung durch die kurz vorhergehenden Worte unklar. Es 
hiess nämlich: 

„Es ist die Athemprobe anzustellen und zu diesem 
Zweck 

a) schon nach Eröffnung der Bauchhöhle u. s. w.'' 
Dieser Eingang war ganz unzutreffend. Denn der Stand 
des Zwerchfells ist nicht zum Zwecke der Athemprobe 
festzustellen, da ja Athemprobe und Stand des Zwerchfells 
coordinirte Mittel zur Feststellung der stattgehabten Ath- 
mung sind, der Stand des Zwerchfells aber nicht bloss von 
der Respiration, sondern auch von dem jeweiligen Inhalt 
der Brusthöhle abhängig ist. 

Aber noch schlimmer war die Zweideutigkeit in der 
Wahl des Ausdruckes: „Eröffnung". An sich ist freilich 
Eröffnung nicht gleichbedeutend mit Section; aber viele Ge- 
richtsärzte nahmen Eröffnung in dem Sinne von Section, und 
statt nach Eröffnung der Bauchhöhle und Feststellung des 



10 Brust- und Bauchhöhle. 

Standes des Zwerchfells sich sofort an die Eröffnung und 
Section der Brusthöhle zu machen, vollendeten sie die 
Section der Bauchhöhle, ehe sie auch nur die Brust- 
höhle eröffneten. Ja, diese schlechte Praxis wurde so 
allgemein, dass die MedicinalcoUegien in ihren Eevisions- 
bemerkungen es tadelten, wenn hier und da ein besser ge- 
schulter Physicus die Section der Bauchhöhle vertagte, bis 
die Brusthöhle untersucht war. 

Was ist aber die Folge einer solchen Priorität der Sec- 
tion der Bauchhöhle? Ich will annehmen, dass bei der Her- 
ausnahme der Milz, des Magens und der Leber das Zwerch- 
fell nicht angeschnitten worden ist, obwohl es gewiss häufig 
genug geschehen ist, aber das ist doch ganz unvermeid- 
lich, dass bei der Durchschneidung der Lebervenen (bei 
Herausnahme der Leber) und bei der besonders vorge- 
schriebenen Eröffnung der unteren Hohlvene das Blut theil- 
weise oder, wenn es nicht geronnen ist, ganz aus der rech- 
ten Vorkammer durch die eröffneten grossen Venenstämme 
sich, entleert. Kommt man dann nachher an die Brust- 
höhle, so findet man möglicherweise die reclite Vorkammer 
und mit ihr das rechte Herz zusammengefallen, blutarm 
oder gar blutleer, wo es bei geordneter Untersuchung viel- 
leicht gerade gefüllt hätte erscheinen sollen. Wie oft ist 
hierdurch der Befund alterirt, das Gutachten gefälscht 
worden! 

Daher schreibt das jetzige Regulativ vor, was ich seit 
Jahren gelehrt habe, dass die Bauchhöhle allerdings zuerst 
eröffnet, aber nicht zuerst secirt werde. Nichts ist zunächst er- 
forderlich, als den Stand des Zwerchfells, die Lage der Or- 
gane, die Farbe der vorliegenden Theile und den etwa vor- 
handenen ungehörigen Inhalt der Bauchhöhle zu bestimmen. 
Dann ist sofort an die Brusthöhle zu gehen, es sei denn, dass 
ein zwingender Grund vorhanden ist, von der Regel ab- 
zuweichen. Als ein solcher zwingender Grund ist stets der 
Verdacht auf Vergiftung anerkannt worden, da in diesem 
Falle der Magen Mittelpunkt der ganzen Untersuchung ist 
und alle Vorsicbtsmaassregeln darauf gerichtet sein müssen. 




Bauchhöhle. 11 

ihn nebst seinem Inhalte unverkürzt und unverändert in die 
Gewalt des Gerichts zu bringen. 

Die Vorschrift, in der Regel die Section der Bauchhöhle 
erst nach der Section der Brusthöhle, dagegen die Eröff- 
nung der Bauchhöhle und die Constatirung der allgemeinen 
Verhältnisse derselben schon vor der Eröffnung der Brust- 
höhle vorzunehmen, hat in dem jetzigen Regulativ gewisse 
veränderte Anordnungen in Bezug auf die äussere Gestalt 
des ObductionsprotokoUs nothwendig gemacht, an welche 
sich die Gerichtsärzte nur schwer gewöhnen. Darüber 
ist es jedoch nicht nöthig, weiter zu sprechen. Dagegen 
ist es, wie mir scheint, nicht überflüssig zu erwähnen, warum 
die Constatirung der allgemeinen Verhältnisse der Bauchhöhle 
der Eröffnung der Brusthöhle vorangehen soll. 

Das Regulativ bestimmt in dieser Beziehung im § 18 
Alinea 2 Folgendes: 

,, Dabei ist sofort die Lage, die Farbe und das son- 
„stige Aussehen der vorliegenden Eingeweide, sowie 
„ein etwa vorhandener ungehöriger Inhalt anzugeben, 
„auch durch Zufassen mit der Hand der Stand des 
„Zwerchfells zu bestimmen." 
Dass die ursprüngliche Lage der Baucheingeweide nicht 
mehr genau bestimmt werden kann, wenn die Brusthöhle erpff- 
net und die vorderen Anheftungen des Zwerchfells in grosser 
Ausdehnung zerschnitten sind, ist klar. Je weiter die Unter- 
suchung der Brusthöhle fortschreitet, je mehr Organe aus 
derselben herausgenommen, je mehr Verbindungen des 
Zwerchfells mit Theilen der Brusthöhle zerschnitten werden, 
um so mehr wird das Zwerchfell lose, um so stärker ver- 
schieben sich Baucheingeweide gegen die Brusthöhle hin. Tritt 
nun bei der weiteren Untersuchung irgend ein Verhältniss 
hervor, welches vorher nicht bemerkt wurde und welches eine 
Vergleichung der Lage der Baucheingeweide im Verhältniss 
zu verletzten Theilen der Körperwandungen erforderlich macht, 
handelt es sich darum, die gegenseitige Lage zweier Bauch- 
eingeweide zu einander zu prüfen, so ist dies mit Sicher- 
heit nicht mehr ausführbar. Ich eriimere nur m die »icbt 



12 Farbe der Theile 

seltenen Fälle, in denen beginnende Peritonitis gefunden 
wird und in denen ermittelt werden muss, ob diese Peri- 
tonitis durch eine traumatische Einwirkung hervorgerufen 
oder durch einen pathologischen Vorgang in einem der 
Baucheingeweide selbst erzeugt ist. Liegt die Stelle, wo 
die Zeichen einer solchen noch begrenzten Peritonitis her- 
vortreten , nicht sofort bei Eröffnung der Bauchhöhle zu . 
Tage, so wird der ursächliche Zusammenhang kaum noch 
festzustellen sein, wenn vor dem Aufsuchen der fraglichen 
Stelle wesentliche Lageveränderungen der Eingeweide her- 
beigeführt worden sind. 

In Bezug auf die Farbe ist zunächst daran zu erinnern, 
dass die Farbe vieler Theile allerdings fast allein durch 
das Blut bestimmt wird, dass es jedoch auch nicht wenige 
Organe giebt, deren Gewebe, ganz abgesehen von dem Blut, 
eine selbständige Farbe besitzt, d. h. durch specifische 
Farbstoffe (Pigmente) gefärbt ist. Dahin gehören die Mus- 
keln, die Milzpulpa, die Leber, die Hoden, zum Theil die 
Haut und in gewissem Sinne die Lungen. Hier setzt sich 
demnach die Farbe jedesmal aus zwei Elementen: der 
Blutfarbe und der Gewebs- (Parenchym-) Farbe zu- 
sammen, und der beschreibende und protokollirende Arzt 
muss sich darüber klar werden, welches dieser beiden Ele- 
mente oder ob vielleicht beide in Betracht kommen. Dazu 
kann unter krankhaften Verhältnissen noch ein drittes Ele- 
ment treten, nämlich die Einlagerung irgend welcher 
gefärbter Theile z. B. von Eiter, Galle, Extravasat u. s. w. 

Immerhin ist die Hauptsache die Feststellung der durch 
intravasculäres Blut bedingten Färbung und in dieser Be- 
ziehung ist "hervorzuheben, dass die Meinung noch jetzt sehr 
verbreitet ist, man könne an der hochrothen oder hellrothen 
Farbe das arterielle Blut, also auch die arteriellen Gefässe, 
an der Leiche, wie am Lebenden, erkennen. Diese Meinung 
beruht auf einem Grundirrthum. Alles arterielle Blut 
in einer Leiche sieht dunkelroth aus. Dies gilt ebenso 
sehr von dem Blute der Lungenvenen und des linken Her- 
zens, wie von dem der Aorta und der peripherischen Ar- 



Blutfarbe in Leichen. 13 

terien. Wer jemals die grossen Arterien an der Himbasis, 
die ihrer relativ oberflächlichen Lage wegen so bequem für 
die Betrachtung sind, mit Aufmerksamkeit angeschaut, wer 
ihr blaurothes, durchweg venöses Aussehen sich eingeprägt 
hat, oder wer jemals das Blut der linken Vorkammer des 
Herzens, welches zuletzt von der Lunge hergekommen ist 
und welches zuletzt geathmet hat, bei solchen Perso^ien, die 
nicht an Erstickung gestorben sind, angesehen und dessen 
schwarzrothe Färbung wahrgenommen hat, der sollte auf 
immer von dem Irrthum geheilt sein, dass es in einer Leiche 
hellrothes arterielles Blut gebe. Mit Ausnahme der Lunge 
selbst, und zwar einer solchen, welche mit Luft gefüllt ist, 
wo also noch nach dem Tode eine gewisse Sauerstoflfauf- 
nahme stattfinden kann, sieht kein frisch blossgelegter 
Leichentheil hellroth aus. Und selbst in der Lunge ist dies 
gewöhnlich nicht in dem Maasse der. Fall, wie man wohl 
annimmt. Denn hier ist es die vielfache Durchsetzung des 
bluthaltenden Gewebes mit lufthaltenden Alveolen, wodurch, 
wie bei jeder Schaumbildung, eine weissliche Färbung ent- 
steht, die, auch mit Dunkelroth gemischt, einen hochrothen 
Farbenton giebt. Man sieht dies sehr schön an den Lungen 
Neugebomer. 

Es versteht sich daher von selbst und es kann über- 
dies in den einzelnen Fällen gewöhnlich direct bewiesen 
werden, dass man an keinem Theil eines Eingeweides einer 
Leiche eine arterielle Injection an der Farbe des Theils 
zu erkennen vermag. Selbst bei hohen Graden ar- 
terieller Injection kann ein Theil ebenso blau- 
roth oder schwarzroth aussehen, wie bei venöser 
Hyperämie. Wer sich darüber unterrichten will, der 
möge sich nur an die Nieren machen, wo die Malpighischen 
Knäuel, also rein arterielle Theile, bei starker Füllung ihrer 
Gefässe als ganz schwarzrothe Punkte oder Kömchen mit 
blossem Auge oder mit einer einfachen Loupe leicht sicht- 
bar sind. 

Aber das Blut verliert mit dem Tode die Fähig- 
keit nicht, Sauerstoff aufzuehmen und damit ein 



14 Blatfarbe und Gefässfüllang. 

arterielles Aussehen, d. h. eine hochrothe Färbung zu ge- 
winnen. Freilich gilt dieser Satz nicht ohne Einschränkung, 
denn es giebt besondere Fälle, in denen das Blut schon vor 
dem Tode eine sehr verminderte Fähigkeit zur SauerstofF- 
aufnahme besitzt, und andere, wo es nach dem Tode sich so 
verändert, dass es diese Fähigkeit gänzlich verliert. In bei- 
den Fällen ist aber auch das arterielle Blut in derselben 
Lage. Umgekehrt besitzt auch in den gewöhnlichen Fällen 
das venöse Blut der Leiche die Fähigkeit der Sauerstoff- 
anfnahme. So kann es geschehen, dass ein mit venöser 
Hyperämie behafteter Theil, welcher der Luft ausgesetzt 
wird, in einiger Zeit hochroth wird und das Aussehen einer 
arteriellen Injektion darbietet. Natürlich verändern grössere 
und stark gefüllte Venen sich weniger leicht und schnell, 
als kleine: daher ist der häufigste Ort der Verwechselung 
dasjenige Venennetz, welches sich zunächst aus den Venen- 
wurzeln zusammensetzt. 

Wie viele irrige ürtheile sind durch Mangel an Ver- 
ständniss dieser so einfachen Verhältnisse schon herbeige- 
führt worden! Wie oft hat man eine Reizung oder geradzu 
eine Entzündung bloss aus einer hochrothen Färbung der 
, Theile oder aus einer hochrothen Injection der kleinen Ge- 
fdsse abgeleitet, während doch diese Färbung sich erst 
während der Section gebildet hatte! Denn die Zeit, welche 
man gewöhnlich zur Untersuchung der Organe der Brust- 
höhle gebraucht, genügt vollkommen, um an den blossge- 
legten Eingeweiden der Bauchhöhle eine früher dunkelrothe 
Färbung in eine hellrothe umzuwandeln. Daher die Forde- 
rung des Regulativs, dass die Farbe der vorliegenden Theile 
der Bauchhöhle sofort nach der EröfiFnung der letzteren, d. h. 
vor der Einwirkung des neu hinzutretetenden Luftsauerstoffs, 
festgestellt werde. 

Da ich einmal diese Angelegenheit berührt habe, so 
mögen hier noch einige Worte mehr über die so viel ge- 
missbrauchten Gefässfüllungen stehen. In dieser Be- 
ziehung scheint es mir nach den leider nur zu häufigen Er- 



Capillarinjection. 15 

lebnissen, die sich meinem Gedächtnisse eingeprägt haben, 
von Wichtigkeit, folgende Punkte hervorzuheben : 

1. Capillarinjection ist als solche überhaupt 
mit blossem Auge nicht zu sehen. Auch die feinsten 
Gefässnetze, welche man mit blossem Auge noch zu unter- 
scheiden vermag, sind entweder arterielle oder venöse, und 
zwar der Mehrzahl nach venöse. Dies gilt namentlich 
von den Schleimhäuten, bei denen die verhältnissmässig ober- 
flächliche Lage der Venenwurzeln am häufigsten das Miss- 
verständniss hervorruft, man habe es mit Capillaren zu thun. 
Alle Capillaren sind mikroskopische Gebilde, und wenn sie 
mit Blut gefüllt sind, so sieht man nicht rothe Capillaren, 
sondern rothes Gewebe. Dieses Roth schimmert aus dem 
Innern des Gewebes hervor, und man kann hier in einem 
gewissen Sinne mit Recht sagen: das Gewebe ist injicirt. 
Nirgend lässt sich dieser Zustand so gut beobachten, wie 
an der Himsubstanz, namentlich an der so weichen und 
durchscheinenden grauen Himsubstanz. Alle Nuancen vom 
schwächsten röthlichen Schimmer bis zu einem dunkeln 
Hortensiaroth kommen hier vor, und wenngleich man in den 
rothen Stellen auch einzelne feine, mit Blut gefüllte Gef ässe 
erkennt, so ist es doch leicht, sich zu überzeugen, dass 
diese Gefässe die Färbung des Gewebes nicht bedingen. 
In dieselbe Kategorie gehört jene eigenthümliche marmo- 
rirte Röthe, welche nicht selten in der weissen Marksub- 
stanz und in den Seh- und Streifenhügeln vorkommt, und 
welche viele Aehnlichkeit mit den ersten Erscheinungen der 
„Froströthe'' an der Oberfläche des Körpers darbietet. Ich 
habe in meiner Cellularpathologie (4. Aufl., S. 107, Fig. 36) 
die Abbildung eines solchen Verhältnisses gegeben; man kann 
sich daran leicht orientiren: nur die wenigen grösseren Ge- 
fässe, welche in der Zeichnung dargestellt sind, würden zur 
Noth mit einer Loupenvergrösserung erkannt werden; alle 
anderen Gefässe werden erst bei eigentlich mikroskopischer 
Betrachtung sichtbar. Man muss es daher begreifen, dass 
es für einen kundigen Mann einigermaassen komisch klingt, 
wenn in manchen Sectionsberichten die „entzündliche Hyper- 



16 Arterien und Venen. 

ämie" als etwas unmittelbar und mit blossem Auge Beobach- 
tetes hingestellt wird. Nirgends ist dies komischer, als beim 
Magen, wo man aus der Mehrzahl der betreffenden Pro- 
tokolle nachweisen kann, dass die Beobachter nur Venen 
gesehen haben. 

2. Der venöse oder arterielle Character eines 
Gefässes ist niemals aus der Beschaffenheit des 
in ihm enthaltenen Blutes, sondern immer nur 
aus seinem Bau, seiner Verbindung und seiner 
Lage zu erkennen. Mit anderen Worten, es ist nicht 
erst bei der Section zu entdecken, welches Gefäss eine 
Arterie oder eine Vene sei, sondern man muss dies wenig- 
stens für alle grösseren Gefässe schon vorher wissen. Es 
ist mir freilich einmal vorgekommen, dass ein practischer 
Arzt im Physikats-Examen , als ich ihn (in Folge ver- 
schiedener irrthümlicher Angaben) über die Natur einiger 
grösserer Hirngefässe befragte, mir anscheinend sehr er- 
staunt entgegnete, er habe sich darauf nicht vorbereitet, weil 
er nicht gewusst habe, dass im Physikats-Examen normale 
Anatomie gefragt würde. Indess glaube ich doch den Satz 
vertreten zu können, dass ohne eine genaue Kenntniss der 
Angiologie, und zwar auch der- feineren, eine gerichtsärzt- 
liche Untersuchung so leicht falsche Ergebnisse zu Tage 
fördern kann, dass man keinen Gerichtsarzt davon dispen- 
siren darf, sich in diesen Dingen fest zu machen. Wenn 
ich sage, Gerichtsarzt, so will ich damit natürlich nicht 
sagen, dass ein gewöhnlicher Arzt das nicht zu wissen 
brauche, aber ich wollte damit ausdrücken, dass das Maass 
der Verpflichtung für den Gerichtsarzt noch ein höheres sei. 
Inf Verlegenheitsfällen, und ich räume ein, dass auch der 
geübte Arzt, ja selbst der Anatom in solche Fälle kommen 
kann, giebt es ein Mittel, welches eine meist ausreichende 
Aushülfe gewährt; das ist die weitere Verfolgung des Ge- 
fäss Verlaufes, bis man an Stellen kommt, wo durch die 
Grösse des Gefässes auch für den minder geübten kein 
Zweifel mehr bleiben kann. Ist namentlich ein kleineres 
Gefäss in einer Haut mit Blut gefüllt, so gelingt es oft, 



Gefässfüllung. 17 

durch Verschieben des Blutes den Weg genau zu erkennen, 
wohin das Gefäss läuft, und die Verbindungen festzustellen, 
welche es eingeht. 

3. Eine Angabe über den Blutgehalt eines 
Theils kann nur dann annähernd genau verstan- 
den werden, wenn die Beschreibung sowohl die 
Art von Gefässen, in welchen das Blut enthalten 
ist, als auch den Grad ihrer Füllung einigermaassen 
andeutet. Ich will damit nicht behaupten, dass es mög- 
lich sei, ohne feinere Untersuchung, die ja nicht überall 
möglich ist, für alle Theile solche Angaben zu machen, 
und ich gestehe zu, dass es bei vielen Theilen ausreichend 
ist, eine allgemeine Beschreibung ihres Aussehens und 
ihrer Farbe zu geben. Dies gilt z. B. von der Milz, bei 
der Niemand aus dem blossen Ansehen der Schnittfläche 
ein ausreichendes ürtheil darüber gewinnen wird, welche 
der kleineren Gefässe und wie sehr sie gefüllt sind. Aber 
es giebt eine grosse Menge von Theilen, und dahin gehören 
ganz besonders die Schleim- und serösen Häute, also die 
meisten inneren Oberflächen, an denen eine Untersuchung 
recht wohl ausführbar ist und an denen es in wichtigen 
Fällen immer versucht werden sollte, die Natur der bethei- 
ligten Gefässe sicher zu ermitteln. Leichter ist es freilich, 
statt einer solchen Beschreibung ein Urtheil auszusprechen, 
aber die Erfahrung, wie wenig mit solchen Urtheilen zu 
machen ist, hat die Wissenschaftliche Deputation veranlasst, 
in das Regulativ § 28 al. 3 folgende Bestimmung aufzunehmen: 
„In jedem Falle muss eine Angabe über den Blut- 
gehalt jedes einzelnen wichtigen Theils und zwar 
auch hier eine kurze Beschreibung und nicht blos 
ein Urtheil (z. B. stark, massig, ziemlich, sehr ge- 
löthet, blutreich, blutarm) gegeben werden. '^ 
Es mag an dieser Auseinandersetzung genügen, um 
daran klarzulegen, in welcher Weise Angaben über die 
Farbe der vorliegenden Eingeweide in der Bauchhöhle zu 
machen sind, und inwiefern es wichtig ist, sie sofort nach 
Eröff'nung der Bauchhöhle zu macheu. Nur das Eine will 

Virckow, Sections-Techuik. 3. Aufl. O 



18 Inhalt der Bauchhöhle. Brusthöhle. 

ich darüber noch bemerken, dass jede Manipulation mit 
den Därmen und anderen Theilen der Bauchhöhle, wodurch 
ihre Höhenlage geändert, die gegenseitigen Druckverhält- 
nisse gemildert oder gesteigert, oder gar ein directer Druck 
mit der Hand ausgeübt wird, auch den Blutgehalt ver- 
ändert, ja nicht allein den Blutgchalt, sondern auch den 
Gehalt der einzelnen Darmabschnitte an Gas, flüssigem oder 
breiigem Inhalt u. s. w. 

Noch weit wichtiger, als die Feststellung der Farbe, 
ist die sofortige Constatirung eines etwaigen ungehörigen 
Inhalts in der Bauchhöhle. Ist dies Gas, so ist es wohl 
selbstverständlich, dass seine Anwesenheit nur im Momente 
der Eröffnung überhaupt constatirt werden kann. Ist es 
Flüssigkeit, so besteht die Gefahr, dass, wenn mau sie 
nicht alsbald sammelt, ein Theil davon abfliesst. In jedem 
Falle aber ist es schwer vermeidlich, dass bei der Eröffnung 
der Brusthöhle und der weiteren Untersuchung ihrer Organe 
Blut und andere Flüssigkeiten von daher in die Bauchhöhle 
gelangen und so den späteren Befund in derselben verunrei- 
nigen oder geradezu fälschen. Das Gleiche gilt von dem 
Falle, wo nicht die Brusthöhle, sondern einzelne Theile der 
Bauchhöhle selbst den nächsten Angriffspunkt der Unter- 
suchung bilden, z. B. der Magen. Es ist überaus schwer, 
bei der Herausnahme und Eröffnung dieses Organs Verun- 
reinigungen der Bauchhöhle zu vermeiden, und wenn daher 
nicht schon vorher festgestellt ist, ob anomaler Inhalt in letzte- 
rer vorhanden und wie derselbe beschaffen ist, so wird es sich 
nachher wohl kaum noch mit Sicherheit ausführen lassen. — 

Kürzer kann ich mich fassen in Bezug auf den ersten 
Theil der Untersuchung der Brusthöhle. Indess, so klar 
hier auch die Verhältnisse liegen, so weiss ich doch aus 
vielfältiger Erfahrung, wie schwer es ist, gerade hier eine 
methodische Reihenfolge zu erzielen. Zur Erklärung muss 
ich zunächst eine scheinbar paradoxe Bemerkung machen. 
Brusthöhle ist genau genommen ein ganz abstracter 
Begriff. In Wirklichkeit entspricht ihm nichts, als der 
Zustand eines Skelets (macerirten Körpers) oder der eines 



Pleurasäcke. 19 

exenterirten Cadavers. Ein lebendiger Mensch und eine ge- 
wöhnliche Leiche besitzen nicht eine Brusthöhle, sondern 
mehrere. Da sind vor Allem zwei ganz getrennte Brustfell- 
säcke und demnach auch Brustfellhöhlen, und demnächst 
der Herzbeutel und in ihm die Herzbeutelhöhle. 

Daher eröffnet man eigentlich niemals an einer Leiche 
„die Brusthöhle", vielmehr, wenn man nicht etwa unge- 
schickter Weise schon beim Abtrennen des Brustbeins auch 
den Herzbeutel anschneidet und „eröffnet", gelangt man bei 
der gewöhnlichen Ablösung des Brustbeins und der Rippen- 
knorpel jederseits in ^ine Brustfellhöhle oder in einen Brust- 
fellraum. Der sogenannte Mittelfellraum ist keine Höhle, 
sondern eine mit losem Fett und Bindegewebe gefüllte 
Scheidewand, und man wird für das Verständniss immer 
besser sorgen, wenn man das Mediastinum als ein Septum 
darstellt, als wenn man es einen „Raum" nennt. Gelangt 
man also sofort bei der „Eröffnung der Brusthöhle" in die 
Pleurasäcke, so wird es auch hier, wie bei der Bauchhöhle^ 
Pflicht sein, sofort diese beiden Säcke in Bezug auf Lage, 
Farbe u. s. w. der Eingeweide, ganz ' besonders aber in 
Bezug auf einen etwa vorhandenen ungehörigeji Inhalt zu 
prüfen. Dies ist von noch weit grösserer Dringlichkeit, als 
bei der Bauchhöhle, weil nur zu oft bei der Durchschnei- 
dung der ersten Rippe und des Sternoclaviculargelenks, so- 
wie bei der definitiven Entfernung des Brustbeins grössere 
Venen (V. mammaria int., jugularis int., anonyma etc.) an- 
gestochen, angeschnitten oder zerrissen werden und aus 
denselben flüssiges oder auch geronnenes Blut austritt. 
Nach kurzer Zeit senkt sich dies in einen der Pleurasäcke 
oder auch wohl in beide, und gleichviel, ob in denselben 
schon vorher ein Inhalt war oder nicht, man ist nachher 
nicht mehr im Stande, weder über die Menge, noch über 
die Beschaffenheit, noch in manchen Fällen über die Prä- 
existenz eines Inhalts ein sicheres ürtheil abzugeben. Ich 
brauche nicht auseinanderzusetzen , von wie grosser Bedeu- 
tung für die Beurtheilung eines Falles der Nachweis eines 
anomalen Inhaltes in einem oder in beiden Pleurasäcken 

2* 



20 Reihenfolge der Untersuchungen in Brust und Bauch. 

sein kann; es liegt auf der Hand, wie nothwendig es 
ist, die Untersuchung der „Brusthöhle'^ jedesmal mit einer 
Constatirung des Zustandes der Pleurasäcke zu beginnen, 
und inzwischen sowohl die Lunge, als auch den 
Herzbeutel unversehrt zu lassen. Denn wenn man 
gar erst den Herzbeutel eroffnen und das Herz selbst auf- 
schneiden will, che man feststellt, ob Haematothorax oder 
Hydrothorax oder Pleuritis vorhanden ist, so sollte man gar 
nicht erst die Section anfangen. 

Es ist aber ebenso klar, dass man nicht die Lungen 
aus der Brust herausnehmen sollte, ehe man das Herz unter- 
sucht hat. Eine solche Herausnahme ist nicht anders mög- 
lich, als unter Durchschneidung der Lungenarterien und der 
Lungenvenen. Will man diese nicht vorher unterbinden, 
was nicht üblich ist und wozu keine Veranlassung vorliegt, 
so wird mit der Durchschneidung der genannten grossen 
Gefässe ein gewisser Theil des Inhaltes der linken Vor- 
kammer, des Conus arteriae pulmonalis und des rechten 
Ventrikels ausfliessen, und man thut in Bezug auf diese 
Theile dasselbe, was man bei der Herausnahme der Leber 
und der Eröffnung der unteren Hohlvene vor Eröffnung der 
Brusthöhle in Bezug auf die rechte Vorkammer zu Stande 
bringt, nämlich man eraeugt eine Verminderung in dem 
Füllungszustande oder auch wohl eine völlige Entleerung 
wichtiger Herztheile. — 

Unter derartigen Erwägungen gestaltet sich in sehr 
natürlicher Weise und aus gewiss zureichenden Gründen 
eine bestimmte Reihenfolge in der Untersuchung der Theile, 
die durchaus nicht von persönlichen Velleitäten oder äusser- 
lichen Umständen der Bequemlichkeit abhängig ist, die viel- 
mehr aus der Natur der Dinge selbst d. h. aus der Ein- 
richtung des menschlichen Körpers sich als eine Noth- 
wendigkeit ergiebt. 

Ich beabsichtige an dieser Stelle keine erschöpfende 
Darlegung der Gründe, weshalb ich gerade diejenige Eeihen- 
folge einschlage, welche in dem Regulativ ihren gesetzlichen 
Ausdruck gefunden hat. Indess möchte ich wenigstens in 



Darm, Leber. 21 

Bezug auf die Reihenfolge, welche für die Orgaue der Bauch- 
höhle festgestellt ist, noch einige Aufklärungen geben: 

a. Dass ich den Darm zuletzt untersuche, geschieht 
aus Gründen der Reinlichkeit. Es ist an sich eine höchst 
widerliche Sache, sich mit dem Darminhalt zu beschäftigen. 
Selbst bei der grössten Sorgfalt lässt es sich nicht vermeiden, 
dass man sich selbst, die Instrumente und Gefässe, den Sec- 
tionstisch und die Leiche verunreinigt. Ich will von dem Ge- 
ruchssinn nicht sprechen, obwohl ich es nicht recht verstehe, 
wenn Mancher, der eine Section macht, sich anstellt, als 
sei ihm dieser Sinn gänzlich verloren gegangen. Irgend 
ein Nachtheil ist damit nicht verbunden, wenn man (in der 
Kegel) den Darm zuletzt vornimmt. Denn man kann alle 
andefen Theile bequem untersuchen, herausschneiden und 
weiter behandeln, ohne dass der Darm dadurch betroffen 
würde. Wenn indess Jemand auf die Reinlichkeit weniger 
Werth legtj wenn vielleicht ein »ehr eiliger Kliniker da ist, 
' der vor allen Dingen den Darm untersucht zu sehen wünscht, 
so steht technisch auch nichts entgegen, den Darm vor den 
übrigen Eingeweiden zu untersuchen, da man ihn bei eini- 
ger Vorsicht gleichfalls herausnehmen kann, ohne die anderen 
Theile zu verletzen. Eine Ausnahme macht nur der 
Zwölffingerdarm, insofern an ihm die Ausfuhrungsgänge 
der Leber und der Bauchspeicheldrüse münden, und seine 
Herausnahme nicht möglich ist, ohne dass diese Gänge und 
selbst ein Stück der Bauchspeicheldrüse zerschnitten würden, 
b. Meine Reihenfolge unterscheidet sich sodann in einem 
Hauptpunkte von der älteren und früher fast allgemein ge- 
bräuchlichen, insofern für mich die Herausnahme der Leber 
der vorletzte Act der Untersuchung der Bauchhöhle zu sein 
pflegt. Ich weiss wohl, dass ich gerade in diesem Punkte 
am meisten von liebgewordenen Gewohnheiten abweiche. 
Wenn der Secirende sich, wie es gewöhnlich geschieht, an 
die rechte Seite der Leiche stellt, so dass er den Kopf der 
letzteren an seiner Linken hat, so liegt die Leber so unmittel- 
bar vor seiner Hand, dass es allerdings einer Art von Re- 
giffnation bedarf, um sich zu entschliessen , sie vorerst und 



22 Leber und Duodenum. 

noch lange in ßuhe zu lassen. Allein, abgesehen davon, 
was ich schon ausgeführt habe, dass man mit der Heraus- 
nahme der Leber die Yenae hepaticae und meist auch das 
Zwerchfell verletzt, so verletzt man noch mehr und mit 
noch grösserem Schaden das Ligamentum hepato-duodenale 
und die darin enthaltenen Canäle, namentlich die Pfortader 
und den Gallengang. Für den Gerichtsarzt, ich gestehe es, 
sind diese beiden Theile in der grossen Mehrzahl der Fälle 
ohne Bedeutung, und wenn auch ihm dieselbe Reihenfolge 
auferlegt wird, welche für die klinische Section nothwendig 
ist, so könnte dies überflüssig erscheinen. Indess auf 
keinen Fall wird ihm dadurch ein Schaden zugefügt, er 
gebraucht nicht mehr Zeit und Mühe, ob er die Leber zu- 
erst oder ob er sie an vorletzter Stelle vornimmt, und wenn 
es auch nur seltene Fälle sind, in denen die correctere Me- 
thode auch für die gerichtsärztliche Forschung nothwendig 
ist, so ist doch das schon ausreichender Grund, sie allge- 
mein zu fordern. Für die klinische Untersuchung ist die 
Schonung des Ligamentum hepatoduodenale aber von höch- 
ster Bedeutung, denn wenn dasselbe einmal zerschnitten ist, 
so ist es ein grosser Zufall, wenn es gelingt, die zusammen- 
gehörigen Theile noch wieder so zu präpariren, dass man 
ihre Zustände mit Sicherheit aufklären kann. Unter diesen 
Zuständen sind es aber namentlich die Thrombosen und 
Obliterationen der Pfortader und die Wegsamkeitsverhält- 
nisse des Ductus choledochus, namentlich seiner Portio in- 
testinalis, sowie des Ductus cysticus und hepaticus, welche 
in Betracht kommen. Ich habe beide Verhältnisse früher 
erörtert und kann hier darauf verweisen. Ueber die Zu- 
stände des Ductus choledochus und seiner Portio intestinalis, 
sowie über deren Bedeutung für die Erklärung des Icterus 
habe ich in der Wiener med. Wochenschr. 1858. Nr. 24. 
S. 409 und in meinem Archiv 186B. Bd. XXXII. S. 117 
gehandelt; die Verstopfung der Pfortader habe ich in den 
Verhandlungen der Würzburger physikalisch -medicinischen 
Gesellschaft 18B7. Bd. VII. S. 21 und in meinen Gesam- 
melten Abbandlungen zur wissenschaftlichen Medicin S. 620 



Duodenum und Gallongang. 23 

besprochen. Die aus der Natur der Verhältnisse folgende 
Reihenfolge ist hier die, dass man zuerst das Duodenum 
und zwar in situ öffnet, dass man seinen Inhalt oberhalb 
und unterhalb der Papilla biliaria feststellt, dann diese 
Papille selbst betrachtet, ihren Inhalt durch sanften Druck 
hervorpresst, darauf durch Compression der Gallenblase die 
Ausflussmöglichkeit der Galle constatirt' und endlich den 
Ductus choledochus aufschneidet. Dann kommt die Pfort- 
ader an die Reihe, und erst, nachdem dieses Alles ge- 
schehen ist, mag man die Leber herausschneiden. Eine 
Sondirung des Gallenganges ist ganz nutzlos, denn 
die Möglichkeit, eine Sonde in die Mündung desselben 
einzuführen, beweist nicht das Mindeste für die Wegsamkeit 
der Portio intestinalis während des Lebens. 

Es muss aber besonders darauf aufmerksam gemacht, 
werden, dass vor und während der Zeit, wo das Duodenum 
untersucht wird, jede Zerrung desselben sorgfältig vermieden 
werden muss. Der Secirende muss sich nur vorher eine 
genaue Kenntniss von der Lage des Zwölffingerdarmes ver- 
schaffen, dann wird er schon im Stande sein, denselben 
freizulegen, ohne ihn überhaupt anzufassen. Es ist nur 
nothwendig, die Flexura coli hepatica, welche ihn bedeckt, 
abzutrennen und zurückzulegen. Dies geschieht am besten, 
indem man zugleich das ganze Colon ascendens nebst dem 
Coecum durch einen, rechts aussen von demselben ge- 
legten Längsschnitt löst und sie nebst den Dünndärmen 
nach links aus der Bauchhöhle hinauslegt. Keiner dieser 
Theile braucht dabei von seinen Mesenterial-Verbindungen 
getrennt zu werden; es ist nur nöthig, soviel von den 
retroperitonaealen Theilen der rechten Seite zu durch- 
schneiden, um das. Hinauslegen des Colon ascendens nach 
links zu ermöglichen. Dabei ist zu erwähnen, dass unge- 
mein häufig in der Gegend der Flexura hepatica anomale 
Vei*wachsungen, am häufigsten zwischen Gallenblase, Liga- 
mentum hepato- duodenale, Leber, Colon, Duodenum und 
selbst Pylorus bestehen, welche sehr vorsichtig durchschnitten 
werden müssen, damit nicht sofort das Ligamentum hepato- 



24: Magen, Harn- und Geschlechtsorgane. 

duodenale nebst den darin enthaltenen Canälcn verletzt 

werde. 

c. Die Untersuchung und Eröffnung des Magens 
schliesst sich diesen eben erörterten Operationen innig an. 
Es ist das Einfachste, den Magen Im Zusammenhange mit 
dem Duodenum zu öffnen und zwar in situ. Fälle der Ver- 
giftung, namentlich gerichtliche, mögen anders behandelt wer- 
den. Im üebrigen ist keine Gefahr, den Magen bis zu dieser 

. Zeit in Ruhe zu lassen. Das einzige Organ, welches näher 
mit ihm verbunden ist, die Milz, lässt sich bei nur massiger 
Vorsicht so leicht von ihm abtrennen, dass eine Verletzung nicht 
zu befürchten steht. Dagegen wird begreiflicher>veise das Pan- 
creas erst nach Magen und Zwölffingerdarm an die Reihe 
kommen. Seine geringe pathologisch-anatomische Bedeutung 
•macht es an sich zu einem sehr gleichgültigen Oegcnötände. 

d. Sehr natürlich ist es, sämmtHche Harnorgane hinter 
einander zu untersuchen, ajso Nieren, Harnleiter, Harnblase 
und Harnröhre. Die Aufmerksamkeit auf ihre Zustände wird 
dadurch jedenfalls weit mehr gesichert, als wenn zwischen 
je zwei dieser Organe jedesmal ein ganz fremdartiger Gegen- 
stand der Untersuchung eingeschoben wird. Dabei ist es 
ohne weitere Ausführung klar, dass sowohl die Nebennie- 
ren, als auch die Geschlechtsorgane im Zusammenhange 
mit den Harnorganen zur Untersuchung gelangen müssen. 
Sie stehen in unmittelbarer Verbindung, ja einzelne Theile 
der Geschlechtsorgane sind gleichzeitig Theile der Harn- 
organe, sa dass es schon um der Continuität der einmal ein- 
geschlagenen Richtung und um der Bequemlichkeit in der 
Herausnahme der Theile willen erforderlich ist, die Ge- 
schlechtsorgane alsbald mit in Angriflt* zu nehmen. 

Sonach gestaltet sich nach meiner Methode die Reihen- 
folge der zu untersuchenden Organe in der Bauchhöhle fol- 
gendermassen : 

1. Netz, 

2. Milz, 

3. Linke Niere, Nebenniere und Harnleiter, 

4. Rechte Niere, Nebenniere und Harnleiter, 



Reihenfolge der üntorsuchung der Baucheingeweide, 25 

5. Harnblase, Harnröhre, Prostata, Samenbläschen, 

6. a) Penis, Hoden, Samenstrang, 

b) Scheide, Uterus, Tuben, Eierstöcke, Parametrien^ 

7. Mastdarm 

8. Duodenum, Portio intestinalis ductus choledochi, 

9. Magen, 

10. Ligamentum hepato-duodenale, Gallengänge, Pfortader, 
Gallenblase, Leber, 

11. Pancreas, Ganglion coeliacum, 

12. Mesenterium nebst Lymphdrüsen, Gefässen u. ». w., 

13. Dünn- und Dickdarm, 

14. Retroperitonäale Lymphdrusen, Cysterna chyli, Aorta, 
Vena cava inferior. 

So nützlich und bequem es ist, eine solche regelmässige 
Reihenfolge einzuhalten, so ist sie doch unmöglich in einer 
kleineren Zahl von Fällen, wo grössere Veränderungen in 
der Vei'blndung «nd dem Zusaminenhange der Theile einge- 
treten sind. Die chfonische adhäsire Peritonitis, mag sie 
nun für sich, als elliffiche' oder als tuberkulöse, krebsige 
ti. ». w. auftreten, oder mag sie mit Geschwulstbildung (z. B. 
Ovarialtumoten), Aneurysma aortae abdominalis u. s. w. com- 
binirt sein, macht es gewöhnlich unthunlicb, diejenigen Rück- 
sichten, welche der bes<widere Fall bringt, bei Seite zu setzen 
zu Gunsten einer allgemeinen Regel. Freilich wird es sich 
auch hier empfehlen, znnmhfsi diejenigen Organe, welche sich 
ohne Schwierigkeit erreichen langen, in der gewohnten Reihen- 
folge zu absolviren und dadurch die Reihe der besonderen 
Abweichungen allmählich einzuengen. Aber endlich wird 
man von der Regel abgehen müssen: dann ist es gewöhnlich 
am bequemsten, den Rest der Organe im Zusammenhang 
auszulösen und ausserhalb des Körpers weiter zu bearbeiten, 
wo es »ich am leichtesten machen lässt. 

Soviel in Bezug auf die Reihenfolge der Organe und 
den Plan der Section. — 

Einer ganz anderen Seite der Erwägung gehört die 
JErlediguöt^ der Frage an, wie man schneiden müsse? 
Was ich lir dieser Beziehung zu sagen habe, ist in erster 



26 Das pathologische Schneiden. 

Linie hervorgegangen aus der einfachen Erfalirung, wie sie 
sich mir in häufiger Uebung und in unmittelbarer Folge des 
Strebens nach Vereinfachung des operativen Theils der uns 
beschäftigenden Aufgabe ergeben hat. Erst nachträglich 
habe ich mir selbst Rechenschaft zu geben gesucht über 
die Gründe meiner gewohnheitsmässigen Handlungs- 
weise. Daraus hat sich dann eine plan massige Ausübung 
der eigentlichen Technik des Schneidens entwickelt. Die 
Darstellung, welche ich nunmehr geben werde, beruht daher 
auf Grundlagen, welche ursprünglich rein empirisch waren 
und welche erst nach und nach in Folge theoretischer Er- 
wägungen verändert worden sind. 

Zunächst hebe ich hervor, dass die Technik des 
pathologischen Schneidens ganz wesentlich ab- 
weichen muss von der Technik des anatomischen 
Theaters oder des Präparirsaales. Bei der gebräuch- 
lichen Methode des „Präparirens" lernt der junge Mc- 
diciner sein Messer wie eine Schreib fe der fassen. Diese 
Haltung entspricht der Aufgabe, kurze, feine Schnitte zu 
machen, um einen Muskel, ein Gefäss, einen Nerven bloss- 
zulegen, zu verfolgen und rein darzustellen. Sie ist neben- 
bei eine sehr bequeme Fortsetzung der Fingerstellung, welche 
der auf dem Gymnasium fast nur an Schreiben gewöhnte 
junge Mann bis zu einer gewissen Virtuosität ausgebildet 
hat. Die Bewegungen erfolgen fast nur in den Fingerge- 
lenken, allenfalls im Handgelenk. Der Arm selbst wird 
fixirt, häufig so, dass der Ellenbogen dem Rumpf ge- 
nähert und nicht selten der Brustwand, wenn nicht gar dem 
Darmbeinkamme angelegt wird. Es wird dadurch eine grosse 
Sicherheit in der Führung kleiner und kurzer Schnitte 
gewonnen, welche sehr viel dazu beiträgt, jene Glätte des 
Präparats zu erreichen, welche der strenge Blick des ana- 
tomischen Lehrers in einem Momente würdigt. Handelt es 
sich in der pathologischen Anatomie um solche feine Arbeit, 
und sie kommt ja oft genug vor, so steht nicht nur nichts 
entgegen, sondern es ist geboten, dieselbe Technik in An- 
wendung zu bringen. 



Führung und Beschaflfenheit der Messer. 27 

Aber dies darf nicht als Regel betrachtet werden. 
Einmal dauert eine, mit lauter kurzen Schnitten ausgeführte 
Section ungebührlich lange, und der pathologische Anatom, 
wie der Gerichtsarzt, hat nicht über so viele Müsse zu 
disponiren, wie der descriptive Anatom. Zum andern wird 
durch viele kurze Schnitte in den grösseren Organen ein 
ein Zustand der Zertheilung herbeigeführt, der eben wegen 
der grossen Zahl der Partialschnitte die Anschauung keines- 
wegs fördert und der mehr für gewisse Zwecke der Küche, 
als für Zwecke der Wissenschaft bestimmt zu sein scheint. 
Man spart an Zeit und man gewinnt an Deutlichkeit und 
Einsicht bei der pathologischen Section durch grosse und 
wenn möglich durchgehende Schnitte. 

Als mir dieses klar geworden war, erkannte ich 
auch bald, dass dazu eine andere Messerführung 
gehöre. Ich nehme jetzt für die gewöhnlichen Zwecke 
einer pathologischen Section den Messergriff in die volle 
Hand, so dass, wenn ich den Arm ausstrecke, die Klinge 
wie eine gerade Verlängerung des Arms hervortritt. Ich 
fixire dann, wenn auch nicht absolut, so doch relativ Finger 
und Handgelenke und führe die Schneidebewegungen mit 
dem ganzen Arm aus, so zwar, dass ich die Hauptbewe- 
gungen im Schultergelenk, die secundären im Ellenbogen- 
gelenk mache. Dies giebt lange und ausgiebige Schnitte, 
und da ich die ganze Kraft des Arms, namentlich die ganze 
Kraft der Schultermuskulatur in Wirksamkeit bringen kann, 
auch glatte Schnitte. Und nur an solchen Schnittflächen 
kann man wirklich gut sehen. 

Erst nachdem ich soweit gekommen war, erkannte ich, 
dass ich auf manchem Umwege das erreicht hatte, was un- 
sere Vorgänger im Seciren, die Thierschlächter, schon lange 
in Ausführung bringen. Ich war nicht wenig überrascht, als 
ich eines Tages, was mir lange nicht passirt war, in ein 
Schlachthaus trat und den Leuten in ihrer Beschäftigung 
zusah. Dabei lernte ich noch etwas Anderes, was ich seit- 
dem zur Anwendung gebracht, habe, nämlich die Verlan^ 
gerung und Verbreiterung des Mesi^ers» 



28 Das Secirmesser. 

Eine solche Länge und Breite des Messers, wie sie der 
Schrachter mit grossem Erfolg benutzt, ist freilich für uns 
unzulässig und nur für das Gehirn, und auch da nur für 
besonders vdchtige Fälle, haben wir ein sehr grosses, blatt- 
artiges Messer, welches noch über die Dimensionen des 
Schlächtermessers hinausgeht. Aber ein Secirmesser sollte 
doch immer sehr beträchtlich grösser sein, als ein gewöhn^ 
liches Präparirmesser. Letzteres ist sowohl im Griff, als in 
der Klinge zu kurz für ganz grosse Schnitte. Dagegen ist 
diese Klinge für die gewöhnlichen Zwecke des Präparirens 
zu gross. Denn bei der Schreibfederhaltung wird eigent- 
lich nur die Spitze des Messers benutzt, ein Ab- 
schnitt von kaum 15 mm. Länge. Die übrige Klinge ist so 
sehr Luxusgegenstand, dass der Anfänger in der pathologi- 
schen Technik, der zu mir tritt, um das Seciren »tt lernen^ 
das Messer, welches ich ihm in die Hand stecke ^ sofort 
zwischen die Finger nimmt oder an dem Griff desselben 
mit einigen kletternden Bewegungen so weit nach vx)tn rückt, 
bis er die Fingerspitzen an das Eisen der Klinge selbst ge- 
bracht hat. Dann ist er natürlich ausser Stande, die ganze 
Schneide zu benutzen, denn ein grosser Theil derselben ist 
durch seine eigene Hand gedeckt. Indem er sich nun auf 
die Spitze beschränkt sieht und nur diese benutzt, stumpft 
sich dieselbe begreiflicherweise sehr bald ab. Während ein 
guter pathologischer Anatom recht wohl im Stande ist, alle Ein- 
geweide einer Leiche, ja sogar zweier Leichen mit einem Messer 
zu zerschneiden, so verbraucht der mit der „Schreibfeder" ar- 
beitende pathologische „Laie" 3 — 4 Messer bei einer Scction. 

Das von mir in die Praxis eingeführte veränderte 
Secirmesser unterscheidet sich von dem gewöhixlichen 
Präparirmesser sowohl in der Klinge, als in dem Griffe. 
Beide sind nicht nur länger, sondern auch stärker, d. h. 
sowohl dicker als breiter. Die Klinge ist nach vr^rn nicht 
scharf-spitzig, sondern bauchig-spitzig; die sehr bre jte Fläche 
geht mit einer vollen Curve in die wenig vortretende Spitze 
über. Es wird dadurch nicht nur der sehne '.idende Band 
noch mehr verlängert, sondern auch zugleir;}^ die öcfahr. 



t)as ziehende Schneiden. 29 

während der Section sich selbst oder Andere zu stechen 
oder von Anderen gestochen zu werden, vermindert. Die 
Zahl der gefährlichen Verletzungen (und gerade Stiche sind 
stets gefährlicher als Schnitte) hat bei uns sehr abgenom- 
men, seitdem dieses Secirmesser bei un» im Gebrauche 
ist. Was den hinteren Theil desselben anbetrifft, so ist 
die Klinge in der Nähe ihrer Insertion schmal und stark, 
da sie hier für gewöhnlich überhaupt nicht benutzt wird; 
der Griff ist am hinteren Theil platter und an beiden 
den Schmalseiten stärker eingebogen, um sich bequemer 
in die Hand zu legen. Ein solches Messer ist in seinem ur- 
sprünglichen Zustande, wenn es noch nicht abgeschliffen ist, 
23 — 24 cm. lang, wovon 9,5 — 10 cm. auf die Klinge kommen. 
Dieses Messer «oll wesentlich dazu dienen, ziehend 
zu schneiden. Es soll nicht in die Theile eingedrückt 
oder eingeschoben, sondern es soll relativ schnell durch 
dieselben hindurchgezogen werden. Wenn es nöthig wird, 
so kann bei diesem Zuge die ganze Kraft der .Schulter- 
muskulatur eingesetzt Und eine sehr grosse Gewalt ausgeübt 
werden. Aber je grösser die Gewalt ist, welche man 
anwendet, um so schneller muss der Zug sein; sonst 
quets.cht man die Theile. Nirgends kann man dies besser 
erproben, als am Gehirn. Auch ein sehr scharfes Messer, wel- 
ches in das Gehirn eingedrückt wird, zerdrückt die Theile 
bis zu einem gewissen Grade, und die gewonnene Schnitt- 
fläche ist wenigstens zum Theil unbrauchbar für die Be- 
trachtung; nicht selten verführt ihr Aussehen geradezu zu 
falscher Deutung. Ein ziehender Schnitt unterscheidet sich 
von einem drückenden hauptsächlich darin, dass bei dem 
ersteren über jede Stelle des Organs jeder Abschnitt der 
Schneide hinweg- oder durch sie hindurchgleitet, während 
bei dem letzteren derselbe Abschnitt der Schneide immer 
gegen dieselbe Stelle des Organs wirkt. Wer die Me- 
thode des drückenden Schneidens wählt, der pflegt, auch 
wenn es nur unabsichtlich geschieht, seinen Zeigefinger auf 
den Messerrücken zu legen. Wer ziehend schneidet, 
der legt den Zeigefinger auf die Fläche des Griffs oder 



30 Die. drei Messer. 

er umfasst den ganzen Griff. Jedenfalls ist es eine 
gute üebung, zumal für Anfänger, den Griff nur zwischen 
Daumen und Zeigefinger zu fassen, so dass es unmöglich ist, 
einen grösseren Druck auszuüben. 

Wo es nöthig ist, wirklich einen grossen Druck aus- 
zuüben, da bedarf es eines anderen Messers, nämlich eines 
solchen mit breiterem Rücken, auf den man bequem den 
Zeigefinger oder selbst den Daumen auflegen kann. Ich 
habe für diese Zwecke das gewöhnliche „ Knorpelmesser ** wei- 
ter ausgebildet, indem ich die Klinge dicker und bauchiger, 
namentlich aber seinen Griff stärker machte. Ich lasse den 
Stahl der Klinge in ein durch die ganze Länge des Griffs 
hindurchgehendes Blatt übergehen, an welches jederseits 
starke Holz- oder Hornplatten angesetzt werden. Der Bücken 
eines solchen Messers ist 16 mm. breit und gewährt bequeme 
Stützpunkte für jede drückende Einwirkung. Auch das freie 
Ende des Stiels ist abgeplattet und breit, so dass dasselbe 
für gewisse Zwecke, z. B. für die Durchtrenijung des Sterno- 
claviculargelenkes , senkrecht in die Hohlhand gestellt' und 
zu stehenden Schnitten bequem benutzt werden kann. 

So gebrauche ich also fiir jede Section 3 verschiedene 
Messer: ein gewöhnliches Präparirmesser, ein eigentliches 
ßecirmesser und ein verstärktes Knorpelmesser. Letzteres 
benutze ich für alle gröberen Arbeiten, nicht bloss für die 
eigentliche Knorpeltrennung, sondern auch für die grossen 
Haut-, Muskel- und Gelenkschnitte. Das Secirmesser dient 
vornehmlich für die Zerlegung der grossen Eingeweide, das 
Präparirmesser für die Auslösung der feineren Theile, der Ge- 
fässe, Nerven u. s. w. Da nun aber die grossen Eingeweide 
das Hauptobject der pathologischen Section sind, so erhellt 
leicht, dass auch das Secirmesser in der eben entwickelten 
Form das Hauptinstrument in meinem Sinne ist. um es zu 
gebrauchen, muss der rechte Arm ganz lose gemacht wer- 
den. Der Ellenbogen muss ganz vom Rumpfe abgehoben 
werden, so dass die Bewegung des gebogenen Vorderarm ohne 
jedes Hinderniss und in den grössten Excursionen nach vorn 
und hinten ausführbar ist. So ist es mit Leichtigkeit ausführbar, 



Die grossen Schnitte. 31 

die Haut des Rumpfes durch einen einzigen Längsschnitt vom 
Kinn bis zur Schambeinfuge zu spalten. So kann man mit 
einem Schnitte eine Lunge von der Spitze bis zur Basis 
in zwei Hälften auseinanderlegen. Vielleicht erscheint dieser 
„Schwabenstreich" im Sinne Kaisers Friedrich Rothbart 
lobesam Manchem als ungehörig oder tadelnswerth. Aber 
ich bekenne mich offen als einen Fanatiker der grossen 
Schnitte. Je grösser der Schnitt, vorausgesetzt, dass er zu- 
gleich glatt ist, um so mehr kann man auf einmal sehen, 
um so mehr Vergleichungspunkte zwischen normalen und 
veränderten Theilen gewinnt man, um so genauer überblickt 
man die Ausdehnung der pathologischen Territorien. 

Ja, ich behaupte, dass ein grosser Schnitt, auch 
wenn er an sich falsch ist,, einem kleinen, wenn- 
gleich richtigen Schnitte in der Regel, mehreren 
oder gar vielen kleinen Schnitten fast immer vor- 
zuziehen ist. Der grosse glatte Schnitt ist der eigent- 
lich demonstrative Schnitt. Um ihn auszuführen, sehe ich 
mir jedes einzelne Organ darauf an, wo ich ihm die 
grösste Durchschnittsfläche abgewinnen kann. Ich durch- 
schneide also eine Milz von oben nach unten, mitten über 
ihre äussere (convexe) Fläche, eine Niere von aussen nach 
innen (vom lateralen zum medialen Rande) in frontaler 
Richtung, eine Leber von rechts, nach links in horizontaler 
Richtung, einen Hoden vom freien zum angewachsenen Rande 
in perpendiculärer Richtung, zerlege sie in zwei nahezu 
gleiche Hälften und klappe den Schnitt auseinander. Jeden 
Lungenflügel spalte ich von der Spitze und dem stumpfen 
Rande aus durch einen perpendiculären, gegen den inneren 
(vorderen, medialen, scharfen) Rand gerichteten Schnitt von 
oben bis unten. Jede Grosshirnhemisphäre halbire ich durch 
einen von innen, dicht über dem Streifenflügel beginnenden 
und etwas schräg nach aussen gerichteten Schnitt. Jede 
Kleinhemisphäre theile ich durch einen Schnitt, der am 
vierten Ventrikel in der Richtung des Kleinhimschenkels 
beginnt und schräg nach aussen geführt wird. 

Für viele Fälle und für manche Organe genügt ein einziger 



32 Zasammenhalt der Schnitte. 

solcher Schnitt, um das Wesentliche zu zeigen. In zahl- 
reichen Fällen sind die Veränderungen der Leber, der Milz, 
der Nieren so gleichmässig durch das ganze Organ ver- 
breitet, dass ein einziger Schnitt einen genügenden Ein- 
blick in die innere Structur gewährt. In anderen Fällen 
freilich und an anderen Organen, z. B. am Gehirn stets, 
bedarf es einer grösseren Zahl von Schnitten, um sicher 
zu sein, dass nichts übersehen wird. Ja, beim Gehirn kann 
man eigentlich nie mit Bestimmtheit sagen, dasselbe sei 
ganz normal, es sei denn, dass man es nach der Methode 
des Herrn von Gudden in lauter mikroskopische Schnitte 
zerlegt und jeden derselben einzeln durchmustert hat. Da dies 
aber nur ausnahmsweise ausführbar ist, so muss man sich 
nothgedrungen mit approximativen Methoden begnügen. 
Aber man wird keine Methode eine approximative nennen 
können, welche in wichtigen Theilen des Gehirns nur 
Schnitte von 5 mm. Dicke herstellt. Innerhalb eines solchen 
Schnittes können immerhin noch Heerde erkrankter Substanz 
vorhanden sein, welche als Grund für Lähmungen oder 
Krämpfe ausreichend sind. Je weniger man findet, um 
so mehr muss man die Zahl der Schnite vermehren. 
Allein gleichviel, ob man wenig oder viel Schnitte macht, 
in jedem Falle erscheint es zweckmässig, diese Schnitte 
nicht bis zur völligen Auseinanderlösung der Or- 
gantheile fortzusetzen. Selbst wenn man nur einen 
einzigen Schnitt macht, so hat es stets Interesse, noch an 
einer Stelle so viel Von den Organtheilen im Zusammen- 
hange zu lassen, dass man ohne Schwierigkeit durch blosses 
Zusammenlegen oder Zusammenklappen die äussere Form 
des Organs wieder herstellen kann. Mancher Gesichtspunkt 
selbst der äusseren Betrachtung ergiebt sich erst, wenn 
die Anschauung der inneren Veränderung die Aufmerksam- 
keit auf besondere Verhältnisse hingelenk that, und es ist viel 
leichter. Form und Gesammterscheinung des Organs wieder- 
herzustellen, wenn noch irgendwo die natürliche Continuität 
der Theile erhalten, als wenn der Zusammenhang gänzlich 
aufgehoben ist. 



Zusammenhalten der zerschnittenen Organe. 33 

Da, wo sich das Bedürftiiss einer grossen Vervielfälti- 
gung der Schnitte in erhöhtem Maasse geltend macht, also 
namentlich am Gehirn und Rückenmark, würde es gänz- 
lich unmöglich sein, irgend eine nachträgliche Controle 
über die Ausdehnung gewisser Veränderungen, selbst über 
die exacte Lage derselben, ihr Verhältniss zu den Ge- 
fässen u. s. w., auszuüben, wenn man die Theile sofort gänz- 
lich auseinanderschnitte. Oft erst sehr spät treten hier 
Veränderungen hervor, welche es wünschenswerth machen, 
noch einmal oder gar mehrmals die Gesammtheit der 
Schnitte in ihrer nachbarlichen Reihenfolge zu durchmustern, 
um sich zu überzeugen, dass bei der ersten Betrachtung 
nichts übersehen worden ist. Die einfachste Vorsicht gebietet 
es, ein solches secirtes Organ einzurichten, wie ein Buch, 
das man hier und da aufschlagen, oder ganz und gar „durch- 
blättern" und dann wieder zumachen kann. Lässt man 
doch auch ein Buch deshalb binden, um jedem Blatte 
seinen bestimmten Platz zu sichern, so dass man in jedem 
Augenblicke ohne viel Mühe es an seiner Stelle auffinden 
kann. 

Es fragt sich nun, wo soll der „Einband des Buches" 
liegen? Auch auf diese Frage ergiebt sich die Antwort leicht 
bei einer genaueren Erwägung der Verhältnisse jedes ein- 
zelnen Organs. Man muss überall den Zusammen- 
hang da erhalten, wo die wichtigsten Verbindun- 
gen des Organs mit den Nachbartheilen liegen. 

Bei allen grösseren drüsigen Organen, sowie bei den 
drüsenartigen (Milz, Lungen), wird man von der lateralen 
Oberfläche her einschneiden und die Stelle schonen, wo die 
Gefässe ein- und austreten, die Ausführungsgänge das Organ 
verlassen, die Nerven zu ihm gelangen. Dies ist die Stelle, die 
man je nach dem Organ Hilus, Porta, Radix, Basis nennt. 
Ergiebt sich nach gemachtem Einschnitt, dass irgend eine be- 
sondere Veränderung in dem Organ vorhanden ist, die muth- 
maasslich durch ein primäres Gefässleiden bedingt oder 
durch einen, in den Ausführungsgängen fortkriechenden 
Krankheitsprozess hervorgerufen ist, so ist es bei erhaltenem 

Virchow, Sectious-Technik. 3. Aufl. o 



34 Hirn und Rückenmark. 

Hilus leicht, von den weiteren Gefass- oder Canalabschnitten 
in demselben (in der Porta oder der Radix) aus eine Son- 
dirung, Präparirung, Einspritzung, Einblasung u. s. w. vor- 
zunehmen. Gelingt die eine dieser üntersuchungsmethoden 
nicht, so wird eine andere anwendbar sein. 

' Anders verhält es sich mit Gehirn und Rückenmark. 
Hier haben wir keinen anderen „Einband", als die weiche 
Haut, welche die Gefässe trägt. Man wird also am Rücken- 
mark Querschnitte machen, die auf der hinteren oder vorde- 
ren Fläche (entgegengesetzt der Fläche, von wo man ein- 
geschnitten hat), die Pia mater noch im Zusammenhang 
lassen. Am Gehirn werden die Schnitte durch die Hemi- 
sphären stets von innen nach aussen zu richten sein, so 
dass trotz der grössten Multiplication derselben im Innern 
es am Schlüsse der Section doch noch möglich ist, das Ge- 
hirn wieder „zuzumachen". -Im Allgemeinen gebe ich die 
Regel, dass jeder folgende Schnitt über die Mitte der vor- 
hergehenden Schnittfläche geführt und jede neue Hälfte 
immer wieder von Neuem halbirt werde. 

Dieses Verfahren ist natürlich nicht anwendbar auf die 
grossen Ganglien. Seh- und Streifenhügel lassen sich nicht 
so schneiden, dass ihnen die weiche Haut als „Einband" 
dient. Das arachnoideale Blatt, welches sie erreicht, das 
Velum choroides nebst den dazu gehörigen Plexus, berührt 
nur einen kleinen Streifen, die sogenannte Stria cornea, und 
man muss dasselbe abz^iehen, ehe man überhaupt die Zer- 
legung der grossen Ganglien beginnt. Letztere spalte ich 
durch fächerförmig angelegte Radialschnitte, deren gemein- 
schaftlicher Ausgangspunkt der Hirnstiel (Pedunculus ce- 
rebri) ist; wird ihre Zahl auch noch so sehr vermehrt, was 
gerade hier sehr noth wendig ist, so lässt sich doch durch 
die Verbindung jedes einzelnen Theilstückes mit dem Him- 
stiel ein festes Verhältniss der gegenseitigen Lagerung be- 
wahren. 

Bevor ich in meiner Darstellung weitergehe, scheint es 
mir am Platze zu sein, noch einige Worte in Bezug auf die 
Untersuchung der Hirn höhlen anzuschliessen, um die Me- 



Hirnhöhlen. 35 

thode der Hirnsection an dieser Stelle einigermaassen zum 
AbscUuss zu bringen. Meiner Meinung nach sollte jede Hirn- 
untersuchung, nachdem die äusseren Häute absolvirt sind, mit 
der Eröffnung der Hirnhöhlen beginnen, weil, abgesehen von 
allen durch die Manipulation hervorgebrachten Zerrungen 
und Drückungen jede Zögerung Zerreissungen schon durch 
die Schwere des Organs und damit die Gefahr eines uncon- 
trolirten Abflusses der Flüssigkeiten begünstigt. Ich führe 
daher den ersten Schnitt, den ich überhaupt in das Gehirn 
mache, sofort in die eine Seitenhöhle. 

Dieser Schnitt ist aber nicht so zu führen, wie man 
selbst jetzt noch häufig die Seiten-Hirnhöhlen in den anatomi- 
schen Präparirsälen aufsucht, dass man zuerst das sogenannte 
Centrum semiovale Vieussenii blosslegt und nun von da aus, 
vielleicht gar durch Graben mit dem Skalpellstiel, gleichsam 
auf dem Wege des Bergbaues, sich Hirnhöhlen herstellt. 
Vielmehr muss man sich erinnern, dass zwischen den Mittel- 
theilen (Cellae mediae) der Seitenventrikel nur das ganz 
dünne Septum pellucidum als Scheidewand steht, und dass 
letzteres sich gerade unter der Rhaphe corporis callosi be- 
findet. Schneidet man also 1 mm. seitwärts von dieser Rhaphe 
senkrecht in das Corpus callosum ein, so gelangt man in 
einer Tiefe von 2 — 3 mm. direct in eine Cella media. Dieser 
Schnitt, der gegen die Ebene des Centrum semiovale einen 
Winkel von 90° bildet, sollte der erste Schnitt sein, 
der überhaupt in das Gehirn geführt wird, es sei denn, 
dass ganz besondere Verhältnisse eine Abweichung indiciren. 

Allein mit diesem Schnitte ist natürlich nicht die ganze 
Eröffnung der Ventrikel abgethan. Um die Vorder- und 
Hinterhörner zu öffnen, oder wenigstens, da namentlich die 
Hinterhömer häufiger ganz oder theilweise obliterirt '), als otfen 
sind, ihr Verhalten darzulegen, ist es nothwendig, nach vorn 
und nach hinten besondere Schnitte zu führen. Diese dür- 
fen nicht mehr vertikal, sondern sie müssen horizontal, der 
vordere höher, der hintere tiefer, in die Vorder- und Hinter- 



•) Meine Gesamm. Abb. zur wiss. Medicin. S. 890. 

3* 



36 Zerlegung des Gehirns. 

läppen des Grosshirns gelegt werden. Dann erst übersieht 
man die ganze Ausdehnung der Seitenhöhlen, da wenigstens 
der Eingang zu dem Cornu descendens durch den Schnitt 
gegen das Cornu posterius gleichfalls offen gelegt ist. 

Hat man nun den Inhalt der Seitenhöhlen, die Beschaf- 
fenheit ihrer Wandungen und der Adergeflechte, den Zustand 
der Scheidewand festgestellt, so ergreift man mit der linken 
Hand die letztere dicht hinter dem Foramen Monroi, schiebt 
vor den Fingern das Messer durch dieses Loch hindurch, 
schneidet schief nach oben und vorn das Corpus callosum 
durch und zieht nun vorsichtig alle diese Theile (Corpus 
callosum, Septum pellucidum, Fornix) von dem Velum cho- 
roides ab. Sobald das letztere blossgelegt ist, hat man 
den Zustand seiner Gefässe und seines Gewebes zu unter- 
suchen. Alsdann fasst man von vomher mit dem Skalpell- 
stiel unter das Velum, zieht dasselbe von der Zirbel und 
den Vierhügeln ab, constatirt den Zustand dieser Theile und 
hat nun den dritten Ventrikel offen vor sich. Endlich spaltet 
man durch einen senkrechten langen Schnitt die Vierhügel 
und das Kleinhirn bis in den Aquaeductus Sylvii und die 
vierte Himhöhle. 

Diese Austinandersetzung dürfte genügen, um gerade 
an einer Stelle, wo die pathologisch-anatomische Untersuchung 
einen durchaus eigenthümlichen und von dem der descrip- 
tiven Anatomie mehrfach abweichenden Gang zu verfolgen hat, 
die bequemste und am schnellstön zu einem sicheren Ziele 
führende Methode der Dissection darzulegen. Zugleich ist 
damit wohl am besten gezeigt, wie auch hier wirkliches 
Schneiden jeder anderen Art der Trennung vorzuziehen ist, 
und zwar, was ich noch einmal besonders betone, ziehen- 
des Schneiden. Gerade an einem Organe, dessen Einzel- 
theile eine so grosse Wichtigkeit haben, wie das Gehirn, wo 
jeder eineine Abschnitt sich von dem anderen durch die Be- 
sonderheit seiner Function unterscheidet, ist es von höch- 
ster Bedeutung, glatte Schnitte zu haben. Wie wäre es 
möglich, auf einer unebenen, gequetschten oder gerissenen 
Fläche kleine Erweichungs- oder Verhärtungsherde nach- 



Zerlegung des Herzens. 37 

zuweisen? Und doch sind dies zwei der häufigsten Verän- 
derungen im Gehirn. Daher sage ich meinen Schülern: 
„lieber falsche, aber glatte, als richtige und un- 
ebene Schnitte!" Dann selbst an einem in falscher Rich- 
tung geführten Schnitte kann man sich zur Noth orientiren; 
ein schlechter Schnitt ist ganz und gar werthlos. — 

Der Wichtigkeit des Gegenstandes willen bespreche ich 
noch die Untersuchung eines zweiten Organs im Detail, um 
die Besonderheit meiner Methode und die Gründe dafür klar 
zu legen. 

Es ist dies die Dissection des Herzens. Obwohl 
die allgemeinen Gesichtspunkte, welche ich als maassgebende 
dargestellt habe, auch für das Herz zutreffen, so sind hier 
doch so mannichfaltige Einzelheiten zu berücksichtigen, dass 
zahlreiche Modificationen der allgemeinen Regeln erforder- 
lich werden. 

Nachdem der Herzbeutel eröffnet und seine Zustände 
festgestellt, auch die äussere Erscheinung und Lage des 
Herzens, seine Grösse, Gestalt, Farbe, Consistenz, der Blut- 
gehalt der oberflächlichen Gefässe, der Fettgehalt des sub- 
pericardialen Gewebes u. s. w. ermittelt sind, hat die erste 
Eröffnung des Herzens selbst und zwar in situ stattzufinden. 
Diese erste Eröffnung hat zwei Zwecke: die Feststellung 
des Blutgehalts in den einzelnen Höhlen und die 
Untersuchung der Weite der Atrioventricularostien. 
Die Nothwendigkeit einer solchen Feststellung liegt auf der 
Hand. Denn der Nachweis der Menge und Beschaffenheit des 
in den einzelnen Herzabschnitten enthaltenen Blutes ist von 
bestimmender Wichtigkeit für die Ermittelung der Todesart. 
Zwei der wichtigsten Todesarten, der asphyktische Tod (Er- 
stickungstod) und der Tod durcli Herzlähmung (Herzschlag, 
Apoplexia cordis), werden, der erstere durch die starke Fül- 
lung der rechten, der zweite durch Füllung der linken Herz- 
kammer, wenn auch nicht absolut erkannt, so doch in hohem 
Maasse wahrscheinlich. Die Untersuchung der Weite der Atrio- 
ventricularostien aber, namentlich die des linken, ist im klini- 
schen Interesse, zum Theil auch im forensischen, unabweislicb. 



38 Zerlegung des Herzens. 

Leider ist eine andere Frage, welche in Bezug aut die 
Atrioventricularostien aufgeworfen werden kann, mit voller 
Evidenz nur in gewissen Fällen zu beantworten: ich meine 
die Frage nach der Schliessungsfähigkeit (Continentia, 
weniger genau, obwohl häufiger, Sufficientia genannt). Es 
lässt sich bei einer gewöhnlichen Section keine Methode in 
Anwendung bringen, durch welche die Schliessungsfähigkeit 
der Atrioventricularklappen wirklich erprobt würde. Wir 
müssen uns darauf beschränken, dies durch eine genaue Be- 
trachtung der Klappentheile zu ersetzen, und ich will schon 
hier darauf aufmerksam machen, dass daraus die Forderung 
hervorgeht, alle zu den Atrioventricularklappen gehörigen 
Theile, also auch die Chordae tendineae und die Musculi 
papilläres, unverletzt zu erhalten. 

Aus der Kenntniss der zwei angeführten Zwecke folgt 
für die erste Eröfi*nung *des Herzens, dass dabei jeder- 
seits die Basis geschont werden muss. Denn an der 
Basis inseriren sich rechts die Zipfel der Valvuja tricuspi- 
dalis, links die der Valvula bicupidalis, und wenn wir die 
Basis durchschneiden, so verletzen wir mindestens einen der 
Zipfel dieser Klappen auf jeder Seite. Ueberdies würde es 
ganz unmöglich sein, den Blutgehalt jeder einzelnen Herz- 
höhle, also jedes Atriums und jedes Ventrikels für sich zu 
bestimmen, wenn wir nicht eine getrennte Eröfi*nung jeder 
einzelnen Höhle vornähmen. Daraus ergiebt sich also, dass 
diese erste Eröffnung durch 4 getrennte Schnitte (vgl. 
Fig. 1) zu bewirken ist. 

Ueber die Lage und Richtung dieser Schnitte ist kaum 
zu streiten. Die Einrichtung des Herzens lässt keine grosse 
Auswahl in Bezug auf die Schnittstellen zu. Variationen 
sind nur innerhalb kleiner Grenzen möglich. Ich formulire 
mein Dissectionsschema folgendermaassen : 

1. Die natürliche und gegebene Schnittstelle für den 
rechten Ventrikel ist der rechte Rand des Herzens. Hier 
hat der Schnitt dicht an der Basis zu beginnen und er muss 
sofort bis in das Innere des Ventrikels, also tief und kräftig 
geführt werden; gegen die Herzspitze hin wird das Messer 



Schnittrichtungen am Herzen. 39 

frühzeitig herausgezogen, da man sonst leicht Gefahr läuft, 
das Septum zu durchschneiden. 

2. Dieser Schnitt ist zugleich die Führungslinie für die 
drei anderen Schnitte: eine Ebene, welche in der Rich- 
tung desselben durch das Herz gelegt wird, bezeichnet für 
jeden einzelnen Herzabschnitt die Schnittstelle. 

3. Der Schnitt für den rechten Vorhof beginnt in der 
Mitte zwischen den Einmündungssteilen der beiden Hohladern 
und endet dicht vor der Basis. 

4. Der Schnitt für den linken Vorhof beginnt auf der 
linken oberen Lungenvene und endet gleichfalls dicht vor 
der Basis, welche gewöhnlich durch die stark vortretende 
Kranzvene bezeichnet wird. Verletzung der Eranzgefässe 
ist sorgfältig zu vermeiden. 

6. Der Schnitt durch den linken Ventrikel beginnt dicht 
unter der Basis und endet kurz vor der Herzspitze. Er muss 
tief und kräftig geführt werden. 

6. Um das Herz in die richtige Lage für den Schnitt 
zu bringen, schiebe ich, wenn die Schnitte für das rechte 
Herz gemacht werden sollen, den steif ausgestreckten Zeige- 
finger der linken Hand unter das Herz und zwar an der 
Basis, so dass der ventriculäre Theil über den Zeigefinger 
als sein Hypomochlion herabhängt; dann drehe ich das Herz 
soweit nach links um seine Axe, dass der rechte Rand nach 
vorn zu liegen kommt, und setze den Daumen der linken 
Hand dicht hinter diesem Rande an der Basis ein. Nach- 
dem das Herz so fixirt ist, mache ich hintereinander die 
beiden Schnitte für die rechte Seite. 

7. Handelt es sich um die linke Seite, so fasse ich die 
Spitze des Herzens, ziehe sie nach links und oben, und lege 
das ganze Herz so in die linke Hand, dass ich dasselbe mit 
den Fingern umfassen und die hintere Wand durch einen 
gelinden Druck etwas vorwölben und von dem Septum ent- 
fernen kann. Dann mache ich ebenfalls hintereinander die 
Schnitte für die linke Seite. 

Soviel über die Methode des Schneidens. Ich habe das 
Nöthige hier im Zusammenhange dargestellt, obwohl in der 



40 Untersuchung des Blutgehalts und der Ostien des Herzens. 

Ausführung die Untersuchung des Blutgehalts und die der 
Weite der Atrioventricularostien sich dazwischen schiebt. 
Nachdem nämlich die Schnitte in das rechte Herz gemacht 
sind, nehme ich zuerst das Blut aus dem rechten Vorhof und 
bestimme dessen Menge und Beschaffenheit. Alsdann schiebe 
ich zwei Finger der linken Hand (Zeige- und Mittelfinger) 
vom Vorhofe aus durch das Ostium tricuspidale bis in den 
Ventrikel und versuche dieselben zu öffnen (von einander 
zu entfernen). Dann nehme ich das Blut aus dem rechten 
Ventrikel und bestimme dasselbe. Ebenso verfahre ich auf 
der linken Seite. 

In Bezug auf die Untersuchung der Atrioventricular- 
ostien bemerke ich nochmals, dass bei diesem ersten Akt 
nichts Anderes, als ihre Weite, ermittelt werden soll. Der 
Untersucher muss also der Versuchung widerstehen, schon bei 
dieser Operation fühlen zu wollen, ob und wie die Klappen 
verändert seien. Dazu kommt später erst die Zeit, wenn 
man nicht mehr auf das Fühlen beschränkt ist, sondern das 
Auge Zugang zu diesen Theilen gewonnen hat. Jeder Ver- 
such, schon jetzt durch Fühlen, Reiben u. s. w. die Be- 
schaffenheit der Klappenränder zu ermitteln, ist geeignet, 
Veränderungen zu erzeugen oder vorhandene Veränderungen 
zu beseitigen, z. B. aufsitzende Gerinnsel zu zerbröckeln oder 
gär abzulösen. Hat man die zwei Finger eingeschoben und 
die Weite des Ostiums festgestellt, so zieht man sie ein- 
fach wieder zurück. Ich bemerke dabei, dass jeder Ein- 
zelne sich durch Erfahrung für seine Finger ein Maass 
der normalen Weite verschaffen muss. Für dünne Finger, 
wie ich sie besitze, kann man annehmen, dass das Ostium 
tricuspidale nicht blos den Zeige- und Mittelfinger neben ein- 
ander einzubringen gestattet, sondern dass man auch noch 
beide Finger so weit von einander entfernen (öffnen) kann, 
dass man einen dritten Finger, z. B. den Zeigefinger der 
rechten Hand zwischen sie vom Ventrikel aus einzuführen 
vermag. Für sehr grosse und dicke Finger ist das natür- 
lich nicht zutreffend. Auf der linken Seite ist überdies der 
Contractionszustand dea Herzens in Betracht zu ziehen. Ist 



Herausnahme d. Herzens. Schlussfähigkeit d. artor. Ostien. 41 

der linke Ventrikel stark zusammengezogen, so wird da- 
durch auch die Basis des Herzens, welche mit der Basis 
des Ostiums gleichbedeutend ist, verengt. Man muss dann 
durch sanftes Auseinanderdrängen den Contractionszustand 
und den sehr häufig gleichzeitig vorhandenen Rigor mortis 
fiberwinden, was ohne Schwierigkeit gelingt. Erst nach Lö- 
sung des Contractionszustandes lässt sich über die wirkliche 
Weite des Ostiums urtheilen. 

Mit diesen Ermittelungen ist der erste Akt der Herz- 
untersuchung beendigt. Der zweite Akt beginnt mit der 
Herausnahme des Herzens. Man fasst zu diesem Zwecke 
mit dem Zeigefinger der linken Hand in den linken, mit 
dem Daumen derselben Hand in den rechten Ventrikel durch 
die schon gemachten Schnittöflfnungen , zieht die Herzspitze 
und damit das ganze Herz in die Höhe und durchschneidet 
mit 3 — 4 kräftigen, langen Horizontalschnitten die Hohl- 
und Lungenvenen, die Lungenarterie und Aorta, sämmtlich 
nicht allzu dicht am Herzen. Ist das Herz herausgenom- 
men, so betrachtet man zuerst die Schnittöflfnungen der 
Aorta und der Lungenarterie, bestimmt die Weite dieser 
Gefässe und die Dicke ihrer Wandungen, und entfernt aus 
ihnen die «vorhandenen Blutgerinnsel. Darauf folgt die Unter- 
suchung der Schlussfähigkeit der arteriellen Ostien 
durch Eingiessen von Wasser in die Aorta und die Lungen- 
arterie. Bevor dies geschieht, muss man sich jedes Mal 
fiberzeugen, dass alle frischen Blutgerinnsel nicht nur aus den 
Gefässen selbst, sondern auch aus den Ostien und aus den 
Ventrikeln entfernt sind. Denn es ist klar, dass an jeder 
dieser Stellen vorhandene Gerinnsel auch ein incontinentes 
Ostium so verschliessen können, dass der Eindruck einer 
vollständigen Continenz entsteht. Bei dem Eingiessen des 
Wassers muss das Herz ganz frei in der Luft gehal- 
ten werden, denn wenn man es aufstützt, so kann irgend 
ein Theil der Wand gegen das zu untersuchende Ostium 
geschoben werden und dasselbe verlegen. Ebensowenig darf 
man das Herz in die Hand nehmen und mit den Fingern 
umfassen, weil es dadurch zusammengedrfickt und das Durch- 



42 Schliessangsfähigkeit der arteriellen Ostien. 

fliessen des Wassers durch das Ostinm gehindert wird. Viel- 
mehr moss man das Herz entweder an den zu untersuchen- 
den erfassen selbst, oder äusserlich in der Nähe der Basis 
der Klappe mit den Fingerspitzen beider Hände so fixiren, 
dass die Ebene des betreffenden Ostiums genau 
horizontal steht und nach keiner Seite hin gezerrt 
wird. Denn bei einer schiefen Stellung des Ostiums tritt 
eine ungleiche Belastung der einzelnen Klappentheile und 
die Gefahr des Dnrchfliessens auch an einer sonst schliessen- 
den Klappe ein, und mit einer seitlichen Zerrung oder Span- 
nung, wodurch das runde Lumen eines Gefdsses in die Form 
einer Säbelscheide gebracht wird, hören überhaupt die Be- 
dingungen eines normalen Schlusses, d. h. der Aneinander- 
legung congruenter Klappentheile auf. Man muss daher 
auch stets beide Hände zu einer richtigen Aufhängung des 
Herzens verwenden und durch eine zweite Person das Wasser 
eingiessen lassen. 

Am besten geschieht diese Aufhängung, wenn das 
Ostium aorticum untersucht werden soll, in der Art, dass 
man sich eine Reihe von Fixirungspunkten für die Finger- 
spitzen im Umfange des Ostiums, als am rechten und linken 
Vorhofe und an der Lungenarterie sucht. Die Ränder der 
Durchschnittsöffnung der Aorta selbst zu benutzen, ist stets 
etwas bedenklich, da man nicht Raum genug hat, um mehr 
als zwei Punkte zu fassen; beschränkt man sich darauf, so 
werden meist ungleiche Spannungen herbeigeführt. In jedem 
Falle sollte überdies die Aorta noch einmal, etwa in einer 
Entfernung von 4 — 5 cm. über dem Ostium, durch einen, 
der Ebene des Ostiums parallelen Schnitt durchtrennt wer- 
den. Man gewinnt dadurch die Möglichkeit, während des 
Eingiessens des Wassers das Verhalten der einzelnen Klap- 
pentheile direet zu beobachten und sich genau über die Stelle 
zu unterrichten, wo das Wasser abfliesst. Ich mache übrigens 
darauf aufmerksam, dass zuweilen das Wasser sinkt und 
schliesslich ganz verschwindet, ohne dass es durch das 
Ostium abläuft. In diesem Falle fliesst es gewöhnlich durch 
die Kranzarterien ab, welche leicht bei der ersten Eröffnung 



Eröffnung der Herzventrikel. 43 

der linken Herzseite augeschnitten werden. Es mass daher 
auf diesen Punkt besondere Aufmerksamkeit verwendet werden. 

An der Lungenarterie fallt die Mehrzahl dieser Schwie- 
rigkeiten weg; man kann daher fast immer ohne weitere 
Vorbereitung die Aufhängung des Herzens behufs der Prü- 
fung des Ostium pulmonale in der Art bewerkstelligen, dass 
man die Ränder der SchnittöflFnung des Gefässes zwischen 
den Fingern fixirt. 

Erst jetzt kommt der dritte Akt in der Herzuntersuchung: 
die vollständige Eröffnung der beiden Herzven- 
trikel. 

Zu diesem Zwecke legt man am besten das Herz ge- 
nau in der Stellung, welche es im Köri)er einnahm, auf ein 
Brettchen oder einen Tisch, und macht die nöthigen Schnitte 
in dieser Stellung. Das hat den Vorzug, bekannte Rich- 
tungen für das Auge festzuhalten. Durch die nun fol- 
genden Schnitte soll das Innere des Herzens soweit für 
Auge und Hand zugänglich gemacht werden, dass der 
Rest der noch zu untersuchenden Stellen bequem erreicht 
werden kann. Unter diesen sind in erster Linie zu nennen 
die Atrioventricularklappen mit den zu ihnen gehörigen 
Sehnenfäden und Papillarmuskeln. Nächstdem die Herz- 
höhlen selbst und das sie auskleidende Endocardinm, die 
arteriellen Klappen, das Septum ventriculorum und Septum 
atriorum, die Musculatur. Die Atrioventricularklappen sind 
hier in erster Linie genannt, nicht wegen ihrer hervorragen- 
den Dignität, sondern weil der schon früher besprochene 
Mangel einer eigentlichen Schliessprobe für sie es erforder- 
lich macht, sie einer um so genaueren Betrachtung zu un- 
terwerfen und sie bis dahin ganz unverletzt zu erhalten. 
Bei den arteriellen Klappen, welche inzwischen in Beziehung 
auf ihre Schliessungsfähigkeit geprüft sind, ist eine derartige 
Schonung nicht mehr nöthig. Dadurch bestimmt sich die' 
Richtung der Schnitte, welche die volle EröflFnung der 
Ventrikel herbeiführen sollen. 

a. Am- rechten Ventrikel liegt dieser Schnitt (vgl. Fig. 2) 
in der geraden Verlängerung der Lungenarterie, und zwar in 



44 Ventrikelschnitte am Herzen. 

der Nähe der Herzbasis, nicht längs des Septam. Man be- 
dient sich dazu am besten einer langen Scheere (Darm- 
scheere). Das eine Blatt derselben wird von dem früheren, 
am rechten Rande geführten Schnitte aus in der Richtung 
gegen die Lungenarterie hin eingelegt. Dabei ist nur Eines 
zu merken. In dieser Richtung liegt der vordere Papil- 
larmuskel der Tricuspidalis mit seinen Sehnenfäden, 
der erhalten werden muss. Schneidet man ihn selbst 
oder seine Sehnenfäden durch, so ist nachher eine volle 
Darstellung des Klappenapparates der Tricuspidalis nicht 
mehr möglich. Das Scheerenblatt muss vor diesem Papillar- 
muskel eingebracht und der Schnitt durch die vordere 
Wand des Ventrikels und der Lungenarterie, wie gesagt, 
näher an der Basis geführt werden. 

b. Am linken Ventrikel liegt der Schnitt (vgl. Fig. 3), 
der auch hier mit einer langen Scheere ausgeführt wird, in 
der Verlängerung der Aorta ascendens, und zwar dicht am 
Septum ventriculorum. Er beginnt von der Herzspitze aus und 
durchneidet die vordere Wand des Ventrikels und die linke 
Wand der Aorta. Diejenige Stelle, welche hier am meisten der 
Schonung und einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf, ist 
die Basis der Mitralis. Es hängt dies folgendermaassen 
zusammen. Wenn man gerade aufwärts von der Herzspitze 
nach dem Ostium aorticum zu längs der Scheidewand schnei- 
det, so kreuzt dieser Schnitt das Ostium pulmonale und 
man würde bei einfacher Fortführung desselben die Klappen 
der Arteria pulmonalis zerschneiden. Man vermeidet dies, 
indem man während des Schneidens die Lungenarterie nach 
rechts zieht und links neben und hinter ihr weiter schnei- 
det. Allein man darf nicht weit nach links abweichen. Der 
natürliche Engpass, durch welchen man zu passiren hat, 
besitzt auch seine Charybdis. Ganz nahe an dieser Stelle 
inserirt sich innen der rechte Rand der Basis der Mitralis, 
welche sich bekanntlich unmittelbar an den hinteren und linken 
Rand des Ostium aorticum anschliesst. Sowie der Schnitt auch 
nur um einige Millimeter zu weit nach links abweicht, so schnei- 
det man dasjenige Stück der Mitralis weg, welches den letzt- 



Herzuntersuchung. 45 

genannten Anschlug^ herstellt. Man findet dann beim Auf- 
klappen des durchschnittenen Herzens ein Loch in der Mitralis. 
Aeusserlich entspricht dieser Stelle genau der rechte Rand 
der Basis der Auricula cordis sinistra. Daran hat man sich 
zu Orientiren. Der Schnitt muss also in der Mitte zwi- 
schen Ostium pulmonale und Auricula sinistra 
durchgelegt werden. 

Damit ist die Hauptsache erledigt. Man kann dann 
noch die Vorhöfe etwas weiter eröffnen, indem man mit der 
Scheere ihre Wand zwischen den Einmündungen der Hohl- 
venen rechts und der Lungenvenen links durchschneidet. Man 
kann ferner weitere Schnitte in die Muskulatur legen, z. B. 
die sehr wichtigen Schnitte, welche parallel der Oberfläche 
von den zuletzt ausgeführten Ventrikelschnitten aus angelegt 
werden, und welche die Herzwand in eine innere und eine 
äussere Hälfte zerspalten. Man kann ferner noch die Kranz- 
arterien aufschneiden, deren Verlauf durch die bisherigen 
Schnitte in der Hauptsache noch unverletzt ist. Indess sind 
dies Aufgaben, welche nur ausnahmsweise bei besonderen 
Fällen zu verfolgen sind. In der Regel werden die drei 
Akte genügen. Aber sie sind auch indispensabel. Keine 
ordentliche Herzuntersuchung kann angestellt 
werden, ohne dass nicht jene drei Akte regelrecht 
ausgeführt werden. 

Wenn man die lange Beschreibung, welche ich davon 
gegeben habe, durchliest, so könnte man glauben, es müsse 
eine lange Zeit dazu gehören, dies Alles zu bewerkstelligen. 
Es kann einem ergehen, wie jenem unglücklichen Kreisphy- 
sikus, der bei Lesung des neuen Regulativs zu dem Glauben 
kam, die Ausführung einer Obduction nach diesem Regu- 
lativ werde mindestens zwei Tage dauern. Das Eine ist 
so irrthümlich, wie das Andere. Eine Herzuntersuchung in 
der angeführten Weise kann von Jedermann in 10 Minuten 
ausgeführt werden, gleichwie eine Obduction nach dem 
neuen Regulativ in 3, bei geringer Complication schon in 
1 '/.j — 2 Stunden gemacht werden kann. 

Ich habe, um mir selbst ein Urtheil über die Anfor- 



4ß Specialfälle. 

deruDgen des Regulativs zu bilden, einige Obductionen 
geeigneter Fälle in der vorschriftsmässigen Weise angestellt 
und ich gebe die Protokolle darüber hier im Anhange als 
Beweisstücke und zugleich in einem gewissen Sinne als 
Musterstücke. Nicht in dem Sinne, dass sie, wie früher die 
Casp er' sehen Obductionen, als Vorbilder für Sprache und 
Technik dienen und den Obducenten die Sorge um eigene 
Beschreibung und Bezeichnung der Dinge abnehmen sollen, 
sondern nur in dem Sinne, dass sie zeigen sollen, wie sich 
ein Protokoll in der Vorstellung derer, welche das Regulativ 
ausarbeiteten, etwa ausnimmt. Diese Protokolle sind mit 
einer gewissen Freiheit diktirt, und ein sehr kritisches Auge 
könnte vielleicht einzelne Verstösse gegen das Regulativ 
entdecken und eine „Revisionsbemerkung" daran knüpfen. 
Indess werden dies, wie ich hoffe, so untergeordnete Punkte 
sein, dass wenigstens keine Revisionsbemerkungen im Sinne 
der Wissenschaftlichen Deputation sich an dieselben an- 
schliessen lassen dürften. 

Die Fälle, welche ich ausgewählt habe, besitzen auch 
sonst einiges Interesse, und ich werde mir erlauben, einige 
epikritische Bemerkungen anzufügen. 

I. Fall. 

Unbekannter Mann. Todt eingebracht. Gesicht mit Blut bedeckt. Linke 
Gesichtsseite, namentlich die Ohrgegend blauroth. Tod durch Er- 
stickung in Folge von Lungenblutung und Lungenödem. 

Obductionsdauer: 2 Stunden 5 Minuten. (November 1875.) 
A. Aeussere Besichtigung. 

1. Der Leichnam des dem Anscheine nach 40 — 50 Jahre alten Mannes 
ist 1,75 Meter lang, sehr kräftig gebaut, mit schwachem Fett- 
polster, dagegen kräftiger Muskulatur, die am Oberarm und Ober- 
schenkel verhältnissmässig schwächer, als am Vorderarm und 
Unterschenkel ist. 

2. Die Farbe des Körpers ist im Allgemeinen blass, am Unterleib 
grünlich, an der hinteren Körperseite, am Hodensack und der 
Eichel gleichmässig blauroth und nur an den gedrückten Stellen 
auch am Rücken blass. Die blaurothe Farbe lasst sich durch Fin- 



FaU I. 47 

gerdruck nur schwer, aber ziemlich vollständig beseitigen ; beim 
Einschnitt sieht man nur gefüllte Gefasse in der Haut und Unter- 
haut, aus denen flüssiges Blut austritt. 

3. Beim Umdrehen der Leiche, zum Zweck dieser Untersuchung, 
fliesst aus Nase und Mund eine blutige dünne Flüssigkeit. 

4. Das Gesicht, namentlich die linke Seite bis zum Ohr hin, und der 
Bart sind vielfach mit angetrocknetem Blut beschmutzt, am stärk- 
sten die Nasenlöcher und Lippen. Eine braunrothe, trockene, pul- 
verige Substanz, welche nach links hin in grössere, zusammen- 
hängende Plättchen von getrocknetem Blut übergeht, bedeckt den 
Hals und die obere Brustgegend. 

5. Das Kopfhaar ist reichlich, lockig, lichtbraun, mit zahlreich ein- 
gesprengten grauen Haaren. Der Bart voll und namentlich der 
Kinn- und Backenbart stark entwickelt, von mehr roth brauner 
Farbe. Augenbrauen dicht, und ebenso, wie die Augenwimpern, 
von dunkel graubrauner Farbe. Die Iris blass graublau. Das 
Gesicht stark, mit voller Stirn, grosser gerader Nase, starken 
Backenknochen. Vorderzähne vollständig, Backenzähne vielfach 
cariös und defect. Keine Spuren frischer Verletzung. Lippen 
blass und zart. 

6. Sonstige besondere Merkmale sind am Körper nicht vorhanden, 
nur die Vorhaut ist ungemein kurz, bedeckt nur den Rand der 
Eichel, jedoch ist keinerlei Narbe an ihr zu bemerken. 

7. Die Hände gross. Die Nägel lang und bläulich, unter den vor- 
springenden Rändern mit dickem schwarzem Schmutz erfüllt, von 
dem Spuren sich auch an der Hohlhand finden. 

8. Die Extremitäten sind in den Hauptgelenken etwas beweglich, 
zeigen jedoch an den kleineren Gelenken überall Spuren von 
Todten starre. 

9. Die Augenlider sind nicht ganz geschlossen; die Hornhäute durch- 
sichtig und verhältnissmässig prall. 

10. Die Nasenöflfnungen zeigen ausser dem erwähnten Blut keine 
fremden Körper. 

11. Der Mund ist leicht geöiTnet, ebenso die Zahnreihen. Die Zunge 
liegt hinter den Zähnen und ist ebenso, wie der Gaumen, mit 
flüssigem Blut bedeckt. ^ 

12. Aeussere Ohren ungemein gross, das linke dunkelbraunroth. 
Beim Einschneiden tritt überall reichliches Blut aus den zer- 
schnittenen Gefässen, jedoch zeigt sich kein in das Gewebe aus- 
getretenes Blut. OhröiTnungen leer. 

13. Hals nicht besonders leicht beweglich, ohne erkennbare Verände- 
rung. 

14. Brust voll, Bauch wenig aufgetrieben. 

15. An den Extremitäten, namentlich den unteren, schwache Gänse- 



48 Fall I. 

haut. Die Unterschenkel über den Knöcheln etwas dick, beim 
Fingerdruck Gruben bildend, beim Einschneiden die Gewebe mit 
Flüssigkeit durchtränkt. Dicht über den Knöcheln liegt jederseits 
lose ein zusammengeknoteter Bindfaden ; dem entsprechend findet 
sich ein querer Eindruck an der inneren und vorderen Seite, der 
eingeschnitten keine Blutunterlaufung zeigt. 

16. Die Umgebung des Afters durch braunen Koth sehr reichlich be- 
sudelt. After geschlossen. 

17. Im Uebrigen keine Spur von äusseren Verletzungen wahrnehmbar. 

B. Innere Besichtigung. 

I. Kopfhöhle. 

18. Die weichen Kopfbedeckungen werden durch einen Schnitt quer 
über den Kopf vorschriftsmässig durchschnitten und zurückge- 
schlagen. Dabei zeigen sich alle diese Theile, und zwar nach 
hinten stärker als nach vorn, röthlich gefärbt, ohne dass jedoch an 
irgend einer Stelle eine stärkere, alsBlutaustretung zu erkennende 
Röthe hervorträte; vielmehr fliesst überall dickflüssiges Blut aus 
den durchschnittenen Gefässen und die Weichtheile erscheinen 
gleichmässig durchtränkt mit röthlicher Flüssigkeit. 

19. Der sehr breite und stark gewölbte Schädel zeigt nach hinten hin 
in ähnlicher Weise eine röthliche Tränkung seines Gewebes, am 
stärksten an den Nähten, welche sehr zackig und an verschiede- 
nen Stellen mit Schaltknochen besetzt sind. Im Uebrigen ist die 
Farbe des Schädels schmutzig gelbgrau, an einzelnen Stellen 
mehr weisslich. 

20. Der Schädel sägt sich schwer und lässt sich, nachdem er durch- 
sägt ist, von der harten Hirnhaut nicht abheben. Es wird daher 
die letztere sofort mit durchschnitten, und da auch das Gehirn 
beim Anziehen folgt, die Herausnahme desselben gleichfalls durch 
regelmässige Trennung der Verbindungen an der Grundfläche 
sofort bewerkstelligt. 

21. Nach der Herausnahme zeigt sich keine Flüssigkeit, noch ein 
sonstiger Erguss an der Grundfläche. Die grossen Blutleiter da- 
selbst enthalten nur flüssiges Blut in massiger Menge. ^ 

22. Die harte Hirnhaut trennt sich schwer von der Basis und den hin- 
teren Theilen. Irgend eine Art von Verletzung der Knochen des 
Schädelgrundes ist nipht wahrzunehmen. 

23. Auch an der Grundfläche des Gehirns selbst zeigt sich keine Ver- 
änderung. Die grossen Arterien sind weit, aber platt und leer. 
Die weiche Haut überall zart und nur die venösen Gefässe gegen 
ihre Wurzeln hin gefüllt. 



Fall I. 49 

24. Nach der Herausnahme des Gehirns aus dem Schädeldach erscheint 
die innere Fläche der harten Hirnhaut durchweg blass, ohne irgend 
einen Beschlag, sie seihst etwas dick und sehnig, der lange Blut- 
leiter etwas weit, aber durchweg mit flüssigem Blute gefüllt. 

25. Es wird sodann die harte Haut vom Schädeldach abgezogen. Sie 
erscheint auch äusserlich blass, die stark vorspringenden Gefässe 
sind leer. 

26. Das Schädeldach zeigt nirgends einen Sprung oder eine Verletzung, 
und hat nur wenig Schwammsubstanz. Die Knochen sind durch- 
schnittlich 5 — 6 Mm. dick. An der Innenfläche des Stirnbeins in 
der Mittellinie zarte, rothe, sehr gefässreiche, weiche Anflüge. 

27. Die Oberfläche des Grosshirns gut gebildet; die weiche Haut 
überall zart; die venösen Gefässe mit Blut gefüllt, auf der linken 
Seite bis zur vollen Rundung, etwas weniger auf der rechten. 

28. Beim Einschneiden findet sich in den Seitenhirnhöhlen eine geringe, 
nicht messbare Menge klarer Flüssigkeit. Höhlen nicht erweitert; 
Hinterhörner verwachsen. Scheidewand weich und zerreisslich ; 
Adergeflechte und obere Gefässplatte dunkelroth durch starke 
Füllung ihrer Gefässe. Die Gefässplatte trennt sich etwas schwer 
von den Vierhügeln. 

29. Auf dem Durchschnitt der Grosshirnhalbkugeln zeigt sich das Ge- 
webe durchweg feucht glänzend, die weisse Substanz mit zahl- 
reichen Blutpunkten, aus denen sich beim Druck Tropfen von 
Blut ergiessen, welches durch Wasser abgespült werden kann. 
Die graue Substanz der Rinde blassröthlich, die des Streifen- und 
Sehhügels gleichfalls, zugleich feucht. Sonst keine Veränderung. 
Gute Consistenz. 

30. Vierhügel blass. Zirbel klein und geröthet. 

31. Vierte Höhle leer, ihre Oberfläche blass und zart. Adergeflechto 
geröthet. 

32. Am Kleinhirn die Rinde durchweg geröthet, ohne dass Ge- 
fässe erkannt werden können, die Marksubstanz dagegen mit ge- 
füllten venösen Gefässen durchzogen. Consistenz gut, Feuchtig- 
keit massig. Keine Veränderung. 

33. Am Grunde des Gehirns werden sämmtliche Lappen des Gross- 
hirns durch zahlreiche parallele Querschnitte zerlegt, ohne 
dass sich irgend eine erkennbare Veränderung zeigt. Graue Sub- 
stanz überall leicht geröthet. 

34. An der Brücke und dem Hirnstiele die graue Substanz geröthet, 
die weisse mit zahlreichen gefüllten Venen durchzogen. Con- 
sistenz gut. 

35. Das verlängerte Mark blass, nur die graue Substanz in der 
Nähe der Rautengrube etwas mehr geröthet. 

Virchow, Sections-Techiiik. 3. AiiH. . a 







50 Fall I. 



n. Brust- nud Bauchhöhle. 

8(). Durch einen Längsschnitt vom Kinn bis zur Schamfuge wird in 
vorschriftsmässiger Weise die Haut gespalten und die Bauchhöhle 
eröffnet. Fettpolster schwach, Muskulatur etwas blass. 

37. In der Bauchhöhle kein fremder Inhalt, Lage der Theile normal. 
Blinddarm und Querdarm, so wie der absteigende Theil des Dick- 
darms sind stark ausgedehnt, ebenso ein Theil der Dünndärme, 
zum Theil durch Gas, zum Theil, wie es scheint, durch Flüssig- 
keit. Alle diese Theile sind blass und nur am Netz einzelne ge- 
füllte Venen sichtbar. 

38. Die Wölbung des Zwerchfells beiderseits zwischen der 4. u, 5. Rippe. 

a. Brusthöhle. 

39. Nachdem das Brustbein entfernt ist, sieht man die Lungen, na- 
mentlich die linke, ziemlich ausgedehnt bei sonst normaler Lage der 
Theile. Herzbeutel zum grossen Theil bedeckt von den Lungen. 

40. Links zeigen sich einzelne, dem Zuge stark Widerstand leistende 
Verbindungen zwischen der Lungenoberfläche und der Rippen- 
wand. Im hintersten Winkel des BrustfeMraums findet sich ein 
Esslöffel voll dünner röthlicher Flüssigkeit. 

41. Auf der rechten Seite sind etwas mehr ausgedehnte, aber ebenso 
derbe und mit Gefässen durchsetzte Verwachsungen am Ober- 
lappen. Flüssigkeit in noch geringerer Menge alslinks. Nachinnen, 
am Herzbeutel, ist diese Lunge in grosser Ausdehnung verwachsen. 

42. Im Herzbeutel ein Esslöffel voll einer schwach röthlichen, aber 
klaren Flüssigkeit. 

43. Das Herz nahezu von der Grösse der Faust des Mannes, an der 
rechten Fläche abgeplattet, mit schwachem Sehnenfleck, über der 
rechten Kammer massig mit Fett bedeckt, blass und nur in den 
Kranzvenen massig mit Blut gefüllt. Der rechte Vorhof enthält 
überwiegend flüssiges Blut, dem eine ganz geringe Menge weichen, 
leicht zerreiblichen, speckhäutigen Gerinnsels beigemengt ist. Die 
Menge des Blutes, welches sich aus dem rechten Herzen und den 
grossen Brustvenen sammelt, beträgt 150 ccm. In der rechten Herz- 
kammer ist nur flüssiges Blut, aber in so geringer Menge, dass es 
nicht gemessen werden kann. Auch die linke Vorkammer enthält 
nur flüssiges, und zwar dickflüssiges Blut in geringer Menge. 
Der linke Ventrikel ist ganz leer. Alles Blut ist gleichmässig 
dunkel. Die Aorta, 3 cm. im Durchmesser, mit dicken Wandungen, 
namentlich verdickter Innenhaut. Die Lungenarterie nahezu ebenso 
weit, aber mit verdünnten Wandungen. Die Klappen an den 
Mündungen beider Gefässe schliessen. Aufgeschnitten zeigt das 



Fall I. 51 

Herz einen erweiterten rechten und einen grossen linken Ven- 
trikel. Muskelfleisch bräunlich, rechts etwas blasser. Klappen 
nicht verändert, jedoch stark roth getränkt. 

44. Am Hals sind die grossen Venen massig mit flüssigem Blut ge- 
füllt, Arterien leer. Die grossen Nerven scheinbar unverändert. 

45. In vorschriftsmässiger Weise wird die Mundhöhle von unten her 
geöffnet, die Zunge zurückgezogen und der obere Theil der Speise- 
röhre eröffnet. In allen diesen Theilen ist ein Belag mit blutig- 
schleimigerFlüssigkeit,der sich jedoch leicht abwischen lasst und 
nach dessen Entfernung eine leicht geröthete, sonst unverän- 
derte Schleimhaut zurückbleibt. Zungenbalgdrüsen gross, weiss- 
lich, Mandeln ein wenig geschwollen. 

46. Im Kehlkopf und im oberen Theile der Luftröhre findet sich blu- 
tiger, grossblasiger Schaum in beträchtlicher Menge. Nach dem 
Abwischen desselben erscheint die Schleimhaut nur schwach ge- 
röthet; am hinteren Umfange sind die Gefässe der Schleimhaut 
gefüllt, sonst ist sie unverändert. 

47. Es werden nunmehr, in Verbindung mit der Rippenpleura, die 
übrigen Brusteingeweide und die Lungen auf einmal herausge- 
nommen. 

48. Der untere Theil der Speiseröhre ist bedeckt mit einer röthlichen 
Flüssigkeit, die sich leicht abstreifen und nach deren Entfernung 
sich keine Veränderung der darunter liegenden Schleimhaut er- 
kennen lässt. 

49. Die Aorta zeigt in ihrem Brusttheil eine leichte Erweiterung und 
Verdickung der Innenhaut, jedoch keine Verletzung. Dasselbe 
gilt von den grossen, zum Halse verlaufenden Aesten derselben. 

50. Der untere Theil der Luftröhre, sowie ihre grossen Verzweigun- 
gen sind ganz gefüllt mit schaumigem und blutigem Inhalt. 

51. Die Lungen erscheinen gross, an der Zwerchfellsfläche stark ge- 
wölbt, namentlich an der rechten Seite mit flachen Buckeln stark 
erweiterten (emphysematösen) Gewebes besetzt. Die Farbe der 
Lungen im Ganzen grau, vorn blass, hinten geröthet. Die Vor- 
derseite zeigt sich durch zahlreiche Einziehungen gefurcht. Letz- 
tere Stellen fühlen sich härter an. Das übrige Gewebe fühlt sich 
weich, obwohl wenig knisternd an. 

52. Beim Einschneiden zeigt sich rechts in der Spitze eine Höhle von 
verzweigter unregelmässiger Gestalt, im Ganzen 6V2 cm. im 
Durchmesser, aus 2 Abtheilungen 'bestehend, welche durch eine 
schmale Scheidewand getrennt sind, jede von ihnen 4V2 cm. im 
horizontalen Durchmesser. Beide sind gefüllt mit blutiger, schwach 
schaumiger Flüssigkeit, die sich leicht abspülen lässt. Beide haben 
unregelmässige, rauhe, beimAufgiessen mit stark flottiren den An- 
hängen besetzte Wandungen. Man sieht darin zahlreiche grössere 




52 FaU I. 

durcbgefressene, und einzelne in Form von Balken freigelegte Ge- 
fässe. Von den Zweigen der Luftröhre gelangt man unmittelbar 
in diese Höhlen hinein. In den übrigen Lungentheilen findea sich 
noch einzelne kleinere, mehr glattwandige Höhlen, sowie einzelne 
umschriebene, von aussen hart anzufühlende Stellen, deren Durch- 
schnitte theils ein dichtes, mattes, grauröthliches , feinkörniges, 
theils ein trockenes, grauweisses^ käsiges Aussehen zeigen. Das 
übrige Lungengewebe ist voll schaumiger, weisslicher Flüssigkeit, 
die sich leicht ausdrücken lässt. 

53. Links findet sich unter der Spitze, mehr gegen die Mitte des Ober- 
lappens einig Reihe wallnuss- bis hühnereigrosser ähnlicher Höhlen, 
gleichfalls mit flüssigem, wenig schäumigem Blut gefüllt, mit den 
Luftwegen zusammenhängend. Ihre Wand ist unregelmässig und 
fetzig. Die Stümpfe der grossen Gefässe sind als weissliche Vor- 
sprünge erkennbar. Eine ähnliche Höhle von etwaWallnussgrösse 
sitzt in der Spitze des ünterlappens. Im Uebrigen finden sich 
zahlreiche Knoten von verschiedener Grösse, bis über erbsengross: 
einzelne mit Höhlen im Innern, andere fest, jedoch käsig, andere 
fest und von schwarzgrauer Beschaffenheit. 

b. Bauchhöhle. 

54. Die Milz durch feste Verwachsungen mit Zwerchfell und Netz ver- 
bunden, 14 cm. lang, 9 cm. breit, 3V2 cm. dick; von aussen 
grau stahlblau. Auf dem Durchschnitt dnnkelbraunroth, mit reich- 
licher, von zahlreichen, dunkelrothen Flecken durchsetzter Pulpe 
und wenig vergrösserten Follikeln. 

55. Linke Niere 13 cm. lang, 6V2 cm. breit, 37-2 ^^^ dick. Kapsel 
leicht trübe, dünn. Oberfläche der Niere glatt, bräunlich roth, nicht 
getrübt, Consistenz derb. Auf dem Durchschnitt Mark- und Rin- 
densubstanz stark geröthet, nicht getrübt, im Uebrigen unver- 
ändert. Knäuel blutleer. Nebenniere mit schwacher Rinden- und 
Marksubstanz, dagegen starker blutreicher Zwischenschicht. 

5C). Beim Abtrennen der, die rechte Niere umgebenden Theile zeigt 
sich eine sehnige Verwachsung zwischen Dickdarm und unterer 
Fläche des rechten Leberlappens. 

57. Rechte Niere von gleicher Grösse, wie die linke, auch sonst von 
gleicher Beschaffenheit. Ebenso die Nebenniere. 

58. Die Harnblase zusammengezogen, enthält nur einige Tropfen 
weisslichen Harns; Schleimhaut unverändert. 

59. Linker Hode durch einige sehnige Verwachsungen der Oberfläche 
etwas missgestaltet, sonst unverändert. Der rechte am Kopf des 
Nebenhodens mit einer Einziehung versehen. 

60. Der Magen ausgedehnt, enthält eine reichliche Menge einer dicken 



Fall I. 53 

klumpigen, zum Theil mit grösseren Luftblasen durchmengten, 
blutigen Flüssigkeit, etwa 200 ccm. betragend. 

61 . Eine gleiche Flüssigkeit findet sich noch im Anfangstheil des Duode- 
nums, jedoch nur bis zurMündung des Gallengangs. Vonhieranein 
schwach gelblicher Inhalt. Mündung des Gallengangs unverändert. 

62. Die Schleimhaut des Magens überall blutig getränkt, sonst un- 
versehrt, nur die grösseren venösen Gefässe gefüllt. 

63. Im Darm findet sich im oberen Theil eine sehr reichliche, mehl- 
suppartige, schwach gallig gefärbte, mehr graue Flüssigkeit. Sie 
wird im unteren Theil des Leerdarms dünner, aber auch spärlicher. 
Im Krummdarm eine mehr bräunliche, sehr reichliche Flüssigkeit. 
In dieser Gegend ist der Darm so weich, dass er beim Einschneiden 
mit derScheere auseinanderreisst. Der unterste Theil des Krumm- 
darms ist mit einer kothigen, leichter fiüssigen Masse gefüllt. Im 
Dickdarm findet sich von derBauhin'schen Klappe an dickbreiiger 
kothiger Inhalt. Die Schleimhaut überall im Krummdarm zart 
und blass, die Drüsen kaum geschwollen. Im Leerdarm ist die 
Schleimhaut dicker, hier und da eine Einzeldrüse geschwollen, 
doch sonst nichts verändert. Iii) obersten Theil des Leerdarms 
hat die Schleimhaut ein weissliches Aussehen. 

64. Die Leber 28 cm. breit, 23 cm. hoch, 8 cm. dick, fühlt sich 
derb an, ist an der Oberfläche blassbräunlich, schneidet sich 
etwas derb , bricht schwer und erscheint auf dem Durchschnitt 
gloichmässig roth getränkt. Die Acini gross und ihre Farbe gleich- 
massig. 

65. In der unteren Hohlader flüssiges Blut. 

Der Fall ist ein bemerkenswerthes Beispiel von ulce- 
röser Lungenphthise bei einem sonst sehr kräftig entwickel- 
ten Manne, bei dem der Prozess trotz offenbar langer Dauer 
sich auf die Lungen beschränkt hat. Ob der Prozess ur- 
sprünglich aus Bronchiectasie oder käsiger Pneumonie ent- 
standen ist, Hess sich bei dem vorgerückten Stadium der 
Veränderungen nicht erkennen; jedenfalls war schliesslich 
käsige Pneumonie hinzugetreten. Sehr interessant ist es, 
dass trotz der Grösse der Lungenblutung der Tod weder 
durch einfache Verblutung (Anämie), noch durch einfachen 
Verschluss der Luftwege vermittelst des ausgetretenen Blu- 
tes, sondern erst durch hinzugetretenes Lungenödem erfolgt 
ist, — eine Combination, welche sich nur erklärt einerseits 
aus der kräftigen Beschaffenheit des Körpers, andererseits 



54 Fall II. 

aus einem langsameren Verlaufe der Blutung. Ein einzel- 
nes zerrissenes Gefäss wurde nicht aufgefunden. 
Das vorläufige Gutachten hätte also zu lauten: 

1) dass der Tod durch Erstickung in Folge von Lun- 
genblutung und Lungenödem eingetreten ist, 

2) dass Zeichen äusserer Gewalteinwirkung durch die 
Obduction nicht nachgewiesen sind. 



n. Fall. 



Bekannte Persönlichkeit. Schuss in den Kopf (Selbstmord). Tod nach 
(mehr als) 12 Stunden durch Lungenödem. Bei der Autopsie 
Schusskanal durch die rechte Hemisphäre, einschliesslich des 
Linsenkerns. Ausgedehntes Lungenödem und interstitielles Em- 
physem. Zahlreiche Zeichen älterer Störungen: schiefer Schädel, 
asymmetrische Hirnbildung, enge Aorta, Endocarditis mitralis, 
Herpes zoster. Chylificationszustand am Darm. 
Ein Handlungsgehülfe, B. W., 21 Jahre alt, hatte sich mit einem 
Terzerol in den Kopf, links über der Mitte der Augenbrauen, geschossen. 
Ganz besinnungslos wurde er Morgens 6 Uhr in die Charite gebracht. 
Er lag stertorös athmend, fast pulslos da, Hess den Harn unter sich, 
hatte starkes Tracheairasseln. Herztöne kaum zu hören. Der Harn 
enthielt weder Eiweiss, noch Zucker. Die linke Pupille weiter, als die 
rechte. Aus der kleinen Wunde ergiesst sich zeitweise eine weissliche, 
schmierige, mit Blut untermischte Masse. Mittags hatte sich der Puls 
etwas gehoben, die immer noch stertoröse Respiration war etwas leich- 
ter geworden. Nachmittags verschlechterte sich der Zustand schnell 
und um 4 Uhr trat der Tod ein. 

Obduction. Dauer 2V4 Stunden: 3. Novbr. 1875. 

A. Aeussere Besichtigung. 

1. Der im Allgemeinen gut genährte, 1,7 m. lange Körper gehört 
einem Manne von anscheinend 20 Jahren an. 

2. Die Farbe ist durchweg an der Vorderfläche eine blasse, nur an 
der linken Hälfte des Gesichtes, am linken Ohr und den nächst 
anstossenden Theilen des Nackens, an den Ober- und Vorder- 
armen , sowie an den Ober- und Unterschenkeln zeigt sich eine 
in grossen blaurothen Flecken von unregelmässiger Gestalt und 
wechselnder Grösse auftretende Färbung, die im Allgemeinen 



Fall II. 55 

auf der linken Seite stärker ist und auf dem Rücken an allen 
denjenigen Stellen, die nicht dem Druck ausgesetzt waren, in 
eine gleichmässige, mehr hochrothe Färbung übergeht. Bei star- 
kem Fingerdruck lässt sich diese Röthe fast gänzlich wegdrücken, 
beim Einschneiden sieht man aus der Haut und Unterhaut ein- 
zelne grössißre Tropfen von dickflüssigem Blut austreten, jedoch 
nirgends festsitzende und durch Wasser nicht abzuspülende rotho 
Flecken. Nur an einer Stelle des linken Oberschenkels, eine gute 
Handbreit über der Kniescheibe, findet sich beim Einschneiden 
eine kleine, durch die ganze Dicke des Fettes reichende, mit 
nicht ausdrückbarem Blut durchsetzte Stelle. Ueber dem rechten 
Schulterblatt zeigen sich einige schief von oben und aussen nach 
unten und innen verlaufende, trockene braunrothe Stellen, 
welche beim Einschneiden nichts als dünne, trockene, die eigent- 
liche Lederhaut umfasssende Krusten darstellen. 

3. Beim Umwenden der Leiche ergiesst sich aus dem Munde eine 
reichliche Menge gelbbrauner, mit dunkelbraunen Körnern unter- 
mischter Flüssigkeit. ^. 

4. Leichenstarre ist an den Extremitäten, den Hals- und Bauch- 
muskeln vorhanden. 

5. An der Vorderfläche des Körpers, namentlich an der Brust zahl- 
reiche graubraune Flecke, die sich nicht abwaschen lassen. An 
der linken Seite, in der Gegend der 7. — 9. Rippe, treten sie in 
Form einer breiteren Zone hervor, in deren Fortsetzung sich auch 
am Oberarm bräunliche, mit dicken Epidcrmisanhäufungen be- 
legte Flecke zeigen. Auch andere Theile der Oberfläche, nament- 
lich die unteren Extremitäten sind mit grauen Stellen besetzt, 
die sich jedoch vollständig abwaschen lassen. An zählreichen 
Stellen des Gesichtes, des Halses, der Arme und des Rumpfes 
zeigen sich schwärzliche Maler, namentlich einige grössere am 
Bauch, die sich beim Einschneiden als vollständig in der Ober- 
haut gelegen erweisen. 

6. Am Bauche und in den Leistengegenden einige blassgrünlich ge- 
färbte, verwaschene Stellen. Leichengeruch nicht wahrnehmbar. 

7. Die dunkelbraunen Haare sind auf der rechten Seite röthlich ge- 
färbt, vielfach untereinander verklebt und an ihrem Grunde mit 
trockenem Blute durchsetzt. 

8. An der Stirn, einen Finger breit über der Mitte der linken Augen- 
braue, sieht man ein kleines Loch von 3 mm. Durchmesser, um- 
geben von einer trockenen schwarzbraunen, etwas eingesunkenen 
1 — 2 mm. breiten Hautschicht, um welche nach aussen und links 
eine einfache schmale Röthung mit leichter Abschürfung der 
Oberhaut sich erstreckt. Die ganze Umgegend ist leicht ange- 
schwollen. Ein durch diese Stelle bis auf den Knochen geführter 



56 Fall II. 

langer Querschnitt zeigt eine ausgedehnte Trennung des Zu- 
sammenhanges in der Sehnenhaube und dem darunter liegenden 
Bindegewebe, welche an einer Stelle auch das Periost betrifft 
und einem Loche in dem Knochen entspricht. An dieser Stelle 
ein abgesplittertes plattes Knochenstück von dreieckiger Gestalt, 
5 mm. lang, 4 mm. breit, das vorläufig asservirt wird. Die er- 
wähnte Trennung des Zusammenhanges bildet keine gleichmässige 
Höhle, sondern zeigt zahlreiche Fäden und Balken, welche die- 
selbe durchziehen und in sie hineinragen. Ringsumher, bis zu 
5 cm. im Durchmesser, sind alle Weichtheile mit Blut durch- 
setzt, das nicht ausgedrückt werden kann. Weiterhin im Um- 
fange findet sich eine wässerige Flüssigkeit in dem Gewebe. 
9. Die Augenlider stehen offen. Die Hornhäute sind prall und 
durchsichtig. 

10. Die Nasenlöcher sind mit angetrocknetem Blute in sehr reichlicher 
Menge erfüllt, das auch die benachbarten Theile der Haut bedeckt. 

11. Mund geschlossen bis auf eine kleine Oeffnung in der Mitte. Die 
Lippen leicht geröthet, die Zähne vollständig geschlossen. 

12. In den Oeffnungen des Kopfes keine weiteren fremden Körper be- 
merkbar. 

13. Am Halse ein blasser Streif, der dicht über dem Kehlkopf 3 mm. 
breit ist, nach der linken Seite bis zu einer Breite von 15 mm. 
zunimmt und hier unter dem Ohre endigt, ohne dass eine Ver- 
tiefung oder eine Verletzung der Oberfläche oder eine Färbung 

. zu bemerken wäre. Auch kommt etwas Aehnliches auf der rech- 
ten Seite gar nicht zur Erscheinung. Ein Einschnitt zeigt Haut 
und Unterhaut ganz blass. 

14. Brustkorb etwas flach. 

15. Bauchwand etwas vertieft. 

16. Penis klein, stark gerunzelt, fast ohne Vorhaut. Die Eichel und 
der Rest der Vorhaut dunkel geröthet und etwas vertrocknet. Der 
Hodensack gleichfalls klein und sehr gerunzelt, äusserlich auf 
beiden Seiten etwas blutrünstig aussehend, beim Einschneiden 
an diesen Stellen die Haut oberflächlich vertrocknet und stark 
geröthet. 

17. After geschlossen. 



B. Innere Besichtigung. 

I. Kopfhöhle. 

18. Die Kopfhaut wird durch einen quer von einem Ohr zum andern 
laufenden Schnitt gespalten und nach vorn und hinten zurück- 
geschlagen. Dabei zeigt sich eine nur geringe Zahl austretender 



Fall II. 67 

Blutstropfen im vorderen Abschnitte, eine etwas grössere im hin- 
teren , vorne zugleich ein dichtes Netz gefüllter Gefässe in der 
Galea und dem Pericranium. Neben diesen Stellen erscheint nir- 
gends eine Blntaustretung bis auf die in No. 8. erwähnte in der 
linken Stirngegend. 

19. Das schon in No. 8. erwähnte Loch im Schädel tritt nun deut- 
licher hervor, ohne dass jedoch von da aus irgend ein weiterer 
Sprung oder auch nur eine weitere Erfüllung der Beinhaut mit 
Blut bemerkbar wird. 

20. Es wird nunmehr mittelst eines wagerechten, unterhalb des Loches 
geführten Sägeschnittes das Schädeldach entfernt. Der Knochen 
sägt sich schwer und erweist sich nach dem Abnehmen an den 
meisten Stellen als fast ganz aus compacter Substanz bestehend 
und durchschnittlich 6, auch 7 und 8 mm. dick. Die angesägte 
linke Stirnhöhle ist erfüllt mit einem Brei, bestehend aus weiss- 
lichen, weichen, himartigen Massen und dunkelrothen, zum Theil 
isolirbaren Gerinnseln. Die rechte Stirnhöhle ist leer. Weitere 
Sprünge in dem Knochen auch hier nicht zu sehen, dagegen die 
Gefässe des Knochens, soweit sie mit blossem Auge erkannt wer- 
den können, mit Blut erfüllt. Das aussen beschriebene Loch, das 
in der äusseren Tafel einen Querdurchmesser von 8, einen Höhen- 
durchmesser von 6 mm. und eine un regelmässig sechseckige Ge- 
stalt hat, führt direct in die linke Stirnhöhle. Aus dieser setzt 
sich in derselben Richtung ein weiteres Loch fort, das die innere 
Tafel dicht über dem Ansatz der Augenhöhlenplatte durchbricht. 
Dasselbe ist fast ganz geschlossen durch Trümmer von Hirn- 
masse und Blutgerinnsel, nach deren Abspülung sich an der 
inneren Schädelfläche gleichfalls eine etwas unregelmässige, hier 
jedoch mehr dreieckige Oeffnung zeigt, deren Schenkel durch- 
schnittlich 6 mm. lang sind. Von ihr aus nach oben liegen zwei 
grössere und zwei kleinere abgesplitterte Blättchen der inneren 
Tafel an, die jedoch noch mit dem Knochen lose zusammenhängen. 

21. Die Form des Schädels erweist sich» auf dem Durchschnitt etwas 
schief, indem die rechte Hälfte nach hinten weiter, die linke nach 
vorn enger ist. An letzterer Stelle findet sich eine beginnende 
Verwachsung der Kranznaht, sowie der Keilbein-Scheitelnaht. 
Eine vollständige Verwachsung findet sich an der rechten Lambda- 
naht. Auch ergeben sich beim Abziehen der Beinhaut frische 
rothe Knochenauflagerungen an verschiedenen Stellen der Schädel- 
oberfläche, namentlich sehr starke am hintern obern Umfange der 
halbzirkelförmigen Schläfenlinien. Die innere Fläche des Schädel- 
daches zeigt zahlreiche grössere Gruben, hauptsächlich in der 
früheren Fontanell-Gegend. 

22. Die harte Hirnhaut ist überall dünn und durchscheinend, mit 



B8 Fall n. 

Ausnahme derGegend des Längsblutleiters, wo sie woisslich trübe 
und mit zahlreichen rothen Gefässen durchsetzt ist. Links vor der 
Spitze des Gehirnes liegt in der Hirnhaut ein Loch, von sehr 
unregelmässiger Gestalt, aus welchem weiche, zertrümmerte und 
mit Blut durchsetzte Gehirnmasse heraussieht, die mit den vorher 
erwähnten Massen in dem Schädelloche zusammenhängt. Das Loch 
der Hirnhaut' ist durchschnittlich 6 — 7 mm. weit, seine Ränder sind 
etwas zackig und ausgebuchtet. Irgend ein anderer Bluterguss 
zwischen harter Hirnhaut und Knochen ist nicht vorhanden. 

23. Der grosse Längsblutleiter vom eng und leer, hinten ziemlich 
weit und mit dunklem dickflüssigem Blute gefüllt. 

24. An der rechten Seite ist die harte Hirnhaut prall hervorgescho- 
ben durch eine bläulich durchschimmernde Masse. In der Haut 
selbst sind die arteriellen Gefässe bis zu ihren kleineren Veräste- 
lungen gefüllt und springen deutlich über die Ebene der Haut- 
fläche hervor. 

25. NachDcirchtrennung der Haut rechts findet sich ein ausgedehntes 
Blutgerinnsel von schwarzer Farbe, das die ganze rechte Halbkugel 
des Gehirns überzieht, wenig feucht ist, wegen der Schwere seiner 
Masse von selbst heruntergleitet und der Menge nach 25 ccm. 
entspricht. Einzelne Theile desselben haften ziemlich fest an der 
Oberfläche sowohl der harten wie der weichen Haut. Nach dem 
Abwaschen ergiebt sich als Quelle der Blutung ein Loch in dem 
Gehirn, das fast an dem hinterenUmfange des Mittellappens, 2 Fin- 
ger hinter dem Ende der Sylvischen Spalte, gelegen ist; aus dem- 
selben hängen Blutgerinnsel hervor. Von dieser Stelle aus ver- 
breitet sich eine blutige Tränkung der weichen Haut, am stärk- 
sten nach der Sylvischen Grube, nächstdem in den Furchen des 
Mittel- und Hinter hirns ; dieselbe erreicht auch das Vorderhirn. 

26. An der Spitze des rechten Vorderlappens, dicht neben der grossen 
Sichöl erscheint unabhängig von den zuletzt erwähnten Zuständen 
eine dichtere blutige Tränkung der weichen Haut, die stärker 
nach unten und vorn wird, wo zugleich die Gehirnmasse eine 
weichere und nachgiebigere Consistenz hat. 

27. Eine dritte, scheinbar unabhängige Stelle findet sich dicht neben 
der grossen Spalte auf der Höhe des Scheitels unter einer etwas 
verdickten Stelle der weichen Haut, sie ragt etwas hervor und 
in ihrer Nähe ist ziemlich viel flüssiges Blut, auch frei gegen die 
harte Hirnhaut, verbreitet. 

28. Bei dem Anziehen und Erheben des Kopfes fällt aus der unter 
Nr. 25 beschriebenen Gegend eine kleine, in der einen Richtung 
8, in der anderen 6 mm. messende Bleikugel, die auf einer Seite 
vollständig abgeplattet und blank ist. 

29. Die Hirnoberfläche selbst zeigt rechts sehr vertiefte Furchen und 



Fall IL B9 

dicht hinter der Höhe des Scheitels eine merkbare Abflachung 
der Hirnwindungen. 

30. Beim Abtrennen der harten Haut auf der linken Seite findet sich 
ein sehr viel geringerer Bluterguss auf der Oberfläche, jedoch ist 
derselbe gleichfalls geronnen und hängt noch fester an den Hirn- 
häuten, namentlich an der harten. Eine Tränkung der weichen 
Haut mit Blut ist nur in geringem Umfange zu bemerken vorne, 
in der Gegend, wo das von aussen eindringende Loch das Gehirn 
erreicht, jedoch erstreckt sie sich nicht weiter als einen guten 
Finger breit nach der Basis und noch weniger weit nach der 
Convexität. 

Ein Blutgerinnsel von 11 mm. Länge und 5 mm. Dicke findet 
sich in einer kleinen Grube der Oberfläche, dicht neben der 
grossen Sichel am Rande der grossen Himspalte auf der Höhe 
des Scheitels, einen Finger weiter rückwärts, als rechts. In der 
Umgebung dieser Stelle sind die Gefässe stärker gefüllt und nach 
rückwärts die weiche Haut mit Blut getränkt. 

31. Ferner liegt ausgetretenes Blut zwischen der grossen Sichel und 
der anstossenden Wand der linken Halbkugel in platten Schichten, 
deren Gesammtmasse kaum einen Theelöffel voll beträgt. 

32. Auch die linke Halbkugel des Gehirns erscheint etwas gedrückt, 
ja die Oberfläche der Windungen ist sogar platter, als auf der 
entgegengesetzten Seite. 

33. Beim Herausnehmen des Gehirns zeigt sich eine etwas unregel- 
mässige blutige Tränkung am Grunde des Gehirns, besonders 
stark in der Richtung von der Oeffnung im Vorderlappen gegen 
die Geruchsnerv^n hin, an der Spitze des Mittellappens, im Um- 
fange des Trichters, bis an die Brücke und auch stellenweise bis 
an das verlängerte Mark. Ueberall liegt das Blut in den maschi- 
gen Räumen der weichen Haut, an mehreren Stellen in Form 
deutlich auslösbarer Gerinnsel. 

34. Die weiche Haut ist durchaus zart. Die Gefässe derselben bis 
zu den kleineren Aesten mit Blut gefüllt! 

35. Das Gehirn selbst erscheint auf der linken Seite kürzer, als rechts; 
auch sind die Windungen am Scheitel links einfacher, als rechts. 
Die Consistenz ist gut, bis auf die schon erwähnten Stellen. 

36. Hinter der (Nr. 22.) schon erwähnten, dem Loch im Knochen 
entsprechenden Oeffnung der harten Hirnhaut, die dicht unter 
der Spitze des linken Yorderlappens liegt, ist auch die weiche 
Hirnhaut in grossem Umfange (14 — 18 mm.) durchlöchert. Dar- 
unter zeigt sich eine trichterförmige, niedrige Vertiefung, um- 
geben von weicher zertrümmerter Hirnsubstanz und einzelnen 
grösseren Blutgerinnseln. Durch einen schrägen Schnitt, der von 
dieser Stelle quer herüber zu der sub Nr. 25 erwähnten Oeffnung 



60 Fall II. 

• 

im äusseren Umfange der rechten Halbkugel geführt wird, wird 
ein zusammenhängender Canal blossgelegt, der eine Gesammt- 
länge von 13 cm. hat und sich mitten durch die Hirnsubstanz, 
namentlich durch die Basis des Streifenhügels hindurch erstreckt, 
und an den vorderen Theilen 12, an den hinteren 18 mm. im Durch- 
messer hat. Er ist gefüllt mit Blutgerinnsel, dem .zahlreiche 
Trümmer von Hirnsubstanz beigemengt sind. Die Wand des 
Canals überall weich, direct von Hirnsubstanz gebildet und mit 
zahlreichen Punkten von ausgetretenem Blute durchsetzt. 

37. Die auf der Scheitelhöhe der rechten Hemisphäre sub Nr. 27 er- 
wähnte Stelle erweist sich als eine bis zu 5 mm. Tiefe reichende 
blutige Tränkung der weichen Haut. Auch an der anderen, sub 
Nr. 26 besonders erwähnten Stelle findet sich in der Tiefe weiter 
nichts Abweichendes. 

38. Die Hirnhöhlen sind leer, die Adergeflechte und die grösseren 
Gefässe der Höhlenwand mit Blut gefüllt. Die obere Gefässplatte 
ist zart und durchsichtig. 

39. Seh- und Streifenhügel blass, aber nicht trocken. 

40. Die weisse Substanz der Hemisphären ist blass und trocken ; nur 
an wenigen Stellen dringt Blut aus den durchschnittenen Ge- 
fässen. Die graue Substanz an den meisten Stellen blass, jedoch 
an einzelnen bis in die Tiefe hinein geröthet. 

41. Die vierte Höhle ist leer. Das Kleinhirn im Ganzen blass, jedoch 
weniger auf der linken Seite, wo die graue Substanz mehr ge- 
röthet und die weisse mehr wässerig durchtränkt erscheint. 

42. Die Brücke ist blass und fest, desgleichen das verlängerte Mark. 

43. In den hinteren Gruben des Schädelgrundes hat sich inzwischen 
eine grössere Menge flüssigen Blutes gesammelt, das aus den 
grösseren Gefässen des Wirbelkanals ausgeflossen ist. 

44. Die Querblutleiter fast leer. Die harte Hirnhaut zeigt am Grunde 
nur in der linken Mittelgrube eine stärkere Belegung mit Blut. 

45. Beim Abziehen der harten Hirnhaut ergiebt sich, dass von der 
Oeflfnung im Schädel (Nr. 19 — 20) aus sich noch mehrere Sprünge 
der inneren Tafel fortsetzen auf die Orbitalplatte, deren Spalten 
mit geronnenem Blut erfüllt sind; jedoch erstrecken sich diese 
Spalten nur 17 — 18 mm. weit rückwärts. 



n. Brust- und Bauchhöhle. 

^46. Es wird ein zusammenhängender Schnitt vom Kinn bis zur 
Schambeinfuge geführt und durch denselben zunächst die Bauch- 
höhle eröffnet. 

Die Organe der letzteren befinden sich in regelmässiger Lage. 



FaU IT. 61 

Die Därme liegen sehr weit zurück. Kein fremder Inhalt. Die 
vorliegenden Theile im Ganzen blass, nur die Dünndärme etwas 
geröthet. 

47. Das Zwerchfell steht auf beiden Seiten am unteren Rande der 
5. Rippe. 

a. Brusthöhle. 

48. Nachdem das Brustbein vorschriftsmässig entfernt ist, sieht man 
die Lungen sehr wenig von der Brustwand zurückgewichen, ihre 
vorliegenden Theile mit Luft gefüllt und durchweg leicht, an 
einzelnen Theilen stark geröthet. Grössere Luftblasen, die reihen- 
weis in den Zwischenräumen der Läppchen auftreten und an 
einzelnen Stellen in grossen zusammenhängenden Flächen zu- 
sammentreten, unterbrechen diese Erscheinung. 

49. Die linke Lunge ist vollständig frei; in dem Brustfellsack findet 
sich nichts, als ungefähr 45 Cubik-Centimenter einer dünnen, 
wässerigen, schmutzigroth gefärbten Flüssigkeit. 

50. Rechts ist die Lunge in den oberen Theilen etwas durch Binde- 
gewebe verwachsen, nach unten und hinten finden sich ganz 
geringe, kaum messbare Mengen einer ähnlichen Flüssigkeit, wie 
links. 

51. Das Herz erreicht eben die Grösse der geballten Faust des Mannes, 
ist sehr starr, an der Vorderseite und am rechten Vorhof etwas 
abgeplattet. Die Kranzarterien leer, die Kranzvenen nur bis zu 
ihrer ersten Verzweigung gefüllt und etwas vertieft liegend. Der 
wenig fettreiche Herzbeutel zeigt an einzelnen Stellen kleine, 
kaum 1 mm. grosse, hochrothe Flecke. 

52. Aus dem rechten Vorhof entleert sich dunkles, zum grossen Theil 
flüssiges Blut mit geringem, ganz speckhäutigem Gerinnsel, circa 
40,0 Cubik-Centimeter. Im rechten Ventrikel desgleichen, mit 
ganz schwachen Gerinnsel -Spuren untermischtes, dunkelrothes 
Blut, höchstens 20 Cubik-Centimeter. Im linken Vorhof ist besser 
geronnenes, aber ebenso dunkles Blut mit einzelnen, schwach 
speckhäutigen Stellen, im Betrage von 30 Cubik-Centimeter. Da- 
gegen findet sich im linken Ventrikel nur ein ganz schwaches, 
mit gallertiger Speckhaut versehenes Gerinnsel. 

53. Durchschnitt der Aorta so eng, dass nur eben die Spitze des 
Ringfingers eingeführt werden kann. Die Lungenarterie nur um 
ein Geringes weiter. Eingegossenes Wasser steht in beiden voll- 
ständig. Die Klappen beider arteriellen Mündungen zart, nicht 
durch Blut roth gefärbt. An der zweizipfligen Klappe eine Verenge- 
rung, so dass man nicht zwei Finger durchbringen kann, bedingt 
durch Verdickung, Verkürzung und Verwachsung der Zipfel nach 
hinten hin. Das Muskelfleisch selbst ist blutarm, bräunlich roth. 



62 Fall II. 

54. Die lihke Lunge zeigt in besonderer Stärke die sub Nr. 48 er- 
wähnten Reihen von Luftblasen am unteren Theil des Vorder- 
randes und an der Zunge des Oberlappens, jedoch auch- an ver- 
schiedenen Stellen des Unterrandes an der Basis. Nach hinten 
hin erscheinen beide Lappen wenig lufthaltig, ziemlich gleich- 
massig blauroth, der hintere durch Verdickung und wässerige 
Durchtränkung seines Ueberzuges stallenweise qtwas grauweiss- 
lich aussehend. Zahlreiche kleine, zum Theil erhabene Blut- 
ergüsse finden sich zerstreut an beiden Lappen. 

55. Aus dem linken Bronchus ergiesst sich in reichlicher Menge 
dichter, blutiger Schaum. Auf dem Durchschnitt der Lunge er- 
scheinen sämmtliche Theile roth und mit schaumiger Flüssigkeit 
reichlich gefüllt, im Uebrigen ohne Veränderung. 

56. Auf der rechten Seite zeigen sich dieselben Verhältnisse, nur die 
reihenförmigen Luftblasen in geringerer Ausdehnung, dagegen 
wässerige Anfüllung durch alle Theile der Lunge neben einer 
starken Röthung des Gewebes. 

57. Die Zunge, die hinter den Kiefern liegt, ist mit einer schmutzig- 
bräunlichen Masse überzogen, sonst unverändert. Im Schlünde 
etwas blutiger Schleim. Sehr starke, fast geschwulstartige 
H«vorragung beider Mandeln, die auf dem Durchschnitt eine 
bröcklige Masse in ihren Taschen enthalten und deren Gewebe 
markig vergrössert ist. 

58. Halsvenen mit dunklem flüssigem Blute gefüllt. Arterien leer. 
An den Nerven nichts Abweichendes. 

59. Speiseröhre leer, mit Ausnahme eines geringen, hellbräunlichen 
Inhalts. 

60. Kehldeckel seitlich ein wenig zusammengedrückt, die Stimmritze 
offen. Kehlkopf und Luftröhre mit dicht-schäumiger Flüssigkeit 
und etwas gelbbräunlichen Flocken erfüllt. Nach deren Abspülen 
erscheint die Schleimhaut in dem oberen Theile mit einem weit- 
maschigen, im unteren mit einem sejir dichten rothen Gefässnetz 
durchsetzt. 

61. Aorta eng, dünnwandig, enthält nur flüssiges Blut. Ebenso ist 
die obere Hohlader mit flüssigem Blute gefüllt. 

b. Bauchhöhle. 

62. Die Milz misst 14,6 Centimeter in der Länge, 10 in der grössten 
Breite und 2,7 in der grössten Dicke. Sie ist sehr schlaff, etwas 
runzlig. Auf dem Durchschnitt tritt aus wenigen grösseren Ge- 
fässen Blut hervor. Die Malpighischen Körperchen ungemein 
gross, bis zu 1 mm. im Durchmesser; Pulpe spärlich, braunroth. 

63. Linke Niere 10,0 Centimeter lang, 4,5 breit, 2,9 dick, schlaff, 



Fall IL 63 

Capsel leicht trennbar, Oberfläche glatt, dunkelbräunlichroth, 
venöse Gefässe bequem erkennbar. Auf dem Durchschnitt das 
Gewebe ganz dunkelroth, mit sehr stark hervortretenden Knäueln, 
ohne sonstige Abweichung. 

64. Linke Nebenniere derb, mit schwacher Rinden- und starker Mark- 
substanz. 

G5. Rechte Niere 9,2 cnii. lang, 4 breit, 2,5 dick, im Uebrigen wie 
auf der linken Seite. 

66. Ebenso die Nebenniere. ^ 

67. Harnblase nicht stark ausgedehnt. Der Harn ist klar und beträgt 
etwa 80.0 ccm.; Harnblase übrigens unverändert. 

68. In beiden Scheiden häuten der Hoden etwas klares Wasser. Die 
Substanz der Hoden blass, sonst nicht abweichend« 

69. Der Magen ziemlich ausgedehnt, in seinem Pförtnertheil zusam- 
mengezogen, äusserlich mit wenig gefüllten, und zwar nur grösse- 
ren, venösen Gefässen versehen, im Ganzen blass. In ihm finden 
sich etwa 150 ccm. einer grünlichen dicken Flüssigkeit. Die 
Schleimhaut ist im Magengrund grünlich gelb getränkt, im Uebri- 
gen blass röthlich, gegen den Pförtner hin etwas körnig. 

70. Die Dünndärme fast durchweg zusammengezogen, nur die tiefst- 
gelegenen Abschnitte etwas weiter und mit Flüssigkeit gefüllt. 
Aeusserlich sieht man die grösseren Venen durchweg gefüllt, 
ebenso im oberen Theile einige Chylusge fasse. 

71. DieMesenterialdrüsen klein und leicht geröthet. Gekröse fettreich. 

72. Im Zwölffingerdarm oben eine weissliche, weiter abwärts eine 
stark gelbliche Flüssigkeit. Aus der Mündung des Gallenganges 
entleert sich beim Druck auf die Gallenblase mit Leichtigkeit 
grünlich gelbe Galle. Bauchspeicheldrüse blass, unverändert. 

73. Bei Eröffnung des Leerdarmes zeigt sich nichts, als ein hellgrauer, 
stellen weis gelblicher, dickbreiiger Inhalt. Erst im untersten 
Theile des Leerdarmes kommt eine dünnere, stark gallig ge- 
färbte Flüssigkeit. Der Krummdarm ist fast leer und enthält 
nur stellenweise grünliche, ziemlich consistente, kothige Massen. 

74. Im Dickdarm breiige, grünlich braune, halbflüssige, mit festen 
Brocken untermischte Massen, die sich auch weiter hinab bis zum 
absteigenden Theil finden, in dem schon consistente und ge- 
formte Kothmassen auftreten. 

75. Schleimhaut des Leerdarmes sehr dick, im oberen Theile die 
Zotten verdickt und milchig getrübt (Chylificationszustand). 
Weiter abwärts starke Röthung der Querfalten bis zu den mit 
galligem Inhalt gefüllten Stellen, wo auch die Schleimhaut stark 
gallig gefärbt ist. Weiter nach unten ganz schwache Röthung 
der Zotten, die am Krummdarm aufhört, dagegen zeigt sich hier 
eine schwache Injection der Peyer'schen Haufen, welche im unte- 



64 Fall IT. 

ren Theile zugleich eine Vergrösserung der Drüsen erkennen 
lassen. Dicht an der Klappe sind auch die solitären Drüsen ver- 
grössert. 

76. Die Schleimhaut des Dickdarms ganz blass und nur in den un- 
teren Theilen grünlich grau gefärbt. 

77. Leber etwa 17 cm. hoch, 23 cm. breit, 8 cm. dick, äusserlich 
mehr grauroth, glatt und prall, auf dem Durchschnitt ganz gleich- 
massig geröthet, jedoch fliesst im Ganzen wenig Blut aus, und 
zwar nur aus grösseren Gefässen. Acini schwer erkennbar; 
bei genauer Betrachtung ergiebt sich ein schwachwr hellgrauer 
Ring im Umfange derselben. 

78. Gallenblase stark gefüllt mit einer etwas fadenziehenden, aber 
sonst klaren, dunkelgrünen Galle. 

79. Untere Hohlader mit zum grossen Theil flüssigem Blute massig 
gefüllt. 

Dieser Fall ist ein gewiss recht bemerkenswerthes Bei- 
spiel der Toleranz des Gehirns bei ganz grossen Verletzun- 
gen. Dass Jemand überhaupt noch 12 Stunden leben kann 
mit einem Schusskanal, der von der linken Stirngegend her 
in die Spitze des linken Vorderlappens eindringt und am 
äusseren Umfange des rechten Mittellappens (ungefähr in 
der Breite des Tuber parietale) endigt, der also die rechte 
Grosshirnhemisphäre in schiefer Richtung ganz durchdringt 
und dabei den Linsenkern durchsetzt, das erscheint fast 
wie ein Wunder. Es erklärt sich das wohl nur aus der 
Kleinheit des Geschosses und vielleicht auch aus der grossen 
Schwäche der Kugel. Das Geschoss war, wie eine noch 
unversehrte, bei dem Manne gefundene Kugel gleichen Cali- 
bers lehrt, im Ganzen etwa erbsengross (5 mm. im Durch- 
messer). Die Weite des Schusskanals im Gehirn (vorn 12, 
hinten 18 mm.) steht also in gar keinem Verhältnisse 
weder zu der Weite der Eingangsöflfhung in der äusseren 
Haut (3 mm.) und im Knochen (6 — 8 mm.), noch zu dem 
Geschosse. Es lässt sich daher wohl nicht bezweifeln, dass 
auch der Schusskanal im Gehirn ursprünglich weit enger 
war und dass er erst mit der zunehmenden Blutergiessung 
und durch dieselbe seine schliessliche Weite erlangte. Die 
Erscheinungen des Hirndruckes aben sich daher erst all- 



Fall IL 66 

mählich im Verhältniss der zunehmenden Extravasation ent- 
wickelt. 

Dass die Gewalt des Geschosses eine sehr schwache 
war, ergiebt sich daraus, dass dasselbe in der Gegend sei- 
nes Austrittes aus dem Gehirn nicht nur keine Verletzung 
des Knochens, sondern nicht einmal eine Zerreissung der 
harten Hirnhaut hervorgebracht hat. Der Umstand, dass 
das Gescboss durch die linke Stirnhöhle ging, also zweimal 
vorliegende Knochen durchbrechen musste, erklärt es wohl, 
dass der an sich schwache Schuss noch mehr abgeschwächt 
wurde, wie denn andererseits die Möglichkeit des Abflusses 
von Blut und Himmasse durch die Stirnhöhle nach aussen 
nicht wenig dazu beitragen mochte, das Anwachsen des 
Himdruckes zu verlangsamen. 

So ist es denn geschehen, dass der Tod zunächt nicht 
vom Gehirn, sondern (im gerichtsärztlichen Sinne) von der 
Lunge aus erfolgte und genau genommen, ein Erstickungs- 
tod war. Wie so oft bei Kopfverletzungen durch stumpf wir- 
kende Gewalt, entwickelte sich jn Folge des auf das verlän- 
gerte Mark einwirkenden Druckes des extravasirenden Blu- 
tes ein tödtliches Lungenödem. Wie gross die Störung der 
Respiration war, dafür zeugt das interstitielle Emphysem, 
welches hier in grösserer Ausdehnung vorhanden war, als 
ich es jemals bei asphyktischer Cholera gesehen habe. Neben- 
bei bemerkt, eine an sich sehr ungewöhnliche Combination, 
da nach der gangbaren Interpretation Oedem und inter- 
stitielles Emphysem sich eigentlich ausschliessen sollten. 

Die weit ausgedehnten Zeichen einer noch nicht abge- 
schlossenen Verdauung lassen vermuthen, dass der Selbst- 
mörder 'kurz vor der That noch ein letztes Mahl zu sich 
genommen hat. Im Uebrigen deuten mancherlei Erscheinun- 
gen, die ich in der üeberschrift zusammengestellt habe, 
darauf hin, dass schon in der frühesten Entwickelung allerlei 
Mängel der Anlage zu Stande gekommen sind, von denen 
man wohl berechtigt wäre, Eückschlüsse auf die psycholo- 
gische Entwickelung zu machen. Der chlorotische Zustand 
der Aorta, der mit der in einem so jungen Manne wenig- 

Virchow, Sections-Technik. 3. Aufl. ^ 



66 Fall in. 

stens nicht ganz gewöhnlichen Endocarditis mitralis im Zu- 
sammenhange stehen dürfte, die Plagiocephalie mit der 
asymmetrischen und zum Theil defecten Grosshirnbildung 
sind gewiss bemerkenswerthe Erscheinungen. 

Wäre der Fall irgendwie zweifelhaft und in forensischer 
Behandlung gewesen, so hätte das vorläufige Gütachten lau- 
ten müssen: 

1) dass der Tod durch Lungenödem in Folge von Schuss- 
verletzung des Gehirns eingetreten ist, 

2) dass aus der Obduction sich nichts ergeben hat, 
was der Annahme widerstreitet, dass Denatus sich 
selbst den Schuss beigebracht hat. 



ni. Fall. 

Bekannte Persönlichkeit (Selbstmord). Schuss durch die Brust. Tod nach 
12 Tagen. Pleuritis duplex. Pericarditis und Myocarditis. Medias- 
tinitis phlegmonodes. Peritonitis exsudativa. 

F. K., Handlungsgehülfe, 20 Jahre alt, schiesst sich am Nachmit- 
tage des 8. November in die Brust mit einem Revolver, den er in einer 
Entfernung von i Fuss von der nur mit dem Hemde bedeckten Brust 
abfeuert. Er wird sofort zur Charite gebracht. Die Schussöffnung liegt 
dicht an der linken Brustwarze ; sie hat 8 mm. im Durchmesser, ist mit 
geronnenem Blute gefüllt; in der Umgebung derselben Emphysem. Der 
Verwundete klagt über Luftmangel und Schmerzen in der ganzen linken 
Seite; man findet hier eine Dämpfung der hinteren und unteren Brust- 
gegend, die bis zum Winkel des Schulterblattes reicht , und bronchiale 
Exspiration. Die Kugel wird am Rücken in der Höhe d^r 8. Rippe , 4 
Finger breit von der Wirbelsäule links, entdeckt und am nächsten Tage 
herausgeschnitten. Es ist ein in Form einer Spitzkugel gestaltetes Ge- 
schoss von 11 mm. Länge und 7 mm. Basaldurchmesser, welches auf der 
einen Seite, namentlich gegen die Spitze hin, ganz abgeplattet ist. Die 
Meinung der behandelnden Aerzte geht dahin, dass die Kugel sich 
aussen in den.^WeichtheiIen fortbewegt habe und endlich durch 'die 
Rippe aufgehalten worden sei. 

Am 3. Tage ganz plötzlich Schmerzen in der Regio colica sinistra 
bei grosser Abgeschlagenheit. In den folgenden Tagen scheinbare Bes- 
serung, jedoch stets grosse psychische Aufregung und Unruhe. Die 



Fall III. 67 

Eingangsöffnung schliesst sich. Dagegen bildet sich um die Schnitt- 
öffnung am Rücken eine entzündliche Schwellung. Auch nehmen die 
entzündlichen Erscheinungen in der linken Brust allmählich zu. Stuhl- 
gang eher angehalten. Am 8. Tage beginnt eine rothe Flüssigkeit aus 
der Rückenwunde auszufliessen , bei der Exspiration etwas reichlicher. 
Zagleiph constatirt man auch rechts pleuritische Symptome, ebenso 
pericardi tische. Zunahme des Fiebers und der Athemnoth. Am 11. Tage 
Function der linken Brust im 5. Intercostalraum in der Linea axillaris 
ant. sin., Entleerung von 900 ccm. einer schmutzig braunrothen Flüs- 
sigkeit. Darauf Nachlass der Athemnoth für kurze Zeit. Sehr bald neue 
Steigerung der bedrohlichen Erscheinungen. Tod am 13. Tage. 

Obduction (Dauer 3 Stunden): 22. November 1875. 

A. Aeussere Besichtigung. 

1. Die Leiche gehört einem Manne von beiläufig 20 Jahren an. Der 
Körper ist 1,68 m. lang, von zierlichem Knochenbau, geringem 
Fettpolster, massiger Muskulatur. 

2. Die Farbe allgemein blass, schwach gelblich, am Unterbauch 
grünlich, an den hinteren Theilen, und zwar sowohl am Kepf und 
Rumpf, als an den Extremitäten mit ausgedehnten verwaschenen 
blaurothen Flecken besetzt, welche nur an den Druckstellen von 
weissen Flächen unterbrochen sind. An den rothen Stellen lässt 
sich durch Druck nur eine geringe Verminderung der Färbung 
erzielen, beim Einschneiden zeigen sich zahlreiche, mit Blut er- 
füllte Venennetze von der Haut bis in die Muskulatur, aus denen 
flüssiges Blut austritt, jedoch nirgends Blut im Gewebe. 

3. Schwacher Leichengeruch. Todtenstarre der Extremitäten. 

4. Augenlider halbgeschlossen , Augäpfel prall , Hornhäute durch- 
sichtig. 

5. Nase ohne fremde Körper, ebenso die Ohröffnungen. 

6. Lippen und Zähne offenstehend, letztere im Oberkiefer sehr un- 
regelmässig gebildet. Die Zunge hinter den Zähnen, blass; die 
Zähne mit braunem Anflug. Kein fremder Körper in der Mund- 
höhle. 

7. Am Hals nichts Abweichendes wahrnehmbar. 

8. An der Brust rechts eine Linie von 4 schmalen, auf einander fol- 
genden, durch verschieden lange Zwischenräume von einander 
getrennten bra-unrothen Krusten, von denen die erste über der 5., 
die zweite über der 6., die dritte und vierte über der 7. Rippe 
liegen. Die oberste beginnt einen Finger breit unter der rechten 
Brustwarze, ungefähr ebenso weit nach innen von derselben. Die 
Länge der ganzen Linie beträgt 10 cm. Die Richtung derselben 
ist etwas schräg nach unten und aussen. An diesen Stellen zeigen 

5* 



68 • FaU III. 

sich beim Einschnitt keine Auflagerung, keine Geschwulst, keine 
Röthung. beim Durchschnitt keine Blutflecke, sondern nur ein- 
getrocknete, an der obersten Kruste durch die ganze Dicke der 
Lederhaut, an den anderen nur durch die oberflächlichen Schich- 
ten derselben dringende Stellen. Eine schwache, ganz oberfläch- 
liche, halbmondförmige rothe Stelle liegt etwas über Daumenbreite 
nach aussen von der rechten Brustwarze; auf dem Durchschnitt 
sieht man nur die äussersten Lederhautschichten daran betheiligt. 
Ausserdem finden sich noch ein Paar braune Maler am äusse- 
ren unteren Umfange der rechten Brustseite. 

9. Links 2 mm. über der Brustwarze, noch innerhalb des Warzen- 
hofes, eine kleine, etwa 1,5 mm. im Durchmesser haltende, runde 
Stelle, die etwas vertieft, schmutzig bräunlich erscheint und mit 
einem trocknen Häutchen überzogen ist. Beim Einschneiden sieht 
man von dieser Stelle aus einen etwas hart anzufühlenden, von 
gefüllten kleinen Gefässnetzen und ganz kleinen Blutflecken durch- 
setzten Strang, welcher schräg nach aussen und hinten durch das 
Gewebe der Drüse in das Unterhautfett führt. Ein Canal ist nir- 
gends zu entdecken, dagegen zeigen sich in der Richtung nach 
aussen und unten zerstreut wenig feuchte, schwarzrothe Flecken 
sowohl im Unterhautfettgewebe, als in den Brustmuskeln bis auf 
die Rippen selber, in einem Umfange von beiläufig 7 cm. Am 
stärksten sind sie in der Richtung gegen die Achselhöhle, wo 
einzelne dieser blutigen Infiltrationen bis unmittelbar an- die 
Lymphdrüsen reichen. Letztere sind vergrössert, hart, von aussen 
blanroth, auch beim Durchschneiden sehr feucht, in der ganzen 
Rindenschicht dunkelblauroth gefärbt. 

10. Auf dem Rücken an der linken Brustseite, 2 Finger breit von der 
Mittellinie, am Ansätze der 9. Rippe liegt eine scharfrandige Tren- 
nung des Zusammenhanges der Haut von 4^ cm. Länge und 
2k cm. Breite, ziemlich genau in der Richtung der Rippe von 
innen und oben nach aussen und unten gerichtet, mit wenig 
schmutzig graurother Flüssigkeit gefüllt, nach deren Abtupfen 
von durchaus reinem Aussehen, terrassenförmig die verschiedenen 
Weichtheile bis zu einer Tiefe von 8 mm. durchbrechend und in 
den Muskeln endigend. Der Grund des Substanzverlustes ist in 
den äusseren Abschnitten blass und glatt, in den inneren von 
einer weichen, sammetartigen, sehr rothen Schicht bedeckt, welche 
sich deutlich von der Nachbarschaft absetzt. Nur in der Rich- 
tung nach oben sieht man auf einem Durchschnit in der Umge- 
bung eine blutige Durchtränkung der Muskulatur. 

11. Bei tieferem Einschneiden der nach aussen gelegenen Muskel- 
schichten kommt man in eine flache Höhle, welche mit dem Grunde 
des eben beschriebenen Substanz Verlustes durch eine enge Oeff- 



Fall III. 69 

nung communicirt. Sie misst 4^ cm. in der Quere, 3 cm. im 
senkrechten Durchmesser. Ihre Oberfläche ist ziemlich glatt und 
mit einer ganz ähnlichen weichen, sammetähnlichen, rothen Haut 
überzogen, wie der Grund des äusseren Substanzverlustes. Beim 
Eröffnen dieser Höhle in seitlicher Lage des Leichnams entleert 
sich unter hörbarem Geräusch aus der Tiefe Luft und es zeigt 
sich im oberen Umfange des Grundes eine kleine rundliche Oeff- 
nung von nicht ganz 2 mm. im Durchmesser. Dieselbe dringt 
durch den Intercostalraum zwischen 8. und 9. Rippe in die Tiefe, 
allein bei Einführung einer feineren Sonde gelingt es nicht, un- 
mittelbar in die Brusthöhle zu kommen. Auch gestattet die ge- 
wundene Richtung des Canals eine leichte Fortbringung der 
Sonde in die Tiefe nicht. 

12. Durch einen grösseren Schnitt quer um die Brust werden die 
beiden, sub Nr. 9 und 10 erwähnten Stellen mit einander ver- 
bunden. Es zeigt sich dabei nur in der Nähe der ersten Stelle 
noch eine schwarzrothe Erfüllung der Muskelscheiden, jedoch 
sonst keine Spur eines Zusammenhanges. 

13. Vier Finger nach aussen und unten von der linken Brustwarze 
sieht man eine, kaum 1 mm. im Durchmesser haltende, rundliche, 
scharfrandige Oeffnung mit etwas eingetrockneten Rändern, unter 
welcher beimEinschneiden nach mehreren Richtungen hin blutige, 
schwarzrothe Färbungen in der Unterhaut, im Zusammenhange 
mit den sub Nr. 11 erwähnten, bemerkbar werden. (Nach An- 
gabe des anwesenden behandelnden Arztes Dr. N. Punctions- 
öffnung.) Ein deutlicher Canal nach innen lässt sich von dieser 
Oeffnung nicht verfolgen. Dagegen sieht man bei etwas tieferem 
Einschneiden in dem Zwischenrippenmuskel etwas Flüssigkeit 
und Luftblasen aus der Tiefe austreten und bemerkt hier eine 
etwas weichere röthliche Linie durch das Gewebe ziehen. 

14. An den äusseren Geschlechtstheilen nichts Abweichendes zu be- 
merken. 

15. After geschlossen, im Umfange etwas Koth. 

16. Im Uebrigen keine Spuren äusserer Verletzungen. 



B. Innere Besichtigung. 
I« Brust- uud Bauchhohle. 

17. Durch einen Schnitt vom Kinn bis" zur Schambeinfuge werden 
die Hautdecken an Hals und Brust durchspalten und die Bauch- 
höhle eröffnet. Geringes Fettpolster, dunkelrothe Färbung der 
Muskeln. ' 

18. In der Bauchhöhle zeigt sich das Netz mit der vorderen Bauch- 



70 Fall HI. 

wand und dem rechten Leberrand durch leicht trennbare Ver- 
klebungen verbunden. Die etwas tief stehende Leber ist ganz 
bedeckt mit einer zarten falschen Haut, die leicht abstreifbar, 
auf der linken Seite trocken und durchscheinend, rechts mehr 
schmierig trübe und gelblich ist. Das Netz stark geröthet bei 
hauptsächlicher Füllung der Venen, getrübt, am stärksten nach 
rechts, in der Gegend der Gallenblase bedeckt mit undurchsich- 
tigen, gelben, nicht abstreif baren, falschen Häuten, die sich bis 
in die Nierengegend fortsetzen. 

19. Die Därme durch Gas ausgedehnt, au zahlreichen Stellen mit 
feinen, sehr oberflächlichen, rothen Gefässnetzen besetzt, jedoch 
im Grossen blass und nur an den im kleinen Becken liegenden 
Theilen von einer dichteren, bläulichen Röthe, aus der grössere 
venöse Gefässe zahlreich hervortreten. 

20. Im kleinen Becken etwa 1 Esslöffel voll einer schlüpfrigen, gelb- 
röthlichen, undurchsichtigen Flüssigkeit. 

a. Brusthöhle. 

21. Während der Zeit, welche seit der Untersuchung der Continuitätsr 
trennung sub Nr. 10 vergangen ist, hat sich von dieser Stelle 
aus in ein untergesetztes Gefäss dünne, weissröthliche , trübe 
Flüssigkeit im Betrage von 18 ccm. ergossen. 

22. Beim Abtrennen der Hautdecken au der Brust zeigt sich links 
im 4. und 5. Intercostalraum, und zwar im ersten 3, im zweiten 
2 Finger vom Brustbein entfernt, eine starke blutige Durch- 
tränkung der Gewebe. 

23. Beim Einschneiden der Brustwand auf der rechten Seite ergiesst 
sich Flüssigkeit; es wird daher die vorhandene Flüssigkeit sofort 
aus dem Brustfellsack gesammelt. Man erhält 800 ccm. einer 
dünnen, verhältnissmässig wenig getrübten, gelbrothen Flüssigkeit, 
in der zahlreiche grosse Flocken von sehr loser Beschaffenheit und 
gelbweisser Färbung enthalten sind. Die Oberfläche des Brustfells 
auf dieser Seite ist überall bedeckt mit abstreifbaren, ziemlich 
weichen, schmutzig-gelblichen Beschlägen. 

24. Beim Abziehen des Brustbeins zeigt sich der ganze Mittelfellraum 
hart, schwer zu schneiden, zahlreiche kleinere Gefässe in dem- 
selben mit Blut gefüllt und das ganze Gewebe gallertig aus- 
sehend, von trüb-bräunlichgelber Färbung. 

25. Auf der linken Seite ist der vordere Theil der Lunge in einer 
Länge von 8 cm. mit der Brustwand verklebt. Nach der Tren- 
nung gelangt man nach aussen in einen mit Flüssigkeit gefüllten 
Raum. Die Flüssigkeit wird ausgeschöpft; sie beträgt 900 ccm. 
und ist dicklich, obwohl flüssig, von weisslich rother Farbe, fadem 
Geruch und wenig flockig. Die erwähnte Höhle erweist sich als 



Fall III. , 71 

Pleuraraum. Die Wandungen derselben sind, mit Ausnahme der 
verklebten Stellen, überall mit dicken, schmutzig röthlichgelben, 
festanhaftenden Auflagerungen bedeckt, an einzelnen Stellen roth 
infiltrirt. Der obere und untere Lappen sind nach unten hin mit 
einander verklebt. Auch zeigt sich hier in einer Fläche von 
Kinderhandgrösse eine leicht trennbare Verwachsung des unteren 
Theiles des oberen Lappens und des vorderen und unteren Theiles 
des unteren Lappens mit der Brustwand. Vorn, zwischen Herz- 
beutel und Lunge, ist ein abgeschlossener Raum, in dem grössere 
Lappen von gallertartigem Gerinnsel enthalten sind. Dieser 
Raum erweist sich als ein abgekapselter Theil der Pleurahöhle. 

26. Der Herzbeutel ist äusserlich sehr verdickt. Innerlich zeigt er 
ausgedehnte Beschläge von rauhen, trocknen, elastischen Häuten, 
sowohl am äusseren, als am inneren Blatte. In der Höhle be- 
finden sich etwas über 40 ccm. einer blassröthlichen , mit gelb- 
lichen Flocken gemischten Flüssigkeit. Die festen Beschläge sind 
am reichlichsten am vorderen Umfange des äusseren Blattes; 
ihnen entsprechend ist vorn auch das Herz mit ähnlichen falschen 
Häuten bekleidet. 

27. Das Herz selbst übertrifft an Grösse fast die zusammengeballte 
Faust des Mannes. Es ist starr, an den Oberflächen wenig ge- 
wölbt, verhältnissmässig blass. Der rechte Vorhof enthält ge- 
ronnenes Blut von dunkelrother Farbe, etwa 90 ccm. Im rechten 
Ventrikel hur wenig flüssiges Blut, dagegen einige grössere, 
gallertartige Speckmassen. Im linken Vorhofe sehr wenig ge- 
ronnenes dunkles Blut, kaum 2 Esslöffel voll. Der linke Ventrikel 
fast leer. 

28. Das Herz wird dann herausgeschnitten. Die arteriellen Klappen 
schliessen. Aufgeschnitten zeigt die innere Haut überall eine 
stark rothe Tränkung. Die Muskulatur ist derb, rechts grau- 
roth, bis 18 mm. dick. An der hinteren Wand ist sie bis auf 
eine Tiefe von 8 mm. von sehr auffallenden gelben Flecken und 
Streifen dicht durchsetzt. Die sofort angestellte mikroskopische 
Untersuchung ergiebt an diesen Stellen die Muskelprimitivbündel 
ohne Querstreifung, ganz erfüllt mit groben Fettkörnchen. Son- 
stige Abweichungen nicht vorhanden. 

29. Aus den grossen Gefässen der Brust entleeren sich sehr grosse 
Mengen dunklen, zum Theil speckhäutigen Gerinnsels. 

30. Die linke Lunge ist ziemlich platt, wenig lufthaltig. Ihr Ueber- 
zug an den oberen und vorderen Theilen verdickt, trübe, stellen- 
weise gelblich, am unteren hinteren Theile dunkelroth, von 
weicher, schlüpfriger Beschaffenheit, an einzelnen Stellen von 
weichen, .grauen, rundlichen Granulationen durchsetzt. An drei 
Stellen ist der Ueberzug der Lunge verhältnissmässig glatt und 



72 Fall III. 

kaum durch Auflagerungen verändert. Diese Stellen sind von 
ziemlicli scharfen, mit aus- und einspringenden Ecken versehenen 
Rändern umgrenzt. Ihnen entsprechend finden sich ähnliche 
Stellen an der Rippenwand. Die erste dieser Stellen liegt dicht 
am vorderen Rande des oberen Lappens in der Gegend der sub 
Nr. 25 erwähnten Verklebung. Die zweite Stelle findet sich an 
der unteren Zunge des oberen Lappens. Hier ist die Oberfläche 
der Lunge eingefaltet, in 2 unter einem Winkel auf einander 
stossenden Richtungen, welche gegen die sofort zu beschreibende 
Stelle hin verlaufen. Die dritte Stelle liegt am unteren und vor- 
deren Umfange des unteren Lappens, und hier sieht man in einer 
Linie hinter einander 

a) auf der dem Spalte zwischen Ober- und ünterlappen zuge- 
kehrten Fläche, 1 cm. vom Rande entfernt, eine rundliche, 
bis 3 mm. im Durchmesser haltende Vertiefung von röthlicher 
Farbe, an welcher beim Einschneiden das Lungenfell durch- 
löchert ist; 

b) 2 dicht an einander gelegene, 2V2 — 3 mm. im Durchmesser 
haltende, rundo Stellen, von denen die eine auf, die andere 
dicht vor dem Rande liegt und welche beim Durchschneiden 
als gelb-weisse Einsprengungen in das Lnngenfell und in das 
nächstanstossende Lungengewebe sich erweisen. Letzteres 
ist noch bis auf 8 mm. in der Tiefe an dieser Stelle etwas 
härter und stark geröthet. 

Auf dem Durchschnitt ist das Gewebe im oberen Lappen 
sehr wenig lufthaltig, durchgehend roth, doch drückt sich nur 
aus den grösseren Gefässen etwas Blut aus. Der untere Lappen 
hat noch weniger Luft, und ist massig roth; aus den Gefässen 
drückt sich dunkles dickflüssiges Blut aus. 

31. Die rechte Lunge in ihrer ganzen Ausdehnung mit fest anhaften- 
den, aber abstreif baren Schwarten belegt; am Ober- und Mittel- 
lappen der Ueberzug weisslich verdickt. Auf dem Durchschnitt 
ist das Gewebe wenig lufthaltig, etwas grau, auch im Unter- 
lappen. 

32. An der inneren Seite der linken Brustwand, gerade auf der 
8. Rippe , 4 Finger von der Wirbelsäule nach aussen , sieht man 
eine Trennung des Zusammenhanges in der Lange von 12, in der 
Breite von 5 mm., von länglich ovaler Form, deren Längsdurch- 
messer der Axe der Rippe parallel ist, die Ränder sanft abfallend, 
von gelblicher Farbe. Im Grunde bemerkt man den Knochen bloss- 
liegen. Zur genaueren Untersuchung wird diese und die 9. Rippe 
im Zusammenhang herausgenommen, und es zeigt sich nunmehr, 
dass an der dem äusseren Heerde entsprechenden Stelle die innere 
Oberfläche der 8. Rippe in der Länge von 14, in einer Breite von 



Fall III. 73 

10 mm. ganz entblös§i und der Weichtheile beraubt ist. An 
dieser Stelle finden sich 2 kleine lineare Einteilungen von Blei- 
stücken, das grössere 3, das kleinere 1' 2 ™™' ^^ der Länge, in 
der Knochenrinde. Um den entblössten Theil der Rippe herum 
ist das Gewebe wallartig erhaben, verdickt und stark geröthet. 
Weiter nach vorn von dem Rande dieser Continuitätstrennung, 
und zwar an derselben Rippe, sieht man am Rippenfell eine drei- 
eckige, graugelbliche Stelle, welche genau passt auf eine ähnliche 
dreieckige Stelle am Unterlappen der Lunge , unmittelbar hinter 
der in Nr. 30 erwähnten, glatten Stelle und in der Richtung der 
in derselben Nummer unter a. und b. beschriebenen Verände- 
rungen. Von den entblössten Knochenstellen aus ist ein zu- 
sammenhängender Canal zu dem sub Nr. 11 erwähnten Hohl- 
räume vorhanden. 

33. Im vorderen seitlichen Umfange des linken Brustfellraumes zeigt 
sich innen in dem Intercostalraum zwischen der 4. und 5. Rippe, 
3 cm. von der Knorpelinsertion entfernt, ein vertiefter, gegen 
den Verlauf der 3. Rippe quer gestellter Spalt von 7 mm. Länge 
und etwas über 3 mm. Breite , etwas schief von oben und innen 
nach unten. und aussen verlaufend, über dem Rande der 5. Rippe 
endend und nach oben hin die Fascie trennend ; der Grund ziem- 
lich glatt, etwas schieferig, übrigens angelegt. Der Spalt ist 
scharfrandig , die Ränder ohne Verdickung und Röthung; im 
Grunde bemerkt man mehrere kleine, eckige, in das Gewebe ein- 
geschlossene , schwärzliche Bleistücke. Diese Stelle entspricht 
einer von Belägen freien, früher adhärent gewesenen Fläche des 
Lungenfells (Nr. 25). 

34. Weiter nach unten, im Intercostalraum der 5. und 6. Rippe, und 
zwar ziemlich genau in der Mitte findet sich eine längliche, von 
ziemlich geraden Rändern begrenzte Spalte, die kaum 2 mm. 
lang ist und deren Seitenränder dicht an einander liegen. Sie 
führt direct nach aussen in einen kleinen Canal durch die Mus- 
keln. Ihre Lage entspricht der sub Nr. 13 geschilderten äusseren 
Verletzung, jedoch lässt sich keine offene Verbindung nachweisen. 

35. Am Halse sind die Venen ziemlich stark mit dickflüssigem Blut 
gefüllt, Arterien und Nerven nicht verändert. 

3G. In der Speiseröhre gelbgraue Flüssigkeit mit zahlreichen Speise- 
resten, Schleimhaut sonst blass. Gaumen stark geröthet mit 
stark hervortretenden Venennetzen und leicht geschwollenen 
ZungenfoUikeln. 

37. Im Kehlkopfe ein Paar ähnliche, gelbgrüne Speisereste. Nach 
unten etwas schäumige Flüssigkeit in der Luftröhre. Schleim- 
haut etwas dick, an der Luftröhre ganz roth durch deutlich er- 
kennbare Gefässnetze. 



74 Fall III. 

38. Die Aorta in ihren Wandungen nicht verändert, enthält im ab- 
steigenden Theil nur wenig dickflüssiges Blut. 

b. Bauchhöhle. 

39. Die Milz am oberen Umfange verklebt, 12 V2 cm. lang, 7V^2 ^^' 
breit, 3,6 cm. dick, auf dem Durchschnitt derb, blass, die Pulpa 
mehr grauroth und hügelig, nur an einer äusserllch von schmutzig- 
gelbweissen Häuten überkleideten Stelle in einer grösseren Aus- 
dehnung blutreich und leicht verhärtet. Follikel klein und grau. 

40. Linke Niere 12 cm. lang, 5 cm. breit, 3,2 cm. dick. Kapsel trennt 
sich leicht, Oberfläche glatt, bräunlich-grauroth , mit schwacher 
Füllung der oberflächlichen Venen. Auf dem Durchschnitt ziem- 
lich allgemeine schwachgraue Trübung der Rindensubstanz, 
welche im Ganzen bläulichroth erscheint. Die Knäuel auf dem 
Schnitt vorspringend, schwach geröthet. 

41. Linke Nebenniere in der Rindensubstanz röthlich grau, mit sehr 
reichlicher, blutreicher Zwischenschicht. 

42. Rechte Niere 11 cm. lang, 6 cm. breit, 3.2 cm. dick. Die Ober- 
fläche etwas -dunkler geröthet, als auf der anderen Seite. Im 
Uebrigen dieselben Verhältnisse, auch an der Nebenniere. 

43. Harnblase stark zusammengezogen, enthält einen Esslöffel voll 
dunkelgelbbraunen Harns. Im Uebrigen ist sie, wie die Prostata 
und die Samenbläschen, nicht verändert. 

44. Hoden etwas bläulichroth, sowohl an der Oberfläche, als im 
Innern, durch zahlreiche venöse Gefässe; im Uebrigen unver- 
ändert. 

45. Magen ziemlich weit, gefüllt mit reichlichen Mengen grünlicher 
Flüssigkeit, in der zahlreiche Speisereste vorhanden sind. 
Schleimhaut blass, weisslich grau, ziemlich dick, mit etwas ge- 
runzelten Stellen gegen den Pförtner hin. 

46. Im Zwölffingerdarm viel gallige breiige Flüssigkeit. Beim Druck 
auf die Mündung des Gallenganges entleert sich ein galliger 
Tropfen, ebenso bei Druck auf die Gallenblase. 

47. Die Leber 25 cm. breit, 22 cm. hoch, 8 cm. dick, äusserlich ganz 
bekleidet mit gelbweissen falschen Häuten. Auf dem Durchschnitt 
nur die grösseren Gefässe mit Blut gefüllt. Das Gewebe ziemlich 
gleichmässig braungrau, brüchig, etwas trübe. Grosse Acini, 
aussen gelblich, innen grauroth. Gallenblase wenig gefärbt. 
Galle graulichbraun mit gelben Flocken. 

48. Pancreas etwas schlaff, im hinteren Theile blutig getränkt. 

49. In dem Gekröse die Lymphdrüsen etwas vergrössert, ihre Rinden- 
schichten weisslich. Gekröse selbst wenig fettreich. 

50. Im Dünndarm eine grosse Menge eines breiigen, galligen, im un- 
tern Theil eines fäculenten und übelriechenden Inhaltes. Die 



Fall III. 75 

Schleimhaut ist etwas dick, im Leerdarm nur an einigen Stellen 
roth getränkt, an den meisten Stellen nur wenige gefüllte venöse 
Gefässe. 

Veränderungen der Drüsen finden sich bis auf eine ganz schwache 
Schwellung der solitären Follikel im unteren Krummdarm nicht. 

51. Im Dickdarm weiche Kothmassen ; Schleimhaut etwas dick, . von 
dem anhaftenden Koth schwer zu reinigen, ohne Veränderung. 

U. Kopf höUe. 

52. Die Weich theile werden vorschriftsmässig durchschnitten und zu- 
rückgeschlagen ; sie zeigen nichts Abweichendes. 

53. Der Schädel von länglichovaler Form , am hinteren. Theil stark 
geröthet, am Stirnbein, dicht vor der Kranznaht, rechts von der 
Mitte, mit einer grubigen Vertiefung versehen. 

Auf dem Durchschnitt wenig, aber rothe Diploe. Dicken- 
durchschnitt der Schädelknochen 4 mm. Innere Fläche etwas 
unregelmässig durch verschiedenartige Gruben in dem mittleren 
Theile des Stirnbeins und längs der Pfeilnaht, welche anschei- 
nend durch Erhöhungen der weichen Hirnhaut bedingt sind. 

54. Die harte Hirnhaut durchscheinend, in dem mittleren und vor- 
deren Theil verdickt und ge fässreich. Der Längsblutleiter etwas 
weit, mit speckhäutigem Gerinnsel erfüllt. Innere Fläche der 
harten Haut beiderseits glatt, stellenweise mit einem gefüllten 
Gefässnetz durchzogen, ohne irgend einen fremdartigen Beschlag. 

55. Die Oberfläche beider Grosshirnhalbkugeln symmetrisch gebildet. 
Die Windungen ziemlich gross. Venen sehr weit, stark mit 
dunklem Blut gefüllt; besonders am Hinterhaupt. 

56. Weiche Haut überall durchscheinend, längs der grossen Mittel- 
spalte und unter dem Stirnbein mit grossen warzenförmigen Aus- 
wüchsen besetzt. 

57. In den Seitenhirnhöhlen fast gar keine Flüssigkeit. Hinterhörner 
verschmolzen. Plexus und Gefässplatte dunkelroth. 

58. Im Grosshirn nach Durchschnitt der Halbkugeln viel Feuchtigkeit 
und starke Füllung der venösen Gefässe, aus denen überall auf 
dem Durchschnitt grosse Blutstropfen treten. Graue Substanz 
mit stark röthlichem Schimmer. 

59. In den grossen Gaiglien die graue Substanz geröthet, das ganze 
Gewebe sehr feucht. Vierhügel blass. 

60. Vierter Ventrikel leer. Das Kleinhirn mit gleichmässig gerötheter 
Rinde und Füllung der Venen der Marksubstanz. 

61. An der Basis des Gehirns die Arterien von regelmässigem Ver- 
lauf, mit dunklem Blut gefüllt. An der weichen Haut nichts Ab- 
weichendes. 



76 Fall III. 

62. Brücke und verlängertes Mark mit leicbt gerötheter grauer 
Substanz. 

63. Am Schädelgrunde die ßlutleiter mit dunklem, dickflüssigem Blut 
gefüllt. Harte Haut zart, Knochen unverletzt. 

Dieser Fall bietet viel Bemerkenswerthes dar. Abge- 
sehen davon, dass die ausgedehnte Peritonitis klinisch gar 
nicht in die Erscheinung getreten ist, — man müsste denn 
die am dritten Krankheitstage bemerkten, später jedoch ganz 
zurückgetretenen Schmerzen in der Regio colica als solche 
betrachten, — so ist der schnelle Eintritt des Todes offen- 
bar durch die Pericarditis und ihr Uebergreifen auf das 
Myocardium zu erklären. Ich habe vor langer Zeit einige 
Fälle von maligner Pericarditis besprochen (Mein Archiv 1858 
Bd. Xin. S. 266), in welchen eine acute Fettmetamorphose 
der Muskulatur, und zwar eine von aussen nach innen fort- 
schreitende, von mir nachgewiesen wurde. Dieselbe sehr ge- 
fährliche Complikation habe ich seitdem mehrmals gesehen: 
der vorliegende Fall bietet dafür ein neues, recht lehrreiches 
Beispiel. 

Sowohl die Peritonitis, als die Pericarditis und die 
Pleuritis dextra haben unmittelbar mit dem Schusse nichts 
zu thun. Wahrscheinlich sind sie sämmtlich vermittelt wor- 
den durch die phlegmonöse Mediastinitis, welche hier ganz 
in der Form eines Erysipelas malignum erscheint. Indess 
auch diese Mediastinitis ist nicht wenig auffallend, da eine 
unmittelbare Verletzung des Mediastinum durch den Schuss 
nicht stattgehabt hat und da überdies der vordere Schuss- 
kanal nicht die mindesten schlechten Eigenschaften darbot, 
vielmehr in seiner ganzen Ausdehnung per primam intentio- 
nem geschlossen war. Es bleibt also nichts übrig, als anzu- 
nehmen, dass alle diese Processe sich von dem hinteren, 
allerdings jauchenden, durch die AusSchneidung der Kugel 
perforirend gewordenen Abschnitte des Kanals aus fortgesetzt 
haben, was wiederum deshalb sehr auffällig ist, als noch 
bei der Section die hintere Oeffnung keinen üblen Geruch 
zeigte. 

Dass trotzdem von dieser Gegend aus infectiöse Stoffe 



Fall m. 77 

sich verbreitet haben, dafür spricht das sehr schlechte und 
für eine Zeit von 12 Tagen immerhin ganz ungewöhnlich 
veränderte Aussehen der linken Lungenpleura. Sie war so 
verdickt, so trübe und gerunzelt, nach hinten hin mit wirk- 
lichen, hervorspriessenden Granulationen besetzt und in 
grossen Strecken fast trachomatös, wie man es nur bei sehr 
malignen Entzündungsformen antrifft. Die primär verklebten 
Theile der Pleura erschienen nach ihrer Abtrennung sowohl 
an der Lunge als an der Costalwand so glatt und zart, 
dass sie gegenüber den vorher beschriebenen ganz normal 
aussahen. 

Die Autopsie hat die Vermuthung, dass es sich um 
einen Bogenschuss handelte, der bei eingezogener Stellung 
des linken Brustkorbabschnittes von der Gegend der Warze 
her stets in den äusseren Weichtheilen fortgegangen und 
erst hinten an der 8. Kippe aufgehalten sei, nicht bestätigt. 
Freilich schien es Anfangs, als ob die bis zur Achselhöhle 
reichenden blutigen Infiltrationen (No. 9.) der Schussrich- 
tung entsprächen. Allein die weitere Untersuchung lehrte, 
dass der Schusskanal eine gerade entgegengesetzte Sichtung 
hatte und dass die Infiltrationen nur eine in der Sichtung 
der Lymphströmung fortschreitende Erfüllung des losen 
Bindegewebes mit Blut darstellten. Selbst die Axillar- 
drüsen waren von solchem Blut durchdrungen, zum deut- 
lichen Beweise, dass es sich hier um ein Resorptionsphä- 
nomen handelt. Ich mache darauf besonders aufmerksam, 
da meines Wissens in der gerichtlichen Medicin auf diese 
sehr wichtige, und wegen der leicht möglichen falschen 
Deutung oft irreführende Verbreitungsform der Blutintiltra- 
tionen während des Lebens nicht gebührend aufmerksam 
gemacht ist. 

Der Schuss ist dicht oberhalb der linken Brustwarze 
in einer schief nach aussen, unten und hinten gerichteten 
Linie eingedrifngen, hat die Rippenwand zunächst im 4. Inter- 
costalrmim verlassen, ist hier in den Brustfellraum einge- 
treten, hat aber die Lunge nur an einer kleinen Stelle, 
nämlich an der dem Spalte zwischen Ober- und ünterlappen 



78 FaU lU. 

zugewendeten Fläche des linken Unterlappens, gestreift, ist 
dann über die innere Fläche der 8. Rippe, 4 Finger breit 
vor der Wirbelsäule, hinweggegangen und hat dicht daneben 
den 8. Intercostalraum durchbrochen. Hier ist sie in den 
äusseren Weichtheilen unter der Haut des Kückens liegen 
geblieben und frühzeitig ausgeschnitten worden. 

Sonderbarerweise fanden sich am Ende des eingehenden 
Schusskanals, da, wo derselbe schräg über den oberen Rand 
der 5. Rippe hinweggeht, mehrere kleine Bleistücke, die 
offenbar von der Kugel herstammen, in die Weichtheile ein- 
geheilt. Auf den ersten Blick könnte man sie mit den an 
dem hinteren Umfange des Brustkorbes, an der durch die 
Kugel entblössten Rippenstelle in die Knochenrinde einge- 
keilten Bleistücken parallelisiren. Indess bei einer genaueren 
Erwägung trifft diese Yergleichung nicht zu. Die letzteren 
sind offenbar erst bei dem Anprallen der Kugel an die Rippe 
abgesplittert und sie entsprechen wahrscheinlich den kleinen 
Schranmien, welche die stark abgeplattete Spitzkugel auf 
ihrer glatten Druckfläche zeigt. Die ersteren dagegen, die, 
welche in der vorderen Wunde eingeheilt sind, können 
nicht durch die Rippe abgesplittert sein, da der Rand der 
letzteren, obwohl sehr nahe liegend, nicht berührt worden 
ist. Sie müssen also schon vorher, vielleicht in dem Laufe 
des gezogenen Revolvers abgestreift und durch die Explosion 
mit in die Wunde hineingetrieben worden sein. 

Das forensische Gutachten in diesem Falle würde lauten: 

1) dass der Tod erfolgt ist durch eine Reihe heftiger 
Entzündungen in der Brust- und Bauchhöhle, beson- 
ders durch eine Herzentzündung; 

2) dass diese Entzündungen die Folge waren von einer 
Schussverletzung der Brust; 

3) dass nichts der Annahme entgegensteht, dass Dena- 
tus selbst sich diese Schussverletzung zugefügt hat. 



Fall IV. 79 



IV. Fall. 

Todtgebomes Zwillingskind aus der Mitte des 10. Monats. Zeichen der 
• Unreife. Entzündliches Oedem (Erysipelas) des Scrotum, des 
Rachens und des Gehirns. Beginnende weisse Hepatisation der 
Langen. 

Der Fall hat ein besonderes Interesse dadurch, dass das andere 
Zwillingskind lebt und gedeiht, und dass die Mutter weder nachweis- 
lich an Syphilis, noch an einer Puerperalkrankheit leidet. 

Obduction (Dauer IV2 Stunden): 13. December 1875. 

A. Aeussere Besichtigung. 

1. Der Leichnam des neugebornen männlichen Kindes ist 46 cm. 
lang, 2120 grm. schwer, im Allgemeinen regelmässig gebildet, 
jedoch mit etwas kurzen Extremitäten. Das Unterhautfett von 
massiger Dicke ; die Muskulatur eher etwas mager. Unterschenkel 
etwas krumm. 

2. An dem fast IV2 cm. vorstehenden Nabel sitzt ein 10 ^/a cm. 
langer, durchschnittlich IV2 cm. dicker, am Ende durch eine 
glatte Fläche begrenzter und regelmässig unterbundener Rest des 
Nabelstranges von gerundeter, praller, gallertiger, nirgends ein- 
getrockneter Beschaffenheit. 

3. Die Farbe des Körpers ist im Ganzen blass, auch am Bauch, 
mehr gelblich am Kopf, von einem verwaschenen blassen Roth 
am Rücken und von einem ebenfalls verwaschenen, aber dunk- 
leren Roth an der rechten Seite des Kopfes und Gesichts. Jedoch 
sind die gedrückten Theile auch in den letzteren Gegenden, so 
namentlich das rechte äussere Ohr, vollkommen blass. Bei 
stärkerem Druck mit dem Daumen lässt sich der grössere Theil 
der erwähnten Röthe wegdrücken ; beim Einschneiden sieht man 
bis in die Tiefe die venösen Gefässnetze voller Blut, und es ent- 
leert sich aus den Durchschnitten derselben eine geringe Menge 
flüssigen Blutes. 

4. An einzelnen Stellen des Rumpfes, namentlich aber an den 
Leistengegenden, ist die Haut mit weissem, käsigem Ueberzug 
bedeckt. 

5. An den oberen Extremitäten und am Unterkiefer deutliche Tod ten- 
starre; die übrigen Theile etwas beweglich. 

6. Der Kopf ist von länglicher Form mit etwas schmalem Hinterkopf, 
im geraden Durchmesser 11 V2 cm., im Querdurchmesser 9V2cm., 
im schrägen Durchmesser 11 cm. lang, mit kurzen, bis 2 cm. 



80 Fall IV. 

langen, schwarzbraunen Haaren reichlich besetzt, die sich 
ziemlich weit über die Stirn in das Gesicht erstrecken. Die 
Kopfknochen leicht beweglich, etwas übereinander verschoben, 
namentlich das rechte Scheitelbein über das linke heryortretend. 
Sowohl die vordere, als die hintere FontaneUe klein, erstere 
2 cm. breit, 3 V2 ^^' ^^^^i letztere 1 cm. breit nnd ebenso lang. 

7. Die Augenlider geschlossen. Augäpfel prall, Hornhäute sehr 
wenig getrübt, Pupille weit und vollständig offen; keine Spur 
von Pupillarmembran. 

8. Die Nasenknorpel fest, Nasenöffnungen frei. 

9. Mund geschlossen, Oberlippe stark vortretend, beide Lippen leicht 
geröthet. Zunge hinter den Kiefern, blassröthlich. Keine frem- 
den Körper im Munde. 

,^ 10. Ohren gross, Knorpel wenig fest. Oeffnungen frei. 

11. Hals beweglich, jedoch innerhalb der gewöhnlichen Grenzen; im 
üebrigen ohne Abweichung der äusseren Erscheinung. 

12. Brustkorb ziemlich gewölbt. Unterer Brustumfang 27 cm., 
Schulterbreite 13 cm. 

13. Bauch flach. Entfernung der vorderen Darmbeinstachel 6 V2 cm., 
grösste Entfernung der Darmbeinkämme 7V2 cm« 

14. AeussereGeschlechtstheile regelmässig gebildet, die Hoden beider- 
seits herabgestiegen. Der Hodensack blass, geschwollen, durch- 
scheinend, zeigt beim Einschneiden ein^ stark gelbo, wässrige 
Durchtränkung der Unterbaut, aus welcher sich reichlich Flüssig- 
keit ausdrücken lässt. 

15. After geschlossen, ohne fremde Körper. 

16. Die Nägel an den Fingern und Zehen etwas weich, an den 
ersteren die Spitzen erreichend, an den letzteren nicht. 

17. Am Knieende des rechten Oberschenkels wird durch allmähliches 
Abtragen der Knorpelschichten der Nachweis geführt, dass ein 
Knochenkern nicht vorhanden ist. Derselbe Mangel zeigt sich 
links bei einem senkrechten Durchschnitt, bei dem auf der Grenze 
von Knorpel und Knochen eine schwache, leicht gelbliche Schicht 
sichtbar wird. 

18. Auch die Knieenden der Unterschenkelknochen, die Köpfe der 
Oberschenkel- und Oberarmknochen werden eingeschnitten, je- 
doch zeigen sie an der Verknöcherungsgrenze nichts Abweichendes. 
Die Epiphysenkerne sind nirgends gebildet. 

19. Keine Spur von Verletzung am Körper. 

B. Innere Besichtigung. 
I. Brust- nnd Bauchhöhle. 

20. Durch einen Schnitt vom Kinn bis zur Schambeinfuge links vom 
Nabel werden die Hautdecken gespalten und die Bauchhöhle er- 



Fall IV. 81 

öffnet. Stand des Zwerchfelles dem unteren Rande der 4. Rippe 
entsprechend. 

21. Nabelvene und Nabelarterien fast ganz leer, lassen beim Durch- 
schnitt nur je einen Tropfen dickflüssigen Bluts hervortreten. 

22. Die Leber füllt die ganze Oberbauchgegend, so dass vom Magen 
Nichts zu sehen ist. Vom Dickdarm, der durch Kindspech aus- 
gedehnt und grün erscheint, sieht man den grösseren Theil des 
queren Stückes, den Blinddarm und eine Schlinge der S förmigen 
Biegung vorliegend, jedoch an ihrem regelmässigen Platze. Den 
Raum zwischen den beiden letzteren füllt die stark ausgedehnte 
Harnblase. Die Dünndärme nehmen in zahlreichen Schlingen den 
übrigen Raum ein ; sie sind durch gegenseitigen Druck etwas 
abgeplattet, scheinbar leer, von rosig grauweisser Farbe ; nur an 
dem fettarmen Netz und am Gekröse sind einige venöse Gefässe 
gefüllt. Erst beim Zurücklegen der Leber sieht man den ganz zu- 
sammengezogenen und blassen Magen. 

23. Kein fremder Inhalt in der Bauchhöhle. 

a. Brusthöhle. 

24. Nach vorschriftsmässiger Unterbindung der Luftröhre und Ent- 
fernung des noch fast ganz knorpligen Brustbeins nebst den Rippen- 
knorpeln zeigen sich die Organe der Brusthöhle in regelmässiger 
Lage, der obere Theil des Mittelfellraumes von der sehr grossen 
inneren Brustdrüse eingenommen, die linke Lunge hinter den 
Herzbeutel zurückgewichen, so jedoch, dass sich ein fast Klein- 
finger-breiter Zwischenraum zwischen Brustwand und Herzbeutel 
befindet; die rechte Lunge bedeckt den seitlichen Theil der Brust- 
drüse und des Herzbeutels und fast den ganzen rechten Theil des « 
Zwerchfells. 

25. Die vorliegenden Theile beider Lungen haben ein blassgraurothes, 
sehr deutlich lappiges Aussehen, welches durch die dunkle Fül- 
lung grösserer oberflächlicher Gefässe noch mehr hervortritt und 
an manchen Stellen fast in ein gelbliches Roth übergeht. Die Con- 
sistenz dieser Theile ist schlaff, für das Gefühl nirgends knisternd. 

26. Beide Brustfellsäcke sind leer, ihre Oberfläche ieucht. Am 
Zwerchfell, besonders links, sieht man kleine, dunkelrothe, 
fleckige Bluteinsprengungen. 

27. Im Herzbeutel etwa ein halber Theelöffel voll einer stark bräun- 
lichgelben, aber klaren Flüssigkeit. Die innere Oberfläche des 
Herzbeutels selbst blass und glatt. Das Herz ein wenig grösser, 
als die geballte Faust des Kindes, starr, die Oberfläche wenig 
gewölbt, die Farbe blass, die venösen Gefässe der Oberfläche bis 
gegen ihre Wurzeln hin mit Blut gefüllt. Beide Herzohren und 
Vorhöfe blauroth, massig gefüllt. 

Virohow, Sections-Tcchnik. 3. Aufl. n 



82 Fall IV. 

28. Beim Einschneiden findet sich rechts im Vorhof nur flüssiges 
Blut, kaum ein Theelöffel voll. Auch in der rechten Herzkammer 
ist nur flüssiges Blut, in noch geringerer Menge. Links ist die 
Kammer fast leer, in der Vorkammer etwa ein halber Theelöffel 
flüssigen Blutes. 

29. Das Herz wird nun herausgeschnitten und weiter eröffnet. Sämmt- 
liche Klappen sind regelmässig gebildet, schwach röthlich gefärbt 
(Imbibition). Das eirunde Loch noch weit offen. Das Muskel- 
fleisch ganz blass, mehr grauroth. 

30. Aus den grossen Gefässen der Brust sammelt sich kaum ein Thee- 
löffel voll dunklen flüssigen Blutes. 

31. Die innere Brustdrüse wird jetzt vorsichtig herausgeschnitten. 
Sie ist 4|f cm. breit, 4 cm. hoch und 9 mm. dick, von grauweiss- 
licher, leicht markig aussehender Färbung und ebensolchem Aus- 
sehen auf dem Durchschnitt. 

32. Die Venen am Halse sind bis zur Rundung mit dunklem, flüssi- 
gem Blut gefüllt. Auch die Schlagadern enthalten etwas der- 
artiges Blut. Die grossen l^erven sind blass und dem Ansehen 
nach unverändert. 

33. Es wird vorschriftsmässig die Zunge mit den Halsorganen von 
unten her ausgetrennt. Es ergiebt sich, dass auch der hintere 
Theil der Mundhöhle ganz frei von fremdem Inhalt ist. Dagegen 
zeigt sich eine starke Schwellung des Zäpfchens und des weichen 
Gaumens, welche blass aufgequollen und gallertartig aussehen, 
und beim Einschneiden eine gelbliche Flüssigkeit entleeren. 

34. Weniger, jedoch auf gleiche Weise geschwollen und durch eine 
wässerige Flüssigkeit verdickt ist die Schleimhaut am Kehldeckel 
und am Eingang zum Kehlkopf, in geringerem Grade die Schleim- 
haut des Rachens, welche in allen ihren Theilen durch ober- 
flächliche feine Gefässnetze leicht geröthet ist. 

35. Im oberen Theil der Speiseröhre etwas gelbliche Flüssigkeit, 
ganz blasse Schleimhaut. 

36. Kehldeckel von den Seiten her zusammengefaltet, Kehlspalte 
sehr eng, Kehlkopf und Luftröhre leer, Schleimhaut zart und 
dünn; an den weicheren Stellen mit deutlich erkennbaren, ober- 
flächlichen Gefässnetzen. 

37. Nach Durchschneidung der Luftröhre oberhalb der Ligatur wer- 
den die noch übrigen Brusteingeweide im Zusammenhang her- 
ausgeschnitten und in ein Gefäss mit Wasser gethan. Dieselben 
gehen darin unter. 

38. Die äussere Oberfläche der Lungen erscheint nach hinten zu von 
gleichmässiger, mehr bläulich graurother Farbe, jedoch ohne er- 
heblichen Blutreichthum der oberflächlichen Gefässe. Auch ist 
die Oberfläche dieser hinteren Theile, namentlich auf der linken 



Fall IV. • 83 

Seite, in grösserer Ausdehnung ganz glatt. Bei genauerer Be- 
trachtung sieht man nirgends Luftbläschen, dagegen in vielen 
Läppchen kleine, weisslichgraue, traubige Zeichnungen. 
.39. Auch die einzelnen Lungenflügel sinken im Wasser, ebenso die 
einzelnen Lungenlappen und die einzelnen abgeschnittenen Lun- 
gentheilchen, selbst yon den am meisten hellgefarbten Abschnit- 
ten der Yorderen Ränder. 

40. Der untere Theil der Luftröhre und ihre Verzweigungen sind 
leer, aber stark geröthet. 

41. Einschnitte in das Lungengewebe zeigen ein graurothes, sehr 
feuchtes, glattes Gewebe, in welchem kleinere festere, traubige, 
verwaschene, den inneren Theilen der Läppchen entsprechende, 
weisslichgraue Stellen erscheinen. Nirgends knistert das Gewebe, 
auch entleeren sich bei seitlichem Druck auf die Schnittflächen 
nirgends Schaum oder einzelne Luftblasen, sondern in geringer 
Menge nur klare Flüssigkeit und einzelne Blutstropfen. Auch 
unter Wasser eingeschnitten, lässt das Gewebe keine Luftblasen 
austreten. Die Lungen werden Behufs einer mikroskopischen 
Untersuchung zurückgelegt. 

42. Der untere Theil der Speiseröhre ist leer und blass. 

43. Die Aorta enthält etwas flüssiges Blut. Ihre innere Wand ist 
etwas geröthet. Die Gefässursprünge imBrusttheil unregelmässig. 

44. Der Botallische Gang weit offen (12 mm. Umfang) und an ^er 
vorderen Wand mit einer länglichen, platten, schwärzlich grau- 
rothen Hervorragung versehen, die sich auf dem Durchschnitt als 
eine Einlagerung von geronnenem Blut in die Wand ergiebt. 

b. Bauchhöhle. 

45. Die Milz 4,1 cm. lang, 2,2 cm. in der grössten Breite, 8 mm. in 
der grössten Dicke; am oberen Ende eingefaltet und umgeschla- 
gen, dunkelbrauuroth, schlaff. Auf dem Durchschnitt kleine Fol- 
likel; brüchige, reichliche, braunrothe Pulpe. 

46. Die linke Nebenniere 25 mm. hoch, 32 mm. breit, auf dem Durch- 
schnitt sehr blutreich, fast ganz braunroth , die einzelnen Sub- 
stanzen schwer zu unterscheiden, in der Rinde fast gar kein Fett. 

47. Die linke Niere 50 mm. lang, 20 mm. breit, 18 mm. dick. Capsel 
leicht zu trennen, Oberfläche mit tiefen Abtheilungen, im Uebri- 
gen glatt, blass, mit einem schwach bräunlich-rothen Schimmer. 
Auf dem Durchschnitt zeigt die Rindensubstanz die gleiche Farbe; 
die Marksubstanz ist zum grossen Theil grauroth, ohne Trübung 
oder Einlagerung, nur in den äusseren Abschnitten stärker ge- 
röthet. Im Nierenbecken und Harnleiter wenig Harn. 

48. Auf der rechten Seite zeigen Nebenniere, Niere und Harnleiter 
fast dieselbe Beschaffenheit. 

6* 



84 FaU IV. 

49. In der Harnblase fi:anz klare Flüssigkeit; die Sohleimhaat blass. 

50. Die Hoden beiderseits inti Hodensack, von gewöhnlicher Grösse 
und etwas bläulich-rosigem Aussehen. 

51. Es wird nunmehr der Zwölffingerdarm an seiner vorderen Fläche 
geöffnet. Es zeigt sich, dass derselbe gefüllt ist mit einem weich- 
breiigen, weisslichen, ganz schwach in^s Gelbliche neigenden In- 
halt. Die Schleimhaut selbst ist schwach geröthet. Die Papille 
des Gallengangs tritt deutlich hervor, ist geöffnet und lässt beim 
Druck auf die Gallenblase leicht einen Tropfen wässeriger Galle 
austreten. 

52. Im Magen ist ein ganz dünner glasiger Belag der Wand; die 
Schleimhaut in starke Längsfalten gelegt und auf denselben 
fleckig geröthet. An diesen Flecken erkennt man stellenweise 
feine Gefässnetze; stellenweise erscheint die Farbe ganz gleich- 
massig dunkelroth. 

53. Bauchspeicheldrüse ziemlich derb, in ihrem vorderen Theile blass, 
im hinteren leicht geröthet. 

54. Leber 10 cm. breit, 58 mm. hoch, 22 mm. dick, ziemlich gleich- 
massig geröthet, an je einer Stelle der vorderen Fläche des rech- 
ten und des linken Lappens mit einer flachen, unter der Capsel 
gelegenen Austretung von flüssigem Blut besetzt. Das Gewebe 
schlaff, auf dem Durchschnitt von gleichmässig graurothem Aus- 
sehen, nach dem Ausdrücken des Blutes, das ziemlich reichlich 
fliesst, gleichmässig grau. Die Läppchen nicht deutlich erkenn- 
bar. An der Pforte äusserlich ein kleiner, hanfkorngrosser, weiss- 
licher, fester Körper, der dem üeberzuge der Leber fest anhaftet. 

55. Das Gekröse sehr dicht besetzt mit etwas vergrösserten , weiss- 
lich aussehenden Lymphdrüsen. 

56. Im Dünndarm findet sich ein flockig breiiger, schwach gelblich- 
weisser, epithelialer Inhalt. Der Krummdarm ist fast ganz zu- 
sammengezogen und enthält eine braungelbe, schwach nach Kinds- 
pech aussehende Masse, die näher an der Klappe reichlicher wird. 
Der Dickdarm ist ganz vollgestopft mit Kindspech. Die Schleim- 
haut ist überall ziemlich dick, schwach geröthet, nur an den mit 
Kindspech erfüllten Theilen grünlich, übrigens unverändert. 

57. Die grossen Gefässe an der Wirbelsäule fast ganz leer. 

U. Kopfhöhle. 

58. Nachdem die bedeckenden Weichtheile vorschriftsmässig durch- 
schnitten und abgezogen sind, zeigt sich überall eine gelbliche 
Durchtränkung derselben , die bis auf die Beinhaut reicht. Auf 
der rechten Seite, namentlich nach hinten zu, findet sich ausser- 
dem eine verwaschene, rothe Durchtränkung aller Theile bis auf 
die Beinhaut. Die Hautvenen sind bis zu ihren kleineren Aesten 



Fall IV. 85 

gefüllt. In der Kopfschwarte liegen hier und da dichtere rothe 
Flecke yon Flohstich- bis Linsengrösse , die eingeschnitten eine 
gleichmässige Durchsetzung des Gewebes mit Blut ergeben. 

59. Es wird nunmehr der Schädel durchsägt, die harte Hirnhaut so- 
fort durchschnitten und das Gehirn, welches sehr weich ist, her- 
ausgenommen. Dabei zeigt sich ein Theelöflfel voll klarer Flüssig- 
keit am Schädelgrunde , an dem sonst nichts Abweichendes be- 
merkt wird. 

60. Die Schädelknochen sind verhältnissmässig dünn, beweglich. 

61. Die innere Fläche der harten Hirnhaut zeigt in der Gegend der 
Kranznaht einige ganz kleine rothe Blutflecke in dem Gewebe. 
Der lange Blutleiter enthält nur flüssiges Blut. 

62. Das Gehirn selbst ist regelmässig gebildet. Die weiche Haut ist 
zart und überall von sehr reichlichen venösen Netzen durchzogen. 

63. Nach der Durchschneidung der Halbkugeln zeigt sich beiderseits 
in den Seitenhöhlen eine geringe Quantität von Flüssigkeit; die 
innere Auskleidung dieser Höhlen etwas fester, die Venen an 
ihrer Oberfläche mit Blut gefüllt, ebenso in der oberen Gefäss- 
platte und den Adergeflechten. 

64. Der Durchschnitt der Grosshirnhalbkugeln ergiebt ein auffallend 
blasses Gewebe von eigenthümlich gelblich-weisser Färbung, an 
dem man kaum einen Unterschied von Mark- und Rindensubstanz 
erkennt, höchstens dass die Rinde noch blasser und weisser er- 
scheint, als die Marksubstanz. Letztere ist durchweg feucht 
glänzend, von gallertartigem Aussehen. Diese Theile werden zu 
einer mikroskopischen Untersuchung zurückgelegt. 

65. Auch die Seh- und Streifenhügel, wie die Vierhügel, sind ganz 
blassgelblich und von Feuchtigkeit durchdrungen. 

66. Dasselbe gilt vom Kleinhirn, an dem nur der gezähnelte Kern 
einige mit Blut gefüllte Venen zeigt. Die vierte Höhle ist leer. 

67. An der Grundfläche des Gehirns ist eine sehr starke Füllung der 
Venen der weichen Haut, namentlich an der Syl vischen Spalte. 

68. Die Brücke ist von etwas derberer Consistenz, auf dem Durch- 
schnitt blass. 

69. Das verlängerte Mark recht derb, jedoch ebenfalls von grosser 
Blässe. 

70. Verletzungen der Knochen am Schädelgrund sind nicht vorhanden. 
Bei der mikroskopischen Untersuchung zeigt sich 

a) an den Lungen, dass die Enden der Bronchiolen, die Trichter 
(infundibula) und die wandständigen Lungenbläschen (Al- 
veolen) ganz gefüllt sind mit dichten Anhäufungen epithelialer 
Zellen, von denen ein Theil mit feinen, glänzenden Körnchen 
(Myelin) gefüllt ist, 



86 Fall IV. 

b) am Gehirn, dass die weisse Substanz zersiieate, sehr stark 
lichtbrechende Kömchenkageln, die graue Substanz zahlreiche, 
blassgraue Kemzellen enthält. 

Dieser Fall bietet eine Reihe höchst sonderbarer Er- 
scheinungen dar. In erster Linie steht diejenige Gruppe, 
welche sich schon bei der ersten Betrachtung als zusammen- 
gehörig erwies: das Oedem des Scrotum, das Oedem der 
Uvula, des weichen Gaumens, des Rachens und der oberen 
Eehlkopftheile , sowie das Oedem des Gehirns. An allen 
diesen Stellen fand sich eine reichliche, ausdrückbare, klare, 
aber gelbliche Flüssigkeit, am Gehirn weniger deutlich ge- 
färbt, dagegen am Scrotum und der Uvula ungewöhnlich 
deutlich. Niemand wird an der acuten Natur dieser Zu- 
stände zweifeln. Aber wie sind sie aufi&ufassen? Gegen ihre 
Deutung als Stauungs- Wassersucht spricht auf das Bestimm- 
teste der Mangel venöser Hyperämie an den befallenen Thei- 
len. Von allgemeinem Hydrops kann in keiner Weise die 
Rede sein. Betrachtet man die Zustände am Gaumen, Rachen 
und Kehlkopf für sich, so würde Niemand Bedenken tragen, 
dieselben unter dem Namen eines Oedema pharyngeo- 
laryngeum acutum zusammenzufassen. Dieses- Oedem 
gehört aber zu der Klasse der sogenannten activen; es ist 
in der Regel nichts anderes, als ein Erysipelas. Schon 
in meiner speciellen Pathologie und Therapie (Erlangen 1854, 
I. S. 209, 217) habe ich die Stellung dieser Formen des 
Oedems genauer erörtert, und ich kann nur sagen, dass 
meine Erfahrungen seit jener Zeit in noch weit umfangrei- 
cherer Weise mich von ihrer Verwandtschaft, ja ihrer Iden- 
tität mit dem Erysipelas überzeugt haben. Gerade bei Neu- 
geborenen habe ich wiederholt, auch klinisch, nach einem 
primären Oedem des Scrotums acutes Oedem des Rachens 
und des Kehlkopfs, selbst in der Form des Oedema phleg- 
monodes, sich entwickeln sehen. Es sind dies Theilglieder 
jener Aflfektion, welche, wenn sie in grösserer Verbreitung 
auftritt, gelegentlich die Erscheinung des sogenannten Scle- 
rema oder der Induratio telae cellulosae darbietet (vgl. meine 
Gesammelten Abhandlungen zur wiss. Med. S. 112. u. 701). 



Fall IV. 87 

Dass im vorliegenden Falle in der That viel allge- 
meinere Störungen verwandter Art vorlagen, dafür spre- 
chen zwei Erscheinungen. Die eine ist die eigenthüm- 
liche, schon hei der äusseren Betrachtung andeutungsweise 
bemerkte Infiltration der Weichtheile des Kopfes mit einer 
tiefgelblichen Flüssigkeit; die andere finde ich in der eigen-^ 
thämlichen, fast bräunlichen Färbung des Liquor pericardii. 
Dass diese Erscheinungen nicht etwa einen cadaverösen Cha- 
rakter hatten, das beweist der Mangel ausgesprochen fau- 
liger Erscheinungen an dem Körper. 

Sehr ungewöhnlich und sehr bemerkenswerth ist aber 
das Oedem des Gehirns, welches sich mit allgemeiner Blässe 
desselben und mit starker Fettmetamorphose der Neuroglia- 
Zellen der Marksubstanz verband. Ich trage kein Bedenken, 
es derselben Gruppe zuzuschreiben, und es als acutes Oedem 
oder auch als Erysipelas cerebri zu bezeichnen. (Man ver- 
gleiche übrigens meine Bemerkungen über Encephalitis con- 
genita. Ges. Abh. aus d. Gebiete d. öfF. Medicin. Bd. 11. 
S. B61, 60B.) 

Wäre die Mutter von Puerperalfieber heimgesucht ge- 
wesen, so würde die weitere Deutung weniger Schwierigkeit 
machen. Aber nicht nur war die Mutter ganz gesund, son- 
dern auch das andere Zwillingskind zeigte nichts Aehnliches. 
Dazu kommt, dass wir es mit einer congenitalen Afiektion, 
die sich schon im Mutterleibe entwickelt haben muss, zu 
thun haben. Sowohl die Fettmetamorphose der weissen Hirn- 
substanz, als namentlich die beginnende weisse Hepatisation 
der Lungen finden sich , >vie ich früher nachgewiesen habe 
(mein Archiv 1867, Bd. XXXVHI. S. 13B. 1868, Bd. XLIV. 
S. 472. Geschwülste 11. S. 469), besonders häufig bei Sy- 
philitischen. Aber ich habe schon angeführt, dass die Mutter 
keine Spur von Syphilis zeigte, und wenn auch dies nicht 
ausschliessen würde, dass der Vater syphilitisch war, 
so haben wir doch keine weiteren Anhaltspunkte für eine 
solche Annahme. Auch habe ich schon früher erwähnt, dass 
beide Zustände bei Neugeborenen vorkommen, bei denen Sy- 
. philis in keiner Weise nachzuweisen ist. Der Fall lässt 



88 Fall IV. 

»eh also ätiologisch nicht weiter Teifolgen. Er niag Tor- 
laafig als ein seltenes Beispiel eines sowohl äusseren, als 
visceralen Erysipelas congenitum Teizeichnet werden 

Forensisch hat er nicht nnr ein grosses Interesse dadorch, 
dass wir bei einem sonst lebensfähigen Nengebomen den 
Tod durch so latente Erkrankungen erfolgt sehen, sondern 
anch dadurch, dass ein Kind im 10. Schwangerschaftsmonate 
so auffällige Zeichen der Unreife darbot. Nicht nur, dass die 
Nagel wenig ausgebildet, die Ohrknorpel sehr schwach und be^ 
weglich waren, sondern es fehlte auch jede Spur eines 
Enochenkerns in der unteren Epiphyse des Ober- 
sehenkels. Ueber dieses Fehlen haben wir fireilich schon 
andere Beobachtungen; ich verweise namentlich auf die Dis- 
sertation von G. Hartmann (Beitrage zur Osteologie der 
Neugebomen, Tübingen 1869, S. 18). Indess bleibt ein so 
vollständiger Ossifikationsdefekt an den Extremitäten (und 
dem Brustbein) bei wohl fortgeschrittener Ossifikation der 
Sehädelknochen immerhin lehrreich. 

Für die Bedeutung der mikroskopischen Untersuchung 
in forensischen Fragen bietet der Fall gleichfalls gute An- 
haltspunkte, sowohl in Bezug auf das Gehirn, als in Bezug 
auf die Lungen. Letztere sahen in Folge der Epithelwuche- 
mng in den Infundibula und Alveolen so hellroth aus, dass 
ich selbst zuerst glaubte, das Kind habe geathmet. Erst 
eine sehr genaue Betrachtung machte mich auf die vorhan- 
dene Verstopfung der Lufträume aufmerksam, welche dann 
die mikroskopische Untersuchung bestätigte. 

Das forensische Gutachten in diesem Falle hätte lauten 
müssen: 

1) das Kind war ein neugebomes, 

2) es lässt sich nach dem Obductionsbefunde nicht mit 
Sicherheit bestimmen, ob es ausgetragen war, 

3) es hat während und nach der Geburt nicht ge- 
athmet, 

4) es war ausserhalb des Mutterleibes nicht lebensfähig, 

5) es ist gestorber in Folge einer schon im Mutter- 
leibe vorhandenen Krankheit, durch welche die 



Eröffnung der Brusthöhle. 89 

Lungen, der Kehlkopf und das Gehirn betroffen 
wurden. 
6) Zeichen äusserer Gewalteinwirkung sind nicht auf- 
gefunden worden. 



Ich schliesse damit diese casuistischeu Mittheilungen, 
obwohl ich dieselben leicht erweitern könnte. Als metho- 
dologische Andeutung werden sie genügen. 

In Bezug auf einen Punkt der Sektionstechnik möchte 
ich jedoch noch ein paar Worte hinzufügen, nämlich in 
Bezug auf die Eröffnung der Brusthöhle. Wie ich 
sehe, finden nicht wenige junge Aerzte, wie die Mehrzahl 
der Studirenden, hier zuweilen grosse Schwierigkeiten, weil 
sie sich die anatomischen Verhältnisse nicht ganz klar 
machen. 

Die Brustwand soll eröffnet werden in der Art, dass 
die verschiedenen Knorpel an der am weitesten vom Brust- 
bein entfernten Stelle durchschnitten werden. Natürlich gilt 
diese Bestimmung nur von solchen Knorpeln, die nicht ver- 
knöchert sind. 

Ist eine auch nur theilweise Verknöcherung eingetreten, 
so muss man überhaupt nicht mehr mit dem Messer schnei- 
den, sondern mit der Knochenscheere, und dann ist es zu 
empfehlen, lieber gleich noch etwas weiter nach aussen bis 
in die knöchernen Rippen zu gehen, um sich einen recht 
breiten Zugang zu den Brusteingeweiden zu verschaflfen. 
Ich bemerke dabei, dass das Sternoclaviculargelenk 
überhaupt nicht ossificirt, es müsste denn ein ganz schwerer 
Krankheitsprocess vorangegangen sein. Dieses Gelenk ist 
also stets zu schneiden, und zwar, da es eine halbmond- 
förmige Gestalt hat und seine Gelenkflächen durch einen 
Zwischenknorpel getrennt sind (vgl. Fig. 4), durch stehende 
Züge, welche in einer halbmondförmigen Curve um das ster- 
nale Ende des Schlüsselbeins herumgeführt werden. 

Der Knorpel der erstenRippe dagegen ossificirt sehr 
häutig, auch in Fällen, wo die anderen Rippenknorpel fi*ei 



bleiben. In der Begel handelt es sieh dabei, wie aaeh bei 
den andern Bippenknorpeln, nm eine snpraeartilagiiiare, d. h. 
perichondrisehe Ossificarion Ton g io Mc r Harte« an der man 
sich die Messer regelmassig verdirbt. 

Ist keine Ossification vorhanden, so darehschneidet 
man zonäehst bei horizontaler Hahnng des Messers 
am nicht mit der Spitze in die Brost tiefer einsn- 
dringen die Bippenknorpel jedeiseits in der Xihe ihrer 
Insertion an den knöchernen Bippen. Hier kommt es we- 
sentlich darauf an. eine so grosse Oefiiinng als moglieh im 
Brustkörbe herzasteilen. Die Schnittlinie beschreibt 
daher jederseits eine Curve, deren Conrexitat ge- 
gen das Brustbein hin gerichtet ist und deren 
unterer Schenkel ganz weit nach aussen an den 
Insertionsstellen der Knorpel der letzten falschen 
Bippen ausläuft. Ein Blick auf die Abbildung 4 unserer 
Tafel wird leicht erkennen lassen, dass von der zweiten Bippe 
abwärts die Insertionsstelle jeder folgenden Bippe etwas 
weiter nach aussen liegt. Folgt man diesen Stellen, so ge- 
winnt man eine weite, nach unten starker klaffende Oefihung 
im Brustkorbe, wenn man nachher Brustbein und Bippen- 
knorpel ablöst. 

Aber die erste Bippe macht eine Ausnahme. 
Wollte man den eben beschriebenen Schnitt auch gegen die 
erste Bippe fortsetzen, so wurde man gewohnlich schon 
gegen das knöcherne Manubrium stemi stossen, welches sich 
hier weit nach den Seiten verbreitert. Der Knorpel der ersten 
Bippe reicht dem entsprechend aber auch viel weiter nach 
aussen, als der Knorpel der zweiten Bippe, und der Schnitt, 
durch welchen man ihn trennen will, muss um 1 — 2 cm. 
weiter nach aussen geführt werden, als der Schnitt durch 
den zweiten Bippenknorpel. Am besten fuhrt man ihn so, 
dass man das Messer, mit der Schneide nach vom und oben, 
unter den Knorpel der ersten Bippe von unten her einschiebt 
und dann vorsichtig nach oben und vom durchdruckt So 
vermeidet man am besten die Verletzung der gerade hier 
sehr nahe herantretetenden Gefässe. Selbst in Fällen, wo 



Flüssigkeit des Capillarblates. 91 

die perichondrale Ossification schon weit fortgeschritten ist, 
findet man auf diese Weise nicht selten noch einen freien 
Weg durch die knöchernen ümhüUungsschichten. 

Niemals lässt sich also Stemoclaviculargelenk , erster 
und zweiter Rippenknorpel durch einen einzigen, geraden 
Schnitt trennen. Vielmehr muss bei richtiger Messerführung 
jeder dieser Theile auf eine andere Weise und durch einen 
besonderen Schnitt getrennt werden. Die Abbildung 4, 
welche übrigens auf der rechten Seite an der zweiten Rippe 
eine unvollständige Duplicität des Knorpels zeigt, wird bei 
genauerer Betrachtung das anatomische Verhältniss leicht 
erläutern, und jeder, der sich damit vertraut macht, wird 
sich selbst ohne Schwierigkeit die Linie construiren können, 
in welcher er zu schneiden hat. — 

Zum Schlüsse möchte ich nocff auf ein, nur zu oft 
übersehenes oder missverstandenes Verhältniss aufmerksam 
machen, nämlich auf die Flüssigkeit des Gapillar- 
blütes in der Leiche (Cellularpathologie. 4. Aufl. S. 194). 
Auch in den Fällen, wo das Blut in den grösseren Gefässen 
ganz fest geronnen ist, findet man in der Regel die Capil- 
laren mit vollständig flüssigem Blute erfüllt. Dieses gerinnt 
auch ausserhalb des Körpers in der Regel nicht, wenn es 
nach dem Tode entleert wird. Darauf beruht eine der 
wichtigsten practischen Untersuchungen zwischen geronne- 
nen Extravasaten, die während des Lebens entstanden sind, 
und flüssigen, erst nach dem Tode ausgetretenen Blut- 
massen. 



Regulativ 

für das 

Verfahren der Gerichtsärzte bei den gerichtlicheM 
UntersHchnngeM Menschlicher Leichent 



Die obdu< 

cireoden 

Acrzte und 



1. Allgemeine Bestimmungen. 

§•1. 

jJie -gerichtliche Untersuchung einer menschlichen Leiche (Obduction) 
darf nach den bestehenden Gesetzen nur von zwei Aerzten, in der Regel 
deren pflioh- oinem Physikus (Gerichtsarzt) und einem Gerichts- (Kreis-) Wundarzt, 
teD. im Beisein des Richters vorgenommen werden. 

Die Obducenten haben die Pflichten gerichtlicher Sachverstandiger. 
Wenn über die technische Ausführung der Obduction Zweifel ent- 
stehen, so entscheidet der Physikus oder dessen Vertreter, vorbehaltlich 
der Befugniss des anderen Arztes, seine abweichende Ansicht zu Proto- 
koll zu geben. 

§.2. 
stciivcrtre- D^j. Physikus (Gerichtsarzt) und der Gerichts- (Kreis-) Wundarzt 

*""^' sind nur in den gesetzlichen Behinderungsfällen berechtigt, sich durch 
einen anderen Arzt vertreten zu lassen. Als Vertreter ist, wenn mög- 
lich, ein pro physicatu geprüfter Arzt zu wählen. 

§.3. 
Zeit der Obductionen dürfen in der Regel nicht vor Ablauf von 24 Stunden 

nach dem Tode vorgenommen werden. Die blosse Besichtigung einer 
Leiche kann früher geschehen. 

§.4. 

Behaudiung Wegen Vorhandener Fäulniss dürfen Obductionen in der Regel 

^^^^j^^^^J"' nicht unterlassen und von den gerichtlichen Aerzten nicht abgelehnt 

Fäiüniss Werden. Denn selbst bei einem hohen Grade der Fäulniss können Ab- 

flbergegan- normltäten und Verletzungen der Knochen noch ermittelt, manche, die 

noch zweifelhaft gebliebene Identität der Leiche betreffende Momente, 



«en. 



Instrumente. 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 93 

z. B. Farbe und Beschaffenheit der Haare, Mangel von Gliedmassen 
u. s. w., festgestellt, eingedrungene fremde Körper aufgefunden, 
Schwangerschaften entdeckt und Vergiftungen noch nachgewiesen wer- 
den. Es haben deshalb auch die Aerzte, wenn es sich zur Ermittelung 
derartiger Momente um die Wiederausgrabung einer Leiche handelt, 
für dieselbe zu stimmen, ohne Rücksicht auf die seit dem Tode ver- 
strichene Zeit. 

§.5. 

Die Gerichtsärzte haben dafür zu sorgen, dass zur Verrichtung 
der ihnen obliegenden Obductionen folgende Sections- Instrumente in 
guter Beschaffenheit zur Stelle sind: 

4 bis 6 Skalpelle , davon 2 feinere mit gerader und 2 stärkere mit 
bauchiger Schneide, 

1 Scheermesser, 

2 starke Enorpelmesser, 
2 Pincetten, 

2 Doppelhaken, 

2 Scheeren, eine stärkere, deren einer Arm stumpf, der andere 
spitzig ist, und eine feinere, deren einer Arm geknöpft, der andere 
spitzig ist. 

1 Darmscheere, 

1 Tubulus mit drehbarem Verschluss, 

1 grobe und 2 feine Sonden, 

1 Säge, 

1 Meissel und 1 Schlägel, 

1 Knochenscheere, 

6 krumme Nadeln von verschiedener Grösse, 

1 Tasterzirkel, 

1 Meterstab mit Eintheilung in Centimeter und Millimeter, 

1 Mensurir-Gefäss mit Eintheilung in 100, 50, 25 Cubik- Centimeter, 

1 Waage mit Gewichtsstücken bis zu 10 Pfund, 

1 gute Lupe, 

blaues und rothes Reagenzpapier. 

Die schneidenden Instrumente müssen vollständig scharf sein. 
Auch ist den Obducenten zu empfehlen, dass sie ein Mikroskop mit zwei 
Objectiven und mindestens 400maliger Vergrösserung, sowie mit den 
zum Präpariren erforderlichen Instrumenten, Gläsern und Reagentien 
in Bereitschaft halten. 

§.6. 
Behufs der Obduction ist für Beschaffung eines hinreichend ge- ^^kai und 
räumigen und hellen Lokals, angemessene Lagerung der Leiche und ß«^«"*'*»'»"« 
Entfernung störender Umgebungen möglichst zu sorgen. Obductionen 
bei künstlichem Licht sind, einzelne, keinen Aufschub gestattende Fälle 



Obdnction. 



94 Regulaliv für das Verfahren der Qerichtsärzte etc. 

ausgenommen, unzulässig. Eine solche Ausnahme ist im Protokoll 
(§. 27) unter Anführung der Gründe ausdrücklich zu erwähnen. 

§.7. 

Gefrorne jg^ ^[q Leiche gefroren, so ist sie in ein geheiztes Lokal zu bringen 

.eic en. ^^^ ^^ .^^ ^.^ ^^^. Obductiou ZU warten, bis die Leiche genügend auf- 

gethaut ist. Die Anwendung von warmem Wasser oder yon anderen 

warmen Gegenständen zur Beschleunigung des Aufthauens ist unzulässig. 

§. 8. 
Transport ß^j ^Uen mit der Leiche Yorzunehmenden Bewegungen , nament- 

ic en. j.^^ ^^. ^^^ Transport derselben von einer Stelle zur anderen, ist thun- 
lichst darauf zu achten, dass kein zu starker Druck auf einzelne Theile 
ausgeübt und dass die Horizontallage der grösseren Höhlen nicht er- 
heblich verändert werde. 

■ 

n. Yerfaliren bei der Obduction. 

§.9. 
Richterlicher ß^im Erheben der Leichenbefunde müssen die Obducenten überall 

den richterlichen Zweck der Leichenuntersuchung im Auge behalten und 
Alles, was diesem Zweck dient, mit Genauigkeit und Vollständigkeit 
untersuchen. 

Alle erheblichen Befunde müssen, bevor sie in das Protokoll auf- 
genommen, dem Richter von den Obducenten vorgezeigt werden. 

§. 10. 

Pflichten der Dj^ Obduccnteu siud verpflichtet, in den Fällen, in denen ihnen 

in Be«a "'»**£ ^^^'^ orforderüch erscheint, den Richter rechtzeitig zu ersuchen, dass 

die Ermitte- vor der Obduction der Ort, wo die Leiche gefunden worden, in Augen- 

lung beson- schcin genommen , die Lage , in welcher sie gefunden , ermittelt und 

derer Um- ihne^n Gelegenheit gegeben werde, die Kleidungsstücke, welche der Ver- 

^ fc"n ** storbene bei seinem Auffinden getragen, zu besichtigen. 

In der Kegel wird es indess genügen, dass sie ein hierauf gerich- 
tetes Ersuchen des Richters abwarten. 

Sie sind verpflichtet, auch über andere, für die Obduction und 
das abzulegende Gutachten erhebliche, etwa schon ermittelte Umstände 
sich von dem Richter Aufschluss zu erbitten. 

§. 11. 
Mikro- Jq q^iqj^ Fällen, in denen es zur schnellen und sicheren Ent- 

* Unter-* scheidung eines zweifelhaften Befundes, z. B. zur Unterscheidung von 
Buchungen. Blut uud von blos gefärbten (hämatinhaltigen) Flüssigkeiten, erforder- 
lich ist, eine mikroskopische Untersuchung vorzunehmen, ist diese sofort 
bei der Obduction zu veranstalten. 



Regulativ far das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 95 

Wenn die äusseren Umstände dies unmöglich machen oder schwie- 
rige mikroskopische Untersuchungen, z.B. vonGewebstheilen der Leiche, 
nötliig sind, welches ich nicht sofort ausführen lassen, so sind die betref- 
fenden Theile zurückzulegen, unter gerichtliche Obhut zu nehmen und 
so schnell als möglich einer nachträglichen Untersuchung zu unterwerfen. 

In dem darüber zu erstattenden Berichte ist die Zeit, zu welcher 
diese nachträgliche Untersuchung vorgenommen wurde, genau anzu- 
geben. 

§. 12. 

Die Obduction zerfällt in zwei Haupttheile : Obduction. 

A. Aeussere Besichtigung (Inspection), 

B. Innere Besichtigung (Section). 



sichtigung. 



§. 13. 

Bei der äusseren Besichtigung ist die äussere Beschaffenheit^®""*'® ^®" 
des Körpers im Allgemeinen und die seiner einzelnen Abschnitte zu 
untersuchen. 

Demgemäss sind, betreffend den Körper im. Allgemeinen, so- 
weit die Besichtigung solches ermöglicht, zu ermitteln und anzugeben: 

1. Alter, Geschlecht, Grösse, Körperbau, allgemeiner Ernährungs- 
zustand, etwa vorhandene Krankheitsresiduen, z. B. söge- 

► nannte Fussgeschwüre, besondere Abnormitäten (z. B. Maler, 

Narben, Tättowirungen , Ueberzahl oder Mangel an Glied- 
massen), 

2. die Zeichen des Todes und die der etwa schon eingetretenen 
Verwesung. 

Zu diesem Behuf müssen, nachdem etwaige Besudelungen der 
Leiche mit Blut, Koth, Schmutz und dergleichen durch Abwaschen be- 
seitigt worden, ermittelt werden: die vorhandene oder nicht vorhandene 
Leichenstarre, die allgemeine Hautfarbe der Leiche, die Art und die 
Grade der etwaigen Färbungen und Verfärbungen einzelner Theile der- 
selben durch die Verwesung, sowie die Farbe, Lage und Ausdehnung 
der Todtenflecke, welche einzuschneiden, genau zu untersuchen und zu 
beschreiben sind, um eine Verwechselung derselben mit Blutaustretungen 
zu vermeiden. 

Betreffend die einzelnen Theile ist Folgendes festzustellen: 

1. Bei Leichen unbekannter Personen die Farbe und sonstige 
Beschaffenheit der Haare (Kopf und Bart) , sowie die Farbe 
der Augen. 

2. Das etwaige Vorhandensein von fremden Gegenständen in den 
natürlichen Oeffnungen des Kopfes, die Beschaffenheit der 
Zahnreihen und die Beschaffenheit und Lage der Zunge. 

3. Demnächst sind zu untersuchen der Hals, dann die Brust, der 



96 Regulativ für das Verfahren der Gerichtsarzte etc. 

Unterleib, die Rückenfläche, der After, die äusseren Ge- 
' schlechtstheile und endlich die Glieder. 

Findet sich an irgend einem Theile eine Yerlelzung, so ist ihre 
Gestalt, ihre Lage und Richtung mit Beziehung auf feste Punkte des 
Körpers, ferner ihre Länge und Breite in Metermaass anzugeben. Das 
Sondiren von Trennungen des Zusammenhanges ist bei der äusseren 
Besichtigung in der Regel zu vermeiden, da sich die Tiefe derselben bei 
der inneren Besichtigung des Körpers und der verletzten Stellen ergiebt. 
Halten die Obducenten die Einführung der Sonde für erforderlich , so 
ist dieselbe mit Vorsicht zu bewirken und haben sie die Gründe für ihr 
Verfahren im Protokoll (§. 27.) besonders anzugeben. 

Bei vorgefundenen Wunden ist femer die Beschaffenheit ihrer 
Ränder und Umgebungen festzustellen und nach erfolgter Untersuchung 
und Beschreibung der Wunde in ihrem ursprünglichen Zustande die- 
selbe zu erweitern, und die innere Beschaffenheit ihrer Ränder und 
ihres Grundes zu prüfen. 

Bei Verletzungen und Beschädigungen der Leiche, die unzweifel- 
haft einen nicht mit dem Tode in Zusammenhang stehenden Ursprung 
haben, z. B. bei Merkmalen von Rettungsversuchen, Zernagungen yon 
Thieren und dergleichen, genügt eine summarische Beschreibung dieser 
Befunde. 

§. 14. JT 

Innere Be- ^ Behufs der inneren Besichtigung sind die drei Haupthöhlen 
sichtigung. ^^g Körpers: Kopf-, Brust- und Bauchhöhle zu öffnen. 
Allgemeine In allen Fällen, in welchen von der Oeffnung der Wirbelsäule 

BeRtimmun- ^^^^ einzelner Gelenkhöhlen irgend erhebliche Befunde erwartet werden 
können, ist dieselbe nicht zu unterlassen. 

. Besteht ein bestimmter Verdacht in Bezug auf die Ursache des 
Todes, so ist mit derjenigen Höhle zu beginnen, in welcher sich die 
hauptsächlichen Veränderungen vermuthen lassen; andernfalls ist zuerst 
die Kopf-, dann die Brust- und zuletzt die Bauchhöhle zu öffnen*). 

In jeder der genannten Höhlen sind zuerst die Lage der in ihr 
befindlichen Organe, sodann die Farbe und Beschaffenheit der Ober- 
flächen, ferner ein etwa vorhandener ungehöriger Inhalt, namentlich 
fremde Körper, Gas, Flüssigkeiten oder Gerinnsel und zwar in den 
letzteren beiden F'äUen nach Maass, beziehungsweise Gewicht zu be- 
stimmen, und endlich ist jedes einzelne Organ äusserlich und innerlich 
zu untersuchen. 

§. 15. 

Kopnifihi«. Die Oeffnung der Kopf höhle geschieht, wenn nicht etwa Ver- 

letzungen, die soviel als möglich mit dem Messer umgangen werden 



•) Wegen der Neugeborneu s. §f 23—24. 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 97 

müssen, ein anderes Verfahren gebieten, mittelst eines von einem Ohr 
zam andern mitten über den Scheitel hin geführten Schnittes, worauf 
zunächst die weichen Kopfbedeckungen nach vorn und hinten abge- 
zogen werden. 

Nachdem alsdann die Beschaffenheit der Weichtheiie und die 
Oberfläche der knöchernen Schädeldecke geprüft worden, wird letztere 
durch einen Sägen-Kreisschnitt getrennt, abgenommen und sowohl die 
Schnittfläche und die Innenfläche, als auch die sonstige Beschaffenheit 
des Schädeldaches festgestellt. 

Hierauf wird die äussere Oberfläche der harten Hirnhaut unter- 
sucht, der obere lange Blutleiter geöffnet und sein Inhalt bestimmt, so- 
dann die harte Hirnhaut zuerst auf einer Seite getrennt, zurückgeschla- 
gen und sowohl die innere Oberfläche derselben, als auch die Beschaffen- 
heit der vorliegenden Abschnitte der weichen Hirnhaut untersucht. 

Nachdem dasselbe auch auf der anderen Seite geschehen ist, wird 
das Gehirn kunstgerecht herausgenommen, wobei sofort auf die An- 
wesenheit eines ungehörigen Inhalts am Schädel gründe zu achten und 
die Beschaffenheit sowohl der harten als auch der weichen Hirn baut 
am Grunde und an den Seitentheilen zu ermitteln, auch das Verhalten 
der grösseren Arterien festzustellen ist. 

Nachdem auch die queren und, falls ein Grund dazu vorliegt, die 
übrigen Blutleiter geöffnet sind und ihr Inhalt bestimmt worden ist, 
wird die Grösse und Gestalt des Gehirns ermittelt und endlich durch 
eine Reihe geordneter Schnitte die Untersuchung der einzelnen Hirn- 
theile, namentlich der Grosshirnhemisphären, der grossen Ganglien (Sch- 
und Streifenhügel), der Vierhügel, des Kleinhirns, des Gehirnknotens 
und des verlängerten Markes vorgenommen, wobei namentlich die 
Farbe, die Füllung der Gefässe, die Consistenz und die Structur fest- 
zustellen sind. 

Ausserdem ist stets der Zustand des Gewebes und der Gefässe an 
der oberen Gefässplatte (Velum chorioides) zu ermitteln. 

Die Ausdehnung and der Inhalt der einzelnen Hirnhöhlen, sowie 
die Beschaffenheit und GefässfüUe der verschiedenen Adergeflechte sind 
bei den einzelnen Abschnitten besonders in's Auge zu fassen, auch das 
Vorhandensein etwaiger Blutgerinnsel ausserhalb der Gefässe zu er- 
mitteln. 

Den Schluss macht die Untersuchung der Knochen des Grundes 
und der Seitentheile des Schädels, welcher stets eine Entfernung der 
harten Hirnhaut voraufgehen muss. 

§. 16. 
Wo es nöthig wird, die Oeffnung der inneren Theile des Gesichts, Gesicht, Ohr- 
die Untersuchung der Ohrspeicheldrüse oder dos Gehörorgans vorzu- *p®*<^*^®^" 
nehmen, da ist in der Regel der über den Kopf geführte Schnitt hinter Gehörorgan. 

Virchow, SectSons-Technik. 3. A.uft. n 



98 Regalatiy für das Verfahren der Geriohtsarzie eto. 

dem Ohre bis zum Halse zu verlängern und von hier aas die Haut nach 
vorne hin abzuprapariren, um dieselbe zu schonen. 

Bei diesen Untersuchungen ist stets besondere Aufmerksamkeit 
auf den Zustand der grösseren Arterien und Venen zu richten. 



§. 17. 
wirbeisinie Dj^ Oeffnung der Wirbelsäule (§. 14. Abs. 2) erfolgt in der 

und 
Rückenmark. 



Regel von der Rückenseito her. Es wird zunächst die Haut und das 



Unterhautfett gerade über den Dorn Fortsätzen durchschnitten; sodann 
wird zu den Seiten der letzteren und der Bogenstücke die Musculatur 
abpräparii-t. Dabei ist auf Blutaustretungen,Zerreissungen und sonstige 
Veränderungen, namentlich auf Brüche der Knochen, sorgfältig zu achten. 

Sodann wird mittelst des Meisseis, oder wo eine solche vorhanden 
ist , mit einer Wirbelsäge (Rhachitom) der Länge nach aus allen Wir- 
beln der Domfortsatz mit dem nächstanstossenden Theile des Bogen- 
stücks abgetrennt and herausgenommen. Nachdem die äussere Fläche 
der nun vorliegenden harten Haut geprüft ist, wird letztere durch einen 
Längsschnitt vorsichtig geöffnet und dabei sofort ein etwaiger unge- 
höriger Inhalt, namentlich Flüssigkeit oder ausgetretenes Blut, festge- 
stellt; auch Farbe, Aussehen und sonstige Beschaffenheit des hinteren 
Abschnittes der weichen Haut und durch sanftes Herübergleiten des 
Fingers über das Rückenmark der Grad des Widerstandes desselben er- 
mittelt. 

Nächstdem werden jederseits durch einen Längsschnitt die Nerven- 
wurzeln durchschnitten, das Rückenmark an seinem unteren Ende vor- 
sichtig mit der Hand herausgehoben, auch die vorderen Verbindungen 
nach und nach getrennt und endlich das obere Ende aus dem grossen 
Hinterhaiiptsloche hervorgezogen. 

Bei allen diesen Thätigkeiten ist besonders darauf zu achten, dass 
das Rückenmark weder gedrückt, noch geknickt wird. ]si es heraus- 
genommen, so wird zunächst die Beschaffenheit der weichen Haut an 
der Vorderseite geprüft, nächstdem die Grösse und Farbe des Rücken- 
markes nach der äusseren Erscheinung angegeben und endlich durch 
eine grössere Reihe von Querschnitten, die mit einem ganz scharfen 
und dünnen Messer zu führen sind, die innere Beschaffenheit des 
Rückenmarkes, und zwar sowohl der weissen Stränge, als der grauen 
Substanz, dargelegt. Schliesslich wird die harte Haut von den Wirbel- 
körpem entfernt, und nachgesehen, ob hier Blutergüsse oder Ver- 
letzungen oder Veränderungen der Knochen oder der Zwischenwirbel- 
scheiden aufzufinden sind. 

§.18. 
^^^^'^l^^l Die Oeffnung des Halses, der Brust- und Bauchhöhle wird 

höhle. ^° ^®^ Regel eingeleitet durch einen einzigen, langen, vom Kinn bis zur 



Bestimmun- 
gen. 



Regulativ für das Verfahren der Gericbtsärzte etc. 99 

Schambeinfuge, und zwar links vom Nabel, geführten Schnitt. In den A^iigemeine 
gewöhnlichen Fällen ist derselbe am Unterleibe sogleich bis in die 
Bauchhöhle zu führen, so jedoch, dass jede Verletzung der Organe der- 
selben vermieden wird. Dies geschieht am besten in der Art, dass 
zuerst nur ein ganz kleiner Einschnitt in das Bauchfell gemacht wird. 
Bei dem Einschneiden ist darauf zu achten, ob Gas oder Flüssigkeit 
austritt. Es wird dann zuerst ein, sodann noch ein Finger eingeführt, 
vermittelst derselben die Bauchdecke von den Eingeweiden abgezogen 
und zwischen beiden Fingern der weitere Schnitt durch das Bauch- 
fell geführt. 

Dabei ist sofort die Lage, die Farbe und das sonstige Aussehen 
der vorliegenden Eingeweide , sowie ein etwa vorhandener ungehöriger 
Inhalt anzugeben , auch durch Zufühlen mit der Hand der Stand des 
Zwerchfelles zu bestimmen. 

Die Untersuchung der Organe der Bauchhöhle wird nur in dem 
Falle sofort angeschlossen, wo eine besondere Vermuthung besteht, es 
sei die Todesursache in der Bauchhöhle wirksam gewesen (§. 14.). Für 
gewöhnlich hat die Untersuchung der Brusthöhle der weiteren Er- 
forschung der Bauchhöhle voraufzugehen. 



§. 19. 

Für die Oeflfnung der Brusthöhle ist es erforderlich, dass zu- 
nächst die Weichtheile der Brust bis über die Ansatzstellen der Rippen- 
knorpel an die Rippen hinaus abpräparirt werden. 

Nächstdem werden die Rippenknorpel, und zwar um wenige Milli- 
meter nach innen von ihren Ansatzstellen an die Rippen, mit einem 
starken Messer durchschnitten. Dasselbe ist so zu führen, dass das Ein- 
dringen der Spitze in die Lunge oder das Herz vermieden wird. 

Bei Verknöcherung der Knorpel ist es vorzuziehen, die Rippen 
selbst etwas nach aussen von den Ansatzstellen der Knorpel mit einer 
Säge oder einer Knochenscheere zu trennen. 

Sodann wird jederseits das Schlüsselbeingelenk vom Handgriffe 
des Brustbeins durch halbmondförmig geführte verticale Schnitte ge- 
trennt, und die Verbindung der ersten Rippe, sei es im Knorpel, sei es 
in der Verknöcherung, mit Messer oder Knochenscheere gelöst, wobei 
die grösste Vorsicht zur Vermeidung einer Verletzung der dicht darunter 
gelegenen Gefässe anzuwenden ist. Alsdann wird das Zwerchfell, soweit 
es zwischen den Endpunkten der genannten Schnittlinien angeheftet 
ist, dicht an den falschen Knorpeln und dem Schwertfortsatz abge- 
trennt, das Brustbein nach aufwärts geschlagen und das Mittelfell mit 
sorgsamer Vermeidung jeder Verletzung des Herzbeutels und der grossen 
Gefässe durchschnitten. 

Nachdem das Brustbein entfernt ist, wird zunächst der Zustand 
der Brustfellsäcke, namentlich ein etwaiger ungehöriger Inhalt derselben 

7* 



Brasthohle. 



100 Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 

nach Maass und Beschaffenheit, sowie der Ausdehnungszustand und das 
Aussehen der vorliegenden Lungentheile festgestellt. Hat bei der Ent- 
fernung des Brustbeins eine Verletzung von Gefässen stattgefunden, so 
ist sofort eine Unterbindung oder wenigstens ein Abschluss derselben 
durch einen Schwamm vorzunehmen, damit das ausfliessende Blut nicht 
in die Brustfellsäcke trete und später das Unheil störe. Die Zustande 
des Mittel feiles , insbesondere das Verhalten der darin vorhandenen 
Brust- oder Thymusdrüse, sowie die äussere Beschaffenheit der grossen, 
ausserhalb des Herzbeutels gelegenen Gefässe, welche jedoch noch nicht 
zu öffnen sind, werden schon hier festgestellt. 

Nächstdem wird der Herzbeutel geöffnet und untersucht und das 
Herz selbst geprüft. Bei letzterem ist Grösse, Füllung der Kranzgefässe 
und der einzelnen Abschnitte (Vorhöfe und Kammern), Farbe und Con- 
sistenz (Leichenstarre) zu bestimmen , bevor irgend ein Schnitt in das 
Herz gemacht oder gar dasselbe aus dem Körper entfernt ist. Sodann 
ist, während das Herz noch in seinem natürlichen Zusammenhange sich 
befindet, jede Kammer und jeder Vorhof einzeln zu öffnen und der In- 
halt jedes einzelnen Abschnittes nach Menge, Gerinnungszustand und 
Aussehen zu bestimmen, auch die Weite der Atrioventricularklappen 
durch Einführung zweier Finger vom Vorhof aus zu erproben. Alsdann 
wird das Herz herausgeschnitten, der Zustand der arteriellen Mündungen 
zuerst durch Eingiessen von Wasser, sodann durch Aufschneiden ge- 
prüft und endlich die Beschaffenheit des Herzfleiches nach Farbe und 
Aussehen genauer festgestellt. Entsteht die Vermuthung, dass Verän- 
derungen des Muskelgewebes, z. B. Fettentartung desselben in grösserer 
Ausdehnung, vorhanden seien, so ist jedesmal eine mikroskopische Un- 
tersuchung zu veranstalten. 

An die Untersuchung des Herzens schliesst sich die der grösseren 
Gefässe, mit einziger Ausnahme der absteigenden Aorta, welche erst 
nach den Lungen zu prüfen ist. 

Die genauere Untersuchung der Lungen setzt die Herausnahme 
derselben aus der Brusthöhle voraus. Dabei ist jedoch mit grosser Vor- 
sicht zu verfahren, und jede Zerreissung oder Zerdrückung des Gewebes 
zu vermeiden. Sind ausgedehntere, namentlich ältere Verwachsungen 
vorhanden, so sind dieselben nicht zu trennen, sondern es ist an dieser 
Stelle das Rippenbrustfell mit zu entfernen. Nachdem die Lungen her- 
ausgenommen sind, wird noch einmal sorgsam ihre Oberfläche betrach- 
tet, um namentlich frischere Veränderungen, z. B. die Anfänge entzünd- 
licher Ausschwitzung, nicht zu übersehen ; sodann werden Luftgehalt, 
Farbe und Consistenz der einzelnen Lungenabschnitte angegeben; end- 
lich 'grosse glatte Einschnitte gemacht und die Beschaffenheit der 
Schnittflächen, der Luft-, Blut- und Flüssigkeitsgehalt, der etwaige 
feste Inhalt der Lungenbläschen, der Zustand der Bronchien und Lun- 
genarterien , letzterer namentlich mit Rücksicht auf eingetretene Vor- 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 101 

stopfungen u. s. w. festgestellt. Zu diesem Zwecke sind die Luftwege 
und die grösseren Lungengefässe mit der Scheere aufzuschneiden und 
in ihren feineren Verästelungen zu verfolgen. 

Wo der Verdacht vorlag, dass fremde Massen in die Luftwege 
hineingelangt sind, und wo Stoffe in den Luftwegen gefunden werden, 
deren Natur durch die groben Merkmale derselben nicht sicher ange- 
zeigt wird, da ist eine mikroskopische Untersuchung zu veranstalten. 

§.20. 

Die Untersuchung des Halses kann je nach der Eigenthümlich- ^*^®- 
keit des Falles vor oder nach der Oeffnung der Brust oder der Henaus- 
nahme der Lungen veranstaltet werden. Auch ist es den Obducenten 
anheim gegeben, die Untersuchung des Kehlkopfes und der Luftröhre 
von derjenigen der übrigen Theile zu trennen, wenn derselben eine be- 
sondere Wichtigkeit beizulegen ist, wie es z. B. bei Ertrunkenen oder 
Erhängten der Fall ist. 

In der Regel empfiehlt es sich, zunächst die grossen Gefässe und 
die Nervenstäinme zu untersuchen, nächstdem den Kehlkopf und die 
Luftröhre durch einen Schnitt von vornher zu öffnen und den Inhalt 
derselben zu prüfen. Wo letzterer Betrachtung ein grösserer Werth bei- 
zulegen ist, da ist dieselbe vor Herausnahme der Lungen anzustellen 
und dabei zugleich ein vorsichtiger Druck auf die Lungen auszuüben, 
um zu sehen, ob und welche Flüssigkeit u. s. w. dabei in die Luftröhre 
aufsteigen. 

Es wird alsdann der Kehlkopf im Zusammenhange mit der Zunge, 
dem Gaumensegel, dem Schlünde und der Speiseröhre herausgenommen, 
die einzelnen Theile werden vollständig aufgeschnitten und ihre Zu- 
stände, namentlich auch die der zugehörigen Schleimhäute, festgestellt. 
Es sind dabei die Schilddrüse, die Mandeln, die Speicheldrüsen und die 
Lymphdrüsen des Halses zu beachten. 

Wo Verletzungen des Kehlkopfes oder der Luftröhre stattgefunden 
haben, oder wichtige Veränderungen derselben vermuthet werden, da 
ist jedesmal die Oeffnung der Luftwege erst nach der Herausnahme der- 
selben und zwar von der hinteren Seite her vorzunehmen. 

Wo bei Erhängten oder bei Verdacht des Erwürgungstodes eine 
Oeffnung der Carotiden vorgenommen wird, um zu ermitteln, ob die 
inneren Häute derselben verletzt sind oder nicht, da ist diese Unter- 
suchung zu veranstalten, während die Gefässe sich noch in ihrer natür- 
lichen Lage befinden. 

Schliesslich ist der Zustand der Halswirbelsäule und der tiefen 
Muskulatur zu berücksichtigen. 

§.21. 

Die weiter erforderliche Untersuchung der Bauchhöhle und Bauchhohle. 



102 Regulativ für das Verfahren der Gericbtsärzte etc. 



Milz. 



Nieren. 



ihrer Organe (§. 18) geschieht stets in einer solchen Reihenfolge, dass 
durch die Herausnahme des einen Organs die genauere Erforschung 
seiner Verbindungen mit einem andern nicht beeinträchtigt wird. So 
hat die Untersuchung des Zwölffingerdarmes und des Gallenganges der 
Herausnahme der Leber voranzugehen. In der Regel empfiehlt sich fol- 
gende Reihenfolge: 1. Netz, 2. Milz, 3. Nieren und Nebennieren, 
4. Harnblase, 5. Geschlechtstheile (beim Mann Vorsteherdrüse und Sa- 
menbläschen, Hoden, Rutho mit der Harnröhre; beim Weibe Eierstöcke, 
Trompeten, Gebärmutter und Scheide), 6. Mastdarm, 7. Zwölffinger- 
darm und Magen, 8. Gallengang, 9. Leber, 10. Bauchspeicheldrüse, 
11. Gekröse, 12. Dünndarm, 13. Dickdarm, 14. die grossen Blutgefässe 
vor der Wirbelsäule, deren Blutgehalt zu prüfen und festzustellen ist. 

Die Milz wird jedesmal in Bezug auf Lange, Breite und Dicke 
und zwar in liegender Stellung (nicht in der Hand) und ohne dass der 
Maassstab angedrückt wird, gemessen, sodann der Länge nach and, 
falls sich veränderte Stellen zeigen, in mehreren Richtungen durch- 
schnitten. Jedesmal ist eine Beschreibung ihres Blutgehaltes zu geben. 

Jede der beiden Nieren wird in der Art herausgenommen, dass 
ein vertikaler Längsschnitt durch das Bauchfell nach aussen hinter dem 
auf- oder absteigenden Dickdarm gemacht, letzterer zurückgeschoben 
und die Niere ausgelöst wird. Alsdann wird zunächst durch einen über 
den convexen Rand geführten Längsschnitt die Capsel eingeschnitten 
und langsam abgezogen, die freigelegte Oberfläche der Niere in Bezug 
auf Grösse, Gestalt, Farbe, Blutgehalt, etwaige krankhafte Zustande 
beschrieben. Dann wird ein Längsschnitt durch die ganze Niere bis 
zum Becken derselben geführt, die Schnittfläche in Wasser abgespült 
und beschrieben, wobei Mark- und Rindensubstanz, Gefässe und Paren- 
chym zu unterscheiden sind. 

Die Beckenorgane (Harnblase, Mastdarm und die damit im Zu- 
sammenhange stehenden Geschlechtsapparate) werden, nachdem die 
Harnblase in ihrer natürlichen Lage geöffnet und ihr Inhalt bestimmt 
worden ibt, am besten im Zusammenhange herausgeschnitten und dann 
erst der weiteren Untersuchung unterzogen, bei welcher der Geschlechts- 
apparat zuletzt zur Betrachtung und Oeffnung gelangt. Dabei hat die 
Oeffnung der Scheide derjenigen der Gebärmutter vorherzugehen. Bei 
Wöchnerinnen ist den venösen und lymphatischen Gefässen sowohl an 
der inneren Oberfläche der Gebärmutter, als auch in der Wand und in 
den Anhängen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, namentlich die 
Weite und der Inhalt derselben festzustellen. 

Magen und Zwölffingerdarm werden, nachdem ihr Zustand äusser- 

Zwoiffinger- jj^j^ ermittelt worden ist, in ihrer natürlichen Lage, und zwar der 

Zwölffingerdarm an seiner vorderen Seite, der Magen an der grossen 

Krümmung mit einer Scheere aufgeschnitten und erst nach genauer 

Prüfung ihres Inhalts, sowie der Durchgängigkeit und des etwaigen 



Becken- 
organe. 



Magen und 



Leber. 



Duun- und 
Dickdarm. 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 103 

Inhalts der Mündung des Gallenganges, Behufs weiterer Prüfung heraus- 
geschnitten. 

Die Leber wird zuerst äusserlich in ihrer natürlichen Lage be- 
schrieben und, nachdem gegebenen Falls die Untersuchung ihrer Aus- 
führungsgänge stattgefunden, herausgeschnitten. Durch lange, quer 
durch das Organ gelegte glatte Schnitte wird der Blutgehalt und das 
Verhalten des Parenchyms festgestellt. Bei der Beschreibung ist stets 
eine kurze Rlittheilung über das allgemeine Verhalten der Leberläpp- 
chen, namentlich über das Verhalten der inneren und äusseren Ab- 
schnitte derselben zu geben. 

Der Dünn- und Dickdarm werden, nachdem ihre einzelnen Ab- 
schnitte äusserlich in Bezug auf Ausdehnung, Farbe und sonstiges Aus- 
sehen geprüft worden sind, im Zusammenhange und zwar in der Weise 
herausgenommen, dass mit einem Messer das Gekröse ganz dicht am 
Darm abgeschnitten wird. Nach der Herausnahme wird der Darm mit 
einer Scheere an derjenigen Seite, wo sich das Gekröse ansetzt, aufge- 
schlitzt. Schon während des Aufschlitzens wird der Inhalt der einzelnen 
Abschnitte betrachtet und bestimmt. Sodann wird das Ganze gereinigt 
und der Zustand der einzelnen Abschnitte und zwar im Dünndarm mit 
besonderer Rücksicht auf die Peyer'schen Drüsenhaufen , die Solitär- 
follikel, die Zotten und Falten bestimmt. 

Mindestens in jedem Fall von Bauchfellentzündung ist der Wurm- 
fortsatz genau zu untersuchen. 

§. 22. 

Bei Verdacht einer Vergiftung beginnt die innere Besichtigung ^«*"8»^'""8«' 
mit der Bauchhöhle. Es ist dabei vor jedem weiteren Eingriff das äussere 
Aussehen der oberen Baucheingeweide, ihre Lage und Ausdehnung, die 
Füllung ihrer Gefässe und der etwaige Geruch zu ermitteln. 

In Bezug auf die Gefässe ist hier, wie an anderen wichtigen Or- 
ganen, stets festzustellen, ob es sich um Arterien oder Venen handelt, 
ob auch die kleineren Verzweigungen oder nur Stämme und Stämmchen 
bis zu einer gewissen Grösse gefüllt sind, und ob die Ausdehnung der 
Gefässlichtung eine beträchtliche ist oder nicht. 

Alsdann werden um den untersten Theil der Speiseröhre dicht 
über dem Magenmunde , sowie um den Zwölffingerdarm unterhalb der 
Einmündung des Gallenganges doppelte Ligaturen gelegt und beide 
Organe zwischen denselben durchschnitten. Hierauf wird der Magen mit 
dem Zwölffingerdarm im Zusammenhange herausgeschnitten, wobei jede 
Verletzung derselben sorgfältig zu vermeiden ist. Die Oeffnung ge- 
schieht in der im §. 21 angegebenen Weise. 

Es wird sofort der Inhalt nach Menge, Consistenz, Farbe, Zusam- 
mensetzung, Reaktion und Geruch bestimmt und in ein reines Gefass 
von Porzellan oder Glas gethan. 



lOrt Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 

Sodann wird die Schleimhaut abgespült und ihre Dicke, Farbe, 
Oberfläche, Zusammenhang untersucht, wobei sowohl dem Zustande der 
Blutgefässe, als auch dem Gefüge der Schleimhaut besondere Aufmerk- 
samkeit zuzuwenden und jeder Hauptabschnitt für sich zu behandeln 
ist. Ganz besonders ist festzustellen, ob das vorhandene Blut innerhalb 
von Gefässen enthalten oder aus den Gefässen ausgetreten ist, ob es 
frisch oder durch Fäulniss oder Erweichung (Gährung) verändert und 
in diesem Zustande in benachbarte Gewebe eingedrungen (imbibirt) ist. 
Ist es ausgetreten . so ist festzustellen , wo es liegt , ob auf der Ober- 
fläche oder im Gewebe, ob es geronnen ist oder nicht u. s. w. 

Endlich ist besondere Sorgfalt zu verwenden auf die Untersuchung 
des Zusammenhanges der Oberfläche, namentlich darauf, ob Substanz- 
verluste, Abschürfungen (Erosionen), Geschwüre vorhanden sind. Die 
Frage, ob gewisse Veränderungen möglicherweise durch den natürlichen 
Gang der Zersetzung nach dem Tode, namentlich unter Einwirkung 
gährenden Mageninhalts, zu Stande gekommen sind, ist stets im Auge 
zu behalten. 

Nach Beendigung dieser Untersuchung werden der Magen und der 
Zwölffingerdarm in dasselbe Gefäss mit dem Mageninhalt (s. oben) ge- 
than und dem Richter zur weiteren Veranlassung übergeben. In das- 
selbe Gefäss ist auch später die Speiseröhre, nachdem sie nahe am 
Halse unterbunden und über der Ligatur durchschnitten worden, nach 
vorgängiger anatomischer Untersuchung, sowie in dem Falle, dass wonig 
Mageninhalt vorhanden ist, der Inhalt des Leerdarms zu bringen. 

Endlich sind auch andere Substanzen und Organtheile, wie Blut, 
Harn, Stücke der Leber, der Nieren u. s. w. aus der Leiche zu ent- 
nehmen und dem Richter abgesondert zur weiteren Veranlassung zu 
übergeben. Der Harn ist für sich in einem Gefässe zu bewahren, Blut 
nur in dem Falle, dass von einer spektralanalytischen Untersuchung 
ein besonderer Aufschluss erwartet werden kann. Alle übrigen Theile 
sind zusammen in ein Gefäss zu bringen. 

Jedes dieser Gefässe wird verschlossen, versiegelt und bezeichnet. 

Ergiebt die Betrachtung mit blossem Auge, dass die Magen- 
schleimhaut durch besondere Trübung und Schwellung ausgezeichnet 
ist, so ist jedesmal und zwar möglichst bald eine mikroskopische Unter- 
suchung der Schleimhaut, namentlich mit Bezug auf das Verhalten der 
Labdrüsen, zu veranstalten. 

Auch in den Fällen, wo sich im Mageninhalt verdächtige Körper, 
z. B. Bestandtheile von Blättern oder sonstige Pflanzentheile , üeber- 
reste von thierischer Nahrung, finden, sind dieselben einer mikrosko- 
pischen Untersuchung zu unterwerfen. 

Bei Verdacht einer Trichinenvergiftung hat sich die mikrosko- 
pische Untersuchung zunächst mit dem Inhalt des Magens und des obe- 
ren Dünndarms zu beschäftigen, jedoch ist zugleich ein Theil der Mus- 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 106 

kulatur (Zwerchfell, Hals und Brustmuskeln) zur weiteren Prüfung 
zurückzulegen. 

§.23. 

Bei den Obduktionen Neugeborener sind ausser den oben an- Neugebome. 
geführten allgemeinen Vorschriften noch folgende besondere Punkte zu . ™ .^ ""^ 
beachten : der Ent- 

Es müssen erstens die Zeichen ermittelt werden, aus welchen auf ^»c'^e*"»?»- 
die Reife und dieEntwickelungszeit des Kindes geschlossen werden kann. 

Dahin gehören: Länge und Gewicht des Kindes, Beschaffenheit 
der allgemeinen Bedeckungen und der Nabelschnur, Länge und Beschaf- 
fenheit der Kopfhaare, Grösse der Fontanellen, Längen-, Quer- und 
Diagonal-Durchmesser des Kopfes, Beschaffenheit der Augen (Pupillar- 
membran), der Nasen- und Ohrknorpel, Länge und Beschaffenheit der 
Nägel, Querdurchmesser der Schultern und Hüften, bei Knaben die Be- 
schaffenheit des Hodensacks und die Lage der Hoden, bei Mädchen die 
Beschaffenheit der äusseren Geschlechtstheile. 

Endlich ist noch zu ermitteln, ob und in welcher Ausdehnung in 
der unteren Epiphyse des Oberschenkels ein Knochenkern vorhanden 
ist. Zu diesem Behuf wird das Kniegelenk durch einen unterhalb der 
Kniescheibe verlaufenden Querschnitt geöffnet, die Extremität im Ge- 
lenke stark gebeugt und die Kniescheibe entfernt. Alsdann werden 
dünne Kuorpelscliichten so lange abgetragen, bis man auf den grössten 
Quer-Durchmesser des etwa vorhandenen Knochenkerns gelangt, wel- 
cher nach Millimetern zu messen ist. 

Ergiebt sich aus der Beschaffenheit der Frucht, dass dieselbe vor 
Vollendung der dreissigsten Woche geboren ist, so kann von der Ob- 
duction Abstand genommen werden, wenn dieselbe nicht von dem 
Richter ausdrücklich gefordert wird. 

§24. 

Ist anzunehmen, dass das Kind nach der dreissigsten Woche ge- Ermittelung 
boren worden, so muss zweitens untersucht werden, ob es in oder nach stattgehabter 
der Geburt geathmet hat. Es ist deshalb die Athemprobe anzustellen ^* °*'*"^' 
und zu diesem Zweck in nachstehender Reihenfolge vorzugehen: 

a) Schon nach Oeffnung der Bauchhöhle ist der Stand des Zwerch- 
fells in Bezug auf die entsprechende Rippe zu ermitteln, wes- 
halb bei Neugebornen überall die Bauchhöhle zuerst und für 
sich, und dann erst die Brust- und Kopfhöhle zu öffnen sind. *) 

b) Vor Oeffnung der Brusthöhle ist die Luftröhre oberhalb des 
Brustbeins einfach zu unterbinden. 



*) Jedoch soll keineswegs die Section der Organe der Bauchhöhle vor der Oeffnung 
und Untersuchung der Brusthohle veranstaltet werden. 



106 Regulativ füt das Verfahren der Gerichtsärzto etc. 

c) Demnächst ist die Brusthöhle zu öffnen und die Ausdehnung 
und die von derselben abhängige Lage der Lungen (letztere 
namentlich in Beziehung zum Herzbeutel), sowie die Farbe 
und Consistenz der Lungen zu ermitteln. 

d) Der Herzbeutel ist zu öffnen und sowohl sein Zustand als die 
äussere Beschaffenheit des Herzens festzustellen. 

e) Die einzelnen Abschnitte des Herzens sind zu öffnen, ihr In- 
halt ist zu bestimmen und ihr sonstiger Zustand festzustellen. 

f) Der Kehlkopf und der Theil der Luftröhre oberhalb der Liga- 
tur ist durch einen Längsschnitt zu öffnen und sein etwaiger 
Inhalt, sowie die Beschaffenheit seiner Wandungen festzu- 
stellen. 

g) Die Luftröhre ist oberhalb der Ligatur zu durchschneiden und 
in Verbindung mit den gesammten Brustorganen herauszu- 
nehmen. 

h) Nach Beseitigung der Thymusdriise und des Herzens ist die 
Lunge in einem geräumigen, mit reinem, kaltem Wasser ge- 
füllten Gefäss auf ihre Schwimmfähigkeit zu prüfen. 

i) Der untere Theil der Luftröhre und ihre Verzweigungen sind 
zu öffnen und namentlich in Bezug auf ihren Inhalt zu unter- 
suchen. 

k) In beide Lungen sind Einschnitte zu machen, wobei auf etwa 
wahrzunehmendes knisterndes Geräusch, sowie auf Menge und 
Beschaffenheit des bei gelindem Druck aufdieseSchnittfläclien 
hervorquellenden Blutes zu achten ist. 

1) Die Lungen sind auch unterhalb des Wasserspiegels einzu- 
schneiden, um zu beobachten, ob Luftbläschen aus den 
Schnittflächen emporsteigen. 

m) Beide Lungen sind zunächst in ihre einzelnen Lappen, sodann 
noch in einzelne Stückchen zu zerschneiden und alle ins- 
gesammt auf ihre Schwimmfähigkeit zu prüfen. 

n) Der Schlund ist zu öffnen und sein Zustand festzustellen. 

Endlich ist 

o) falls sich der Verdacht ergiebt, dass die Lunge wegen An- 
füllung ihrer ' Räume mit krankhaften (Hepatisation) oder 
fremden (Kindsschleim, Kindspech) Stoffen Luft aufzunehmen 
nicht im Stande war, eine mikroskopische Untersuchung der- 
selben vorzunehmen. 

§.25. 

SoDstige Schliesslich wird den Obducenten zur Pflicht gemacht, auch alle 

n crsuc »"- jj^ ^^^^ Regulativ nicht namentlich aufgeführten Organe, falls sie an 
denselben Verletzungen oder sonstige Regelwidrigkeiten finden, zu unter- 
suchen. 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 107 

§. 26. 
Der Gerichts- (Kreis-) Wundarzt, beziehungsweise der zugezogene scWiessang 
zweite Arzt, hat die Verpflichtung, nach beendeter Obduction und nach J^ ^ekhe." 
der so weit als möglich erfolgten Beseitigung der Abgänge, die kunst- 
gerechte Schliessung der geöffneten Körperhöblen zu bewirken. 



m. Abfassung des Obductions-Frotocolls und des 

Obductions-Berichts. 

§.27. 

Aufnahme 

üeber alles die Obduction Betreffende wird an Ort und Stelle von des 
dem Richter ein Protokoll aufgenommen (Obductions-Protokoll). Obductions- 

Der Physikus (^Gerichtsarzt) hat dafür zu sorgen, dass der tech- P'^tokoUs. 
nische Befund in allen seinen Theilen, wie er von den Obducenten fest- 
gestellt worden, wörtlich in das Protokoll aufgenommen werde. 

Der Richter ist zu ersuchen, dies so geschehen zu lassen, dass die 
Beschreibung und der Befund jedes einzelnen Organes aufgezeichnet ist, 
bevor zur Untersuchung eines folgenden geschritten wird. 

§. 28. 

Der den technischen Befund ergebende Theil des Obductions- ^*»'*«»»*"°8 
Protokolls muss von dem Physikus (Gerichtsarzt) deutlich , bestimmt "" ^l^ "°* 
und auch dem Nichtarzt verständlich angegeben werden. Zu letzterem ProtokoUs. 
Zweck sind namentlich bei der Bezeichnung der einzelnen Befunde 
fremde Kunstausdrücke, so weit es unbeschadet der Deutlichkeit mög- 
lich ist, zu vermeiden. 

Die beiden Hauptabtheilungen — die äussere und innere Besich- 
tigung — sind mit grossen Buchstaben (A und B), die Abschnitte über 
die Oeffnungen der Höhlen in der Reihenfolge, in welcher dieselben 
stattgefunden, mit römischen Zahlen (L, IL), die der Brust- und Bauch- 
höhle aber unter Einer Nummer zu bezeichnen. In dem Abschnitt, 
welcher die Brust- und Bauchhöhle umfasst, sind zunächst die all- 
gemeinen, in dem letzten Absatz des §. 18 erwähnten Befunde, sodann 
unter a und b die Befunde an den Organen der Brusthöhle, beziehungs- 
weise an denen der Bauchhöhle darzulegen. 

Das Ergebniss der Untersuchung jedes einzelnen T heiles ist unter 
eine besondere, mit arabischen Zahlen zu bezeichnende Rubrik zu brin- 
gen. Die Zahlen laufen von Anfang bis zum Schluss des Protokolls fort. 

Die Befunde müssen überall in genauen Angaben des thatsächlich 
Beobachteten, nicht in der Form von blossen Urtheilen (z. B. ^ent- 
zündet", „brandig", gesund", »normal", „Wunde", „Geschwür" und 
dergleichen) zu Protokoll gegeben werden. Jedoch steht es den Ob- 



108 Regulativ för das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 

ducenten frei, falls es ihnen zur Deutlichkeit nothwendig erscheint, der 
betreffenden Angabe des thatsächlich Beobachteten derartige Bezeich- 
nungen in Klammern beizufügen. 

In jedem Fall muss eine Angabe über den Blutgehalt jedes einzel- 
nen wichtigen Theils und zwar auch hier eine kurze Beschreibung und 
nicht bloss ein Urtheil (z. B. „stark**, „massig**, „ziemlich", ^sehr 
geröthef*, „blutreich", „blutarm") gegeben werden. Bei der Beschrei- 
bung sind der Reihe nach die Grösse, die Gestalt, die Farbe und die 
Consistenz der betreffenden Theile anzugeben, bevor dieselben zer- 
schnitten werden. 

§. 29. 
Vorläufiges j^^ Schluss der Obduction haben die Obducenten ihr vorläufiges 

Gutachten. Q^tachten Über den Fall summarisch und ohne Angabe der Gründe zum 
Protokoll zu geben. 

Sind ihnen aus den Akten oder sonst besondere, den Fall be- 
treffende Thatsachen bekannt, welche auf das abgegebene Gutachten 
Einfluss ausüben, so müssen auch diese kurz erwähnt werden. 

Legt ihnen der Richter besondere Fragen vor, so ist in dem Proto- 
koll ersichtlich zu machen, dass die Beantwortung auf Befragen des 
Richters erfolgte. 

Auf jeden Fall ist das Gutachten zuerst auf die Todesursache, 
und zwar nach Massgabe desjenigen, was sich aus dem objektiven Be- 
funde ergiebt, nächstdem aber auf die Frage der verbrecherischen Ver- 
anlassung zu richten. 

Ist die Todesursache nicht aufgefunden worden, so muss dies aus- 
drücklich angegeben werden. Niemals genügt es, zu sagen, der Tod 
sei aus innerer Ursache oder aus Krankheit erfolgt; es ist vielmehr die 
letztere anzugeben. 

In Fällen, wo weitere technische Untersuchungen nöthig sind, oder 
wo zweifelhafte Verhältnisse vorliegen, ist ein besonderes Gutachten 
mit Motiven ausdrücklich vorzubehalten. 

§• 30. 

Zusätzliche Zeigen sich an der Leiche Verletzungen, welche muthmaasslich 

^ übeT^*" ^^® Ursache des Todes gewesen , und ist der Verdacht vorhanden , dass 

Werkzeuge, ©in vorgcfundencs Werkzeug bei Zufügung der Verletzungen benutzt 
worden, so haben die Obducenten auf Erfordern des Richters beide zu 
vergleichen und sich darüber zu äussern, ob und welche Verletzungen 
mit dem Werkzeuge bewirkt werden konnten und ob und welche Schlüsse 
(aus der Lage und Beschaffenheit der Verletzung) auf die Art, wie der 
Thäter, und auf die Kraft, mit der er verfahren, zu ziehen seien. 

Werden bestimmte Werkzeuge nicht vorgelegt, so haben sich die 
Obducenten, so weit dies dem Befunde nach möglich ist, über die Art 



bericht. 



Regulativ für das Verfahren der Gerichtsärzte etc. 109 

der Entstehung der Verletzungen, beziehungsweise über die Beschaffen- 
heit der dabei in Anwendung gekommenen Werkzeuge zu äussern. 

§.31. 

Wird von den Obducenten ein Obductions-Be rieht (motivirtes o»>ducttong. 
Gutachten) erfordert, so ist dasselbe in folgender Form zu erstatten: 

Es wird, unter Fernhaltung unnützer Formalien, mit einer ge- 
drängten, aber genauen Geschichtserzählnng des Falls, wenn und soweit 
sie auf Grund einer Kenntnissnah me der einzusehenden Verhandlungen 
möglich ist, unter Angabe der Aktenfolien begonnen. Sodann wird das 
Obduktions-Protokoll, jedoch nur soweit, als sein Inhalt für dieBeurthei- 
lung der Sache wesentlich ist, wörtlich und mit den Nummern des Pro- 
tokolls, aufgenommen; dabei ist auf etwaige Abweichungen von dem- 
selben ausdrücklich aufmerksam zu machen. 

Die Fassung des Obductions- Berichts muss bündig und deutlich 
sein und die Begründung des Gutachtens so entwickelt werden , dass 
sie auch für den Nichtarzt verständlich und überzeugend ist. Es haben 
sich die Obducenten daher möglichst deutscher Ausdrücke und allge- 
mein fasslicher Wendungen zu bedienen. Besondere Beziehungen auf 
literarische Quellen sind in der Regel zu unterlassen. 

Wenn den Obducenten für ihre Begutachtung richterlicherseits 
bestimmte Fragen vorgelegt werden, so haben sie dieselben vollständig 
und möglichst wörtlich zu beantworten oder die Gründe anzuführen, 
aus welchen dies nicht möglich ist. 

Der Obductionsbericht muss von beiden Obducenten unterschrieben 
und wenn ein Physikus die Obduction mit vorgenommen hat. mit dessen 
Amtssiegel versehen werden. 

Jeder erforderte Obductionsbericht muss von den Obducenten spä- 
testens innerhalb vier Wochen eingereicht werden. 

Berlin, den 6. JauuaV 1875. 

Königliche Wissenschaftliche Deputation für das 

Medicinal-Wesen. 



Das vorstehende Regulativ wird hierdurch unter Aufhebung des 
Regulativs vom 15. Nohrember 1858 genehmigt und die Beachtung des- 
selben den betreffenden Medizinal-Personen zur Pflicht gemacht. 

Berlin, den 13. Februar 1875. 

Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und 
Medizinal- Angelegenheiten. 

Falk. 



Oedrurkt bei L. Scharaacher in Berlin. 



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